Bühne, Gesellschaft
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Wie hoch kann man fallen?

Spurensuche eines Untergangs: Die Agentur für Anerkennung spielt im Theater unterm Dach das an Joseph Roths Roman angelehnte Stück „Hotel Europa.“

Es blitzt und donnert im „Hotel Europa“. Regen setzt ein, der Wind bläst heftig. Schauspielerin Ana Hauck schleudert ein Seil durch den Raum, um Wind nachzuahmen. Währenddessen haben ihre beiden Mitspielerinnen aus dem Berliner Theaterkollektiv Agentur für Anerkennung, Anna Dieterich und Darinka Ezeta, ebenfalls alle Hände voll zu tun: Mit Kieselsteinen, Mundtrompete, Klangschale und knisterndem Papier schaffen sie die weitere Hörkulisse. Wollte man die Requisiten zählen, die bei der Premiere des Drei-Frauen-Stücks an diesem Donnerstagabend zum Einsatz kommen, es dauerte wohl eine Weile. Auf drei Tischen liegen zahlreiche Gegenstände, darunter Luftballons, Schleifpapier, Kinderspielzeug.

Die Inszenierung von Reto Kamberger im Theater unterm Dach beginnt mit dem brennenden Hotel. In einer Stunde Spielzeit wird erzählt, wie es zum Untergang des Hotels kommen konnte, das sinnbildlich für die zerrüttete Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg steht. In wechselnden Rollen sprechen die Schauspielerinnen im Chor oder ergänzen sich gegenseitig. Textlich bleibt das Stück nah am literarischen Vorbild „Hotel Savoy“, dem 1924 erschienenen Roman des Autoren und Journalisten Joseph Roth. Darin kommt Gabriel Dan als Kriegsheimkehrer im Sommer 1919 in das Hotel in Łódź, Polen: „Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens scheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier.“

Sozialer Abstieg

„Wie hoch kann man fallen?“, fragt sich der von den Schauspielerinnen abwechselnd dargestellte Gabriel Dan und checkt im sechsten Stock ein. Erfolgreich ist, wer im Hotel Savoy den sozialen Abstieg statt Aufstieg schafft: In den oberen, billigen Stockwerken wohnen die Armen. Unten, dort, wo es auch Zimmermädchen gibt, die Reichen. Während oben die Uhren richtig gehen, zeigen sie in den unteren Etagen des Hotel Savoys zehn Minuten mehr an – „weil die Reichen Zeit haben.“ Die Komik von Joseph Roth funktioniert auch heute noch. Nach Lachern unterbrechen die Schauspielerinnen Roths Geschichte und erzählen von ihren eigenen Migrationsgeschichten. Was bedingt sozialen Aufstieg? Darinka Ezeta wurde in Mexiko-Stadt geboren, Ana Hauck kommt aus Georgien. Beide wollen ihre Familien finanziell unterstützen, selbst wenn sie manchmal damit hadern, ausgewandert zu sein. Was verbinden sie mit Europa? Lachende Gesichter, einen Song, ein Mobile über dem Kinderbett? Was haben verklärte Erinnerungen noch mit der heutigen Realität zu tun?

In Roths Roman trifft der nüchtern beschreibende Gabriel Dan auf eine Vielzahl von Personen. Kein einfaches Stück für Besucher*innen ohne vorherige Lektürekenntnisse. Umso besser kommen die Zwischenspiele mit persönlichen Anekdoten und kommentierenden Diskussionen der drei Schauspielerinnen beim Publikum an. Die Unterbrechungen des Erzählstrangs machen „Hotel Europa“ dynamisch und verleihen Aktualität. „Mythos Vereinigung“ heißt es da etwa – diskutiert wird die Grundidee der Europäischen Union. „Aus alten Feinden werden alte Freunde“: Nationalstaaten verschmelzen zu einer Einheit. Aber kann das klappen? Und wie? Durch viel Liebe beim Eurovision Songcontest?

Die tragische Komik des Stückes lassen die Schauspielerinnen mit zahlreichen Klängen aufleben, der knatschende Lift und schrubbende Putzlappen transferieren das Publikum auch ohne aufwendiges Bühnenbild in die Szenerie des mysteriösen Hotels, in dem sich nicht alles, aber vieles um Geld dreht. Die Inszenierung im Theater unterm Dach integriert dabei geschickt Slapstick-Szenen, Money-Songs und das Durchbrechen der vierten Wand, ohne in die Albernheit abzurutschen. Und zur Revolution aufgerufen wird auf der Bühne noch dazu.

„Hotel Europa“ – weitere Vorstellungen im Theater unterm Dach, Danziger Str. 101. am 19./20. April und 26./27. Mai, jeweils 20 Uhr. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro.

Foto: Kamil Rohde

Der Artikel erschien zunächst in der taz.amwochenende vom 14. April 2018.

 

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