Stimmen zum digitalen Wandel
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Wann kommt die digitale Siesta?

Titelbild zu "Wann kommt die digitale Siesta?"

So oft wie die “Digital Natives” schaut Arito Rüdiger Sakai nicht auf sein Smartphone. Eine Erholung davon braucht er trotzdem. In seinen Seminaren zu Fotografie und Film thematisiert er auch die Skepsis, mit der unsere Gesellschaft neuen Medien begegnet. Im Gespräch erzählt er von seinem eigenen zwiespältigen Verhältnis zum digitalen Wandel.

Kulturschwarm: Wie häufig schauen Sie täglich auf Ihr Smartphone?
Arito Rüdiger Sakai:
Von 10 bis 22 Uhr insgesamt vielleicht zehn mal. Da ich weder in einer WhatsApp-Gruppe bin noch unterwegs Musik höre oder Spiele spiele, nutze ich das Smartphone fast ausschließlich dafür, um meine Mails zu überprüfen. Das ermöglicht mir, die Mitwelt zu beobachten und peripatetisch über sie nachzudenken.

Wann ist das Smartphone Fluch, wann Segen?
Schade ist, dass es dadurch weniger Blickkontakte gibt und sich das analoge Gemeinschaftsgefühl verringert hat. An seine Stelle ist die digitale Solidarität getreten. Ihretwegen werden aber nicht Blicke, sondern Worte, Bilder und Filme getauscht. Schön ist, dass man auf
vergriffene Bücher und entlegene Handschriften zugreifen kann. Gershom Scholem musste für seine kabbalistischen Untersuchungen noch die Bibliotheken Europas bereisen. Für die Popkultur ist es ebenfalls ein Segen, dass vergessene Musik-Videos wieder sichtbar geworden sind. These: Ohne das Internet gäbe es keine Retrokultur.

Dr. Arito Rüdigere Sakai wurde in Berlin geboren und ist 46 Jahre alt. Er studierte Philosophie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Schwerpunkt Exilpublizistik) sowie Kunstgeschichte an der Universität Wien. Er promovierte in der Philosophie zu dem Thema”Von Mächten des Widerspruchs”. Seit 2011 lehrt Sakai am Masterstudiengang Kulturjournalismus der UdK Berlin.

Welche drei Apps können Sie empfehlen?
In meinem Falle sind es eher Links. Für Radi
o ist es der Podcast der Sendung Fazit des Deutschlandfunk Kultur. Für Schriften die Webseite der Deutschen Digitalen Bibliothek und im Bereich Design www.dezeen.com.

Wie prägt die Digitalisierung Ihr Berufsfeld?
Das Notebook hat ja die Immobilie Büro, als das Offie, digitalisiert und mobilisiert. Dadurch ist „der flexible Mensch“, wie Richard Sennett sagte, räumlich wie zeitlich immer im Büro. Das ist aber kein Ort, wo ein Gedanke reifen kann.

In welchen Arbeitsphasen arbeiten Sie bewusst offline?
Wenn ich Aufsätze schreibe oder mit Kunst beschäftigt bin, bin ich den ganzen Tag lang offline. Das erlaubt mir, dass ich mich nur einer Sache widme und am Ende ein „Werk des Tages“ (Max Weber) vor mir habe.

Was sollte noch erfunden werden, um Ihren Alltag angenehmer zu gestalten?
Digitale Siesta.

Foto: AbstrAct2 von Raoul Pictor /Flickr unter CC BY 2.0

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