Stimmen zum digitalen Wandel
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Über erfüllte und unerfüllte Kommunikation

Lisa Mann

Lisa Mann sieht in der Netzkultur Fortschritt und Stillstand zugleich. Im Interview blickt die Designerin auf die digitale Affinität ihres Berufsfeldes, verrät welchen Modeakteuren sie im Netz folgt und äußert einen maschinellen Wunsch.

Kulturschwarm: Wie häufig schauen Sie täglich auf Ihr Smartphone?

Lisa Mann: Oft. Etwa vierzig Mal am Tag. Hier in der Bar habe ich bestimmt schon dreifach auf mein Display geschaut. Man guckt mit einer Neugierde darauf, als ob man zuvor noch nichts gesehen hätte. Wie ein kurzer Doppelcheck.

Wann ist das Smartphone Fluch, wann Segen?

Darüber habe ich witzigerweise erst vor kurzem nachgedacht und das Thema sogar mit einer Freundin diskutiert. Fluch ist es vor allem dann, wenn ich sehe, dass jemand meine Nachrichten zwar gelesen, aber nicht beantwortet hat. Deshalb habe ich diese Anzeige bei WhatsApp ausgeschalten. Das  kann man vielleicht als unerfüllte Kommunikation bezeichnen.

Heutzutage nennt man das wohl ‚Ghosting‘.

Ja? Das finde ich ganz schlimm. Dann verzichte ich lieber auf das Schreiben. Als Segen sehe ich das Smartphone schon eher in puncto Kommunikation mit meiner Familie Zuhause. Die 600 Kilometer nach Köln lassen sich dadurch viel dynamischer überbrücken. Das ständige Verabreden zum Telefonieren empfand ich irgendwann als anstrengend. Mit dem Handy können wir unkompliziert Facetime oder Skype nutzen.

Lisa Mann ist 31 Jahre alt und hat an bis 2017 Modedesign im Bachelor und im Master an der Universität der Künste in Berlin studiert. Heute konzentriert sich die gebürtige Kölnerin darauf ihr eigenes Label über die Grenzen der Hauptstadt hinaus großzuziehen. In ihrer jüngsten Arbeit hüllt sie Männer in Laufstegmode und entdeckt zugleich eine Marktlücke.

Welche drei Apps können Sie empfehlen? 

Mir fallen spontan sogar vier ein: Neben Giphy haben mir die Apps von der Sparkasse, Urlaubspiraten und eBay Kleinanzeigen schon mehrmals den Tag gerettet.

Wie prägt die Digitalisierung Ihr Berufsfeld?

Weitreichend. Und genau das finde ich äußerst spannend. Ich beobachte es bei meinen Freunden, die für ihre Brand Namilia einen eigenen Onlineshop als Verkaufsstrategie gefunden haben. Für kleiner-auftretende Labels ist es aufgrund der Shop-Marge sehr schwierig in Läden vor Ort zu verkaufen. Stattdessen lohnt es sich mit Social-Media-Plattformen, wie Instagram auf einen Shop im Netz aufmerksam zu machen. Was Instagram angeht, bin ich selbst noch semiaktiv unterwegs. Ich überlege, mir für die Zukunft zwei Kanäle anzulegen ­­­- einen privat und einen für das Business.

In welchen Phasen arbeiten Sie bewusst offline?

Als ich zum Beispiel einen Text für meine Abschlussarbeit oder zuletzt einen 45-minütigen Vortrag verfassen musste. Das sind die härtesten Phasen für mich, in denen ich meine Gedanken immer ganz analog aufs Blatt bringe. Wenn ich Präsentationen halte, können die Texte für mich nicht auf dem Rechner laufen. Ich muss sie handgeschrieben vor mir haben, erst dann sind sie durch meinen Kopf, meine Hand bis auf das Papier gewandert. So lerne ich gleich auswendig mit. Beim Tippen funktioniert das nicht. Hinzu kommt, dass ich mit der Tastatur extrem langsam vorankomme. Für ein Wort bräuchte ich etwa zehn Sekunden. Ein Freund von mir macht sich immer über mein Vier-Finger-System lustig.

Wie stehen Sie zum Online-Shopping von Mode im Vergleich zum Einkauf und Anprobieren der Kleidung im Laden?

Ich persönlich mache beides. Unikate und Second-Hand shoppe ich allerdings nicht online. Dafür müsste ich dann visuell schon sehr beeindruckt sein. Aber die Everyday Needs bekommt man definitiv im Internet, sodass ich für Basics nicht extra in den Laden gehen muss.

Online findet die Face-to-Face-Beratung von der netten Dame auf der Ladenfläche aber nicht statt.

Ja, nur bin ich ohnehin kein Freund davon beraten zu werden, was eventuell auch daran liegt, dass die Mode mein Berufsfeld ist. Das Ego denkt, am besten zu wissen, was mir steht und was nicht. Weil ich früher selbst schon im Einzelhandel unterwegs war, weiß ich zudem, wie sich die Leute viel zu oft irgendwas aufschwatzen lassen.

Wird Mann Couture auch im Internet erhältlich sein?

Da bin ich mir noch nicht hundertprozentig sicher. Im Konzept meiner Arbeit wollte ich ja auf das Maßschneidern eingehen. Dafür muss einfach ein körperlicher Kundenkontakt gegeben sein. Wenn ich von unterschiedlichen Silhouetten und Typen ausgehe, macht es mir am meisten Spaß, die Person live zu treffen. Klar gibt es ein paar Maßschneidereien, die ihre Geschäfte über den Onlineweg abwickeln. Aber in diesen Fällen geht man als Designer eben nur von den Maßen und nicht vom eigentlichen Typ eines Menschen aus.

Was würden Sie sich von anderen Labels im Umgang mit Social Media für die Zukunft wünschen?

Sowohl der Lifestyle-, als auch der Modebereich scheinen optisch doch sehr gleichförmig angelegt zu sein. Die Ästhetik könnte etwas mehr Kante besitzen und stärker provozieren. Wie im Beautysektor wirkt alles sehr sorgsam kuratiert. Ich bin mir nicht sicher, ob das auf Instagram von Nöten ist, oder ob simple Snapshots nicht authentischer wären.

Gibt es ein Instagramprofil oder einen Fashionblog, von dem Sie die Augen nicht lassen können?

Anna Dello Russo – Fashionjournalistin bei der Vougue Japan –  finde ich super und verfolge ihre Netzaktivitäten zu mindestens mit einem Augenzwinkern. Das Problem der meisten Marken und Designer ist, dass man ihre Namen recht schnell vergisst. Die Designerin Martine Rose bleibt mir hingegen im Gedächtnis. Auf ihrem Instagram-Kanal folgt man ihr nämlich auch als Privatperson. Ich mag diese Willkürlichkeit sehr.

Was sollte noch erfunden werden, um Ihren Alltag angenehmer zu gestalten?

Bis jetzt bin ich eigentlich mit dem Digitalen ganz gut bedient. Ich hätte aber einen maschinellen Wunsch: Es gibt ja verschiedene Nähmaschinen, die man für unterschiedliche Nahttechniken nutzen kann. Die hätte ich gerne alle in einem Teil fusioniert, da mir in meiner Wohnung so langsam der Stellplatz ausgeht.

Foto: Lisa Mann

 

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