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“Wir waren auch nicht willkommen”

Elfride Schneider. Foto: Linda Gerner

Elfriede sitzt in ihrem blauen Sessel im Wintergarten, sorgfältig sortiert sie die Dinge auf dem Tisch vor sich. Schwarz-Weiß Fotos, zwei Bücher und ein Kalender. Aufgeschlagen ist das Foto eines Schlosses. Früher stand es im deutschsprachigen Quittainen. Mit ihrer ordentlichen Handschrift hat sie Notizen an den Kalenderrand geschrieben. Es sind Erinnerungen an einen Abschnitt ihrer Kindheit – die Flucht aus Ostpreußen.

von Linda Gerner

Seit über 70 Jahren lebt Elfriede Schneider mit ihrer Familie in Heiligenhaus in NRW. Hier geht sie zur Schule, macht eine Ausbildung zur Kauffrau, heiratet und bekommt vier Töchter. Sie ist hier verwurzelt. Doch zu Beginn ihrer Schulzeit wird sie mit Sätzen wie „die kommt aus der kalten Heimat“ und „Polacke“ ausgegrenzt. „Dabei hatten wir mir Polen gar nichts zu tun“, sagt Elfriede. „Aber das war egal. Man hat uns damals genauso wenig gewollt, wie jetzt manche die Flüchtlinge nicht wollen“.

Elfriede verbringt ihre ersten sechs Lebensjahre nicht im Niederbergischen Land, sondern im ehemaligen Bauerndorf Sodehnen. Heute ist das der russische Ort Krasnojarskoje. Mit ihren Großeltern, ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Ulla lebt sie auf einem Selbstversorgerhof. Ihr Vater ist in Russland stationiert und den Geschwistern fremd: „Papi, das war für uns jemand, der ein-zweimal zu Besuch kam“. Fragen nach der Einstellung ihrer Familie zum Nationalsozialismus umgeht Elfriede. Man sprach mit Kindern nicht über den Krieg.
Ostpreußen aufzugeben und zu fliehen, das war von den Nazis verboten. Als die Familie es dann im Winter 1944 darf, muss es schnell gehen. Der Pferdewagen wird erst mit dem Nötigsten bepackt, als die sowjetischen Truppen fast da sind: „Ich hab das Knallen gehört, aber konnte es nicht einordnen. Jetzt weiß ich, wären wir geblieben, hätten wir zu den Toten gehört“, sagt Elfriede. Berichte über Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen und Ermordungen bei Ortseinnahmen der Roten Armee hat sie erst viel später gelesen. Sie glaubt, dass ihre Mutter darüber Bescheid wusste. Heute wird häufig vom „Massaker von Nemmersdorf“ gesprochen – ein Nachbarort des früheren Sodehnen.

Zurückgelassen werden Höfe und Tiere, die Haustüren stehen offen

Wann genau sie aufbrachen, weiß sie nicht. Der Blick zurück auf ihr Heimatdorf zeigt ein chaotisches Bild. Überall irren freigelassene Tiere über die Höfe, alle Haustüren stehen offen. Sie fliehen und Elfriede erinnert sich an Hunger, an Kälte und an zwei dicke Pullover. Einen für sich, einen für Ulla. Im Prinzip, sagt sie, könne sie dankbar sein, dass sie sich nicht an alles erinnere. Nur das Bild ihrer Puppe Heidi, die in der Kiste im Wagen ganz oben liegt, hat sie klar vor Augen. Eindrücklich beschreibt sie auch, dass bei Todesfällen die Leichname am Straßenrand zurückgelassen werden: „Die Erde war hart. Und man hatte keine Zeit für ein Begräbnis, man musste weiter, um sein Leben zu retten.“

Die erste Station der Flucht ist das Schloss Quittainen, wo sie in einem Nebenhaus auf Stroh schlafen. Heute liegt der Ort in Polen. Elfriede hält den vergilbten Kalender lange in der knöcherigen Hand und blickt nachdenklich auf das Bild des Schlosses. „Da gab’s einen Raum, wo Karussells für Kinder standen. Benutzen durften wir die aber nicht“, fällt ihr schließlich ein.

Doch die sowjetische Armee rückt weiter vor. Auch die Menschen im ehemaligen Quittainen müssen fliehen. In Flüchtlingstrecks kommen sie zu einem Bahnhof. Nach mehrmaligem Umsteigen und Fahrten in teils offenen Lieferwagen, erreichen sie Naila, das direkt hinter der Grenze zur Ostzone liegt. Dort werden die Flüchtlinge erneut auf Häuser verteilt. Elfriedes Familie wird im Herrenzimmer der fünfköpfigen Familie Spoerl untergebracht. Mit ihrer Mutter schläft sie auf einem schmalen Sofa, Ulla auf einem Sessel. Frau Spoerl ist freundlich zu den Flüchtlingen, doch Herr Spoerl zeigt ihnen, dass sie unerwünscht sind. Er versteckt das Brot, um nicht teilen zu müssen und schimpft mit den Kindern. Einen Sommer verbringen sie in Naila. Dann steht plötzlich Otto, der Bruder von Elfriedes Vater, vor der Tür. Er holt sie nach Heiligenhaus. Sie kommen an.

Und bleiben fremd. Elfriedes Fluchtwahrnehmung ist die eines kleinen Mädchens. Aber sie kennt das Gefühl, als Flüchtling in einen neuen Ort zu kommen. Erinnert sich an Anfeindungen und Missgunst: „Wir waren auch nicht willkommen“. Elfriede spricht mit fester Stimme, aber an dieser Stelle muss sie weinen. Denn ihre Erfahrungen spiegeln sich in den aktuellen Nachrichten wider. Brennende Flüchtlingsunterkünfte, Rufe nach Abschiebung: „Das macht mich fertig“, sagt sie. Sie findet es gut, dass es Vergleiche von der Flucht damals und der Flüchtlingssituation heute gibt: „Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass sowieso schon ganz viele Flüchtlinge in Deutschland leben“.

Seit März 2016 wohnt nebenan der 14-jährige Homajon aus Afghanistan. Auf der Flucht hat er seine Familie verloren und lebt jetzt als Pflegekind bei Elfriedes Nachbarn. Seine Situation erinnert Elfriede daran, wie auch sie plötzlich bei einer fremden Familie wohnte, weit weg von Zuhause: „Da muss man sich mal reindenken, was er erlebt hat. Und dann schlägt ihm Hass entgegen“, sagt sie mit belegter Stimme. Elfriede stellt sich jetzt oft vor, wie es für ihre Mutter war. Alleine mit zwei kleinen Kindern auf der Flucht. Gesprochen haben sie darüber nie.

Foto: Linda Gerner

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