Stimmen zum digitalen Wandel
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Es ist nicht alles gut, was digital ist

Portraitaufnahme der Künstlerin Francis Zeischegg vor einer weißen Wand
Francis Zeischegg Portrait, Konzeptkünstlerin, Berlin, Weimar, UdK, Bauhaus Universität

Francis Zeischegg (51) ist Konzeptkünstlerin und lehrt an der Bauhaus Universität Weimar sowie an der Universität der Künste Berlin. Ihre künstlerische Arbeit lebt vom Austausch zwischen Analogie und Digitalität, genauso wie ihr Privatleben, in dem sie permanent auf der Suche nach einer Balance aus Online und Offline ist. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich im Gespräch mit ihr herausstellt. 

Kulturschwarm: Wie häufig schauen Sie täglich auf Ihr Smartphone?

Francis Zeischegg: Morgens werfe ich als erstes einen Blick auf den Wetterbericht, spätestens nach dem Frühstück kommen dann meine Mails hinzu und wenn ich unterwegs bin, nutze ich es als Informations- und Kommunikationstool. Ansonsten versuche ich es aber nur alle zwei Stunden in die Hand zu nehmen.

Wann ist das Smartphone Fluch, wann Segen? 

Als Pendlerin ist es ein Segen, ein Gerät zu besitzen, das alles in sich beherbergt. Insbesondere WhatsApp Gruppen erleichtern mir den Alltag enorm. Ob mit Studenten oder anderen Künstlern, der Austausch ist sehr viel unkomplizierter als per Mail.
Fluch ist es, wenn es mitten im Unterricht oder in einer Unterredung klingelt, oder wenn morgens im Zug die Sitznachbarn im Großraumwaggon lauthals anfangen, ihre Bürotelefonate abzuhalten. Wenn ich statt zum Buch zum Smartphone greife und mich in irgendwelchen Surfereien verliere, hat es für mich auch seinen Nutzen verfehlt.

Welche drei Apps können Sie empfehlen? 

Zum Radio hören nutze ich tunein, als Übersetzungstool dict.cc.app und natürlich den DB-Navigator, mit dem ich Fahrkarten schnell und bequem von unterwegs buchen kann. Zeit Online liefert mir die neuesten Nachrichten.

Wie prägt die Digitalisierung Ihr Berufsfeld?

In meinem eigenen künstlerischen Arbeiten greife ich viel auf den Computer zurück. Für meine Zeichnungen lege ich erst einmal bestimmte Formationen mit Designprogrammen wie Indesign und Illustrator fest, die ich mit Stift und Lineal nicht so genau konstruieren könnte. Außerdem arbeite ich viel digital, wenn es um das Bearbeiten, Vergrößern oder Verkleinern von Bildern geht, oder um die Herstellung von Laser-oder Fräs-Vorlagen.
Das wichtigste für mich ist, dieses computergenerierte Arbeiten mit dem physisch-händischen Tun zu verbinden. Egal wie hilfreich der Computer sein mag, Physis und Haptik können wir nicht einfach aus der Welt verbannen, dadurch würde uns einiges verloren gehen.

In welchen Arbeitsphasen arbeiten Sie bewusst offline?

Bei meinen Rasterzeichnungen arbeite ich vor allem analog. Elemente, die eigentlich auf das computergenerierte Bild verweisen, versuche ich an das manuelle Tun zurückzubinden. Und umgekehrt auch. Ich arbeite viel über dem Lichttisch, der ja auch eine Vorform des computergenerierten Arbeitens darstellt. Das Papier ist Materie und das Licht scheint durch diese hindurch. Der analoge Bezug darf in keinem meiner Arbeitsprozesse fehlen.
Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass ich aus einer Generation stamme, in der die klassischen Verfahren des Graphikdesigns noch eine große Rolle spielten.

Das von Ihnen veröffentlichte Lehrbuch „Visuelles Gestalten mit dem Computer“ macht deutlich, wie wichtig der Computer für die Gestaltungsbranche geworden ist. Könnte dieser Fortschritt irgendwann dazu führen, dass der Mensch vollständig vom Computer abgelöst wird?

Ich befürchte schon, dass der Computer in vielen Bereichen unsere Aufgaben erledigen wird, das tut er ja bereits. Früher gab es die Automatisierung, jetzt gibt es die Digitalisierung. Zusammengenommen bringt das eine extreme Vereinfachung auf der einen und eine extreme Überforderung auf der anderen Seite mit sich. Wenn alle Aufgabenbereiche an Computer abgegeben werden, ist der Mensch irgendwann nicht mehr in der Lage etwas selbst  auszuführen, sondern nur noch zu dirigieren. Drastisch wird es dann, wenn die Apparate irgendwann mal ausfallen oder sich vollkommen verselbstständigen. In unserem Haus fiel wegen einer Sturmflut im Sommer für drei Wochen der Strom aus. Da fiel mir auf, wie extrem wir mit unseren Computern auf Strom angewiesen sind.

In Ihrer Arbeit setzen Sie sich mit der Wahrnehmung von Raum bzw. sozialen Handlungsräumen auseinander. Inwieweit wird diese Wahrnehmung gestört, wenn wir nur noch in virtuellen Welten unterwegs sind?

Die virtuelle Welt ist gestaltet und dadurch extrem limitiert.Diese Limitierung fängt schon in unseren urbanen Welten an, wo wir vergessen, was es ausserhalb der Städte eigentlich noch alles gibt. Man erlebt nicht mehr mit allen Sinnen, dabei ist unsere physische Welt unglaublich vielfältig.
Dieser Sinnesverlust ist dramatisch. Zu beobachten ist das ja schon bei Kleinkindern, die viele Fähigkeiten gar nicht mehr erlernen, weil sie sich viel zu wenig in der Natur aufhalten. Die Virtualität macht aus dem Menschen nur noch einen Beobachter. Das Sehen wird zwar gestärkt, aber natürlich auch künstlich dirigiert und damit in einen neuen Kontext gestellt. Das Subjekt hat nicht mehr die Möglichkeit mit allen Aspekten und Komponenten, mit denen es ausgestattet ist, umzugehen und selbst kreativ zu werden bzw. zu gestalten. Die Interaktion bleibt aus.

Trifft das für Sie auch auf den Trend der sogenannten Virtual Reality zu?

Sicherlich öffnet die virtuelle Realität Räume, in denen Prozesse einfacher durchzusetzen sind. Das betrifft insbesondere Menschen, die nicht mehr mobil sind. Virtuelle Realitätswelten können dann eine totale Bereicherung sein. Denken wir an Stephen Hawking, der ohne die Technik nicht die Wissenschaft hätte revolutionieren können. Ich selber bin aber ein Verfechter des Physischen.

Was sollte noch erfunden werden, um Ihren Alltag angenehmer zu gestalten?

Ein digitaler Tausendsassa für mein Büro. Eine Art Siri in Form eines persönlichen Büro-Assistenten, der alles im Blick behält, vor allem aber auch weiß, wie ich in bestimmten Moment handeln oder denken würde.
Ich finde es enorm anstrengend, endlose Mails zu beantworten und Assistenten und Hilfskräfte zu instruieren. Geräte sind da natürlich sehr viel anpassungsfähiger und belastbarer. Als Künstlerin muss ich mich letztendlich immer auf meine eigenen Überlegungen und Fähigkeiten verlassen. Alles andere ist Augenwischerei.

Foto: Sigrid Jonas

Francis Zeischegg (*1956 in Hamburg) studierte freie Kunst bei Prof. Raimund Girke und visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin sowie Sozialwissenschaften und Pädagogik an der Technischen Universität Berlin. Als Konzept-Künstlerin setzt sie sich insbesondere mit Interventionen in sozialen Handlungsräumen auseinander. Ihr Augenmerk richtet sich dabei auf die Wahrnehmung von Raumgrenzen und Standortfragen. Ihre Skulpturen, sind teilweise Zitate oder Nachbauten aus der Alltagswelt und zielen auf Benutzbarkeit und Körperwahrnehmung ab.
Neben ihrem künstlerischen Schaffen lehrt sie an der Bauhaus Universität Weimar und an der Universität der Künste Berlin in den Fächern Gestaltung und Freie Kunst. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
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