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„Andauernd mit Hörenden umzingelt zu sein, verbraucht mehr Energie, als manche vielleicht denken.“

Gebärdensprache für Popsongs- das macht Cindy Klink. (Foto: Linda Gerner)

Gebärdensprache ist meine Muttersprache“, schreibt Cindy Klink in ihrem Buch „Hören wird überbewertet.“ Die 21-Jährige ist seit ihrem dritten Lebensjahr hochgradig schwerhörig. Auf YouTube gebärdet sie Popsongs und begeistert Hörende und Gehörlose. Im Chat-Interview erzählt sie von Mobbing, Barrierefreiheit und räumt mit Vorurteilen über Gehörlose auf.

Hallo Cindy! 😊
Cindy Klink: Hi 😊

Wir chatten ja heute, weil du das Buch „Hören wird überbewertet“ veröffentlicht hast, in dem du beschreibst, warum du auf YouTube Popsongs gebärdest. Was machst du, wenn du gerade keine Videos drehst?
Ich wohne aktuell noch bei meinen Eltern in Maring-Noviand an der Mosel und mache hier eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Parallel besuche ich auch das Kolleg in Koblenz, um mein Abitur nachzuholen.

Du beschreibst in deinem Buch, dass es für dich eine längere Überlegung war mit den YouTube-Videos zu starten und so in die Öffentlichkeit zu treten. Was hat sich seitdem in deinem Leben verändert?
Früher war ich nie im Mittelpunkt, ich war nicht beliebt und wollte es ehrlich gesagt auch nicht sein. Durch den Auftritt in der Öffentlichkeit kann ich eher auf Menschen zugehen, gewinne an Selbstbewusstsein und an Selbstwertgefühl. Ich durfte Stars wie Kontra K hautnah erleben und mit ihnen lachen und habe viele Kontakte mit Musikern geknüpft.

Also rückblickend genau die richtige Entscheidung mit den Videos zu beginnen?
Es war die beste Entscheidung, die ich je treffen konnte 😊

Welche Reaktionen erhältst du im Internet auf deine Videos?
Meistens bekomme ich positive Resonanz. Die einen finden es zu toll, was ich mache, die anderen berühren die Videos, wieder andere können durch sie die Gebärdensprache schneller und besser erlernen und manche können sich einfach mit mir identifizieren.

Wie bist du auf die Idee gekommen deine Geschichte nicht nur in den YouTube-Videos, sondern auch in einem Buch zu teilen?
Nicht ich kam auf die Idee, sondern der Inhaber des Hirnkost-Verlages. Nachdem sich meine Videos immer mehr verbreitet haben, hat auch er sie gesehen. Er meinte daraufhin, dass ich in meinen Videos sehr selbstbewusst rüberkomme und er sich vorstellen könnte, dass ich über mich und den Weg zu YouTube in einem Essay oder einem kleinen Buch schreiben könnte. So ein Angebot erhält man nicht alle Tage, also habe ich nach einer Bedenkzeit zugesagt.

In ihren YouTube-Videos gibt Cindy Klink auch Tutorials in Gebärdensprache. (Foto: Screenshot YouTube)

Bedenken hattest du auch, weil du darin sehr persönliche Dinge teilst…
Genau, ich wollte früher nie ein offenes Buch sein. Eigentlich hatte ich geplant meine Privatsphäre so gut es geht rauszulassen, aber wenn man in der Öffentlichkeit ist, funktioniert das nicht. Das wurde mir irgendwann bewusst. Die Leute sollten verstehen, warum ich gerade solche Lieder gebärde, warum ich diese Videos mache und da muss man wohl ein paar der Hintergründe kennen.

Du hast körperlichen Übergriffe erlebt, wurdest besonders in deiner Kindheit ausgegrenzt und gemobbt. Wie schätzt du die Häufigkeit von Gewalt auf Gehörlose ein?
Generell ist Gewalt leider ein Tabuthema, aber ich denke, dass jeder Gehörlose schon einmal sowas erlebt hat in einer gewissen Form, sei es verbale Gewalt, körperliche Gewalt oder Mobbing.  Gehörlose müssen es schon faustdick hinter den Ohren haben. Alleine, den Alltag zu bewältigen und andauernd mit Hörenden umzingelt zu sein, verbraucht mehr Energie, als manche vielleicht denken.

Vermutlich auch, weil es Berührungsängste und Vorurteile gibt. In deinem Buch räumst mit einigen Vorurteilen auf. Welches nervt dich am meisten?
Wenn ich Menschen kennenlerne, die noch nie was mit Gehörlosen zu tun haben, ist es für mich sofort klar, dass Unwissenheit da ist. Ich werde aber ziemlich oft gefragt, wie und wo ich meinen Führerschein gemacht habe und wenn ich dann antworte, dass ich die Fahrschule im Dorf besucht habe und es keinerlei Probleme gab und ich die Prüfungen beim ersten Durchgang bestanden habe, schauen sie mich mit großen Augen an. Ich erkläre dann, dass wir Gehörlose visuell viel mehr wahrnehmen. Was mich ziemlich nervt ist, wenn der Gesprächspartner weiß, dass ich gehörlos bin und sich keine Mühe macht sich mit mir zu unterhalten, weil es angeblich zu “anstrengend.“ Oder dass man mich, ohne dass man mich kennt, deshalb als “dumm” abstempelt. Da könnte ich mich einfach aufregen.

In deinen Antworten auf die Vorurteile schreibst du aber sehr humorvoll, gar nicht so wütend…
Ich habe mittlerweile gelernt, darüber zu lachen. Es bringt mir nichts sich ständig aufzuregen, dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Du schreibst auch, dass du die Lautsprache in vielen Situationen, etwa bei der Arbeit bevorzugst und dass das von Gehörlosen als „respektlos“ wahrgenommen wird. Kannst du dazu mehr erzählen?
Es fängt schon damit an, sich für ein Hörgerät zu entscheiden oder für ein Cochlear Implantat. Die Gehörlosen sind unter sich, sie bezeichnen sich als eigene Kultur und wenn du dann plötzlich etwas anderes machst als sie, verleitet das zu dem Gedanken, dass du dich von ihnen abwenden willst und dich mehr für Hörende interessiert. Was totaler Schwachsinn ist. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass es den Gehörlosen früher verboten wurde sich untereinander in Gebärdensprache zu unterhalten. Die verbale Kommunikation wurde ihnen aufgezwungen und das ist bei den meisten im Gedächtnis geblieben und prägt sie bis heute. Für mich ist Lautsprache aber sehr wichtig, weil ich karrieremäßig nicht an der Kante sitzen will. Dabei ist mir Jacke wie Hose, ob ich ein Sprachfehler habe oder manche Wörter falsch ausspreche. Aber wenn man mir irgendwas zuschreibt, was ich zu machen habe und was nicht und wann ich dazu gehöre und wann nicht, dann fängt da für mich die Ausgrenzung an.

Hast du von Leuten gehört, die aufgrund deiner Videos angefangen haben die Gebärdensprache zu lernen?
Solche Nachrichten erhalte ich nahezu täglich und ich finde es toll, dass ich andere Menschen dazu motivieren kann, die Gebärdensprache zu lernen, auch wenn es nicht meine Absicht war.

Wird es als positiv aufgenommen, wenn Hörende die Gebärdensprache lernen?
Ich denke, da spalten sich die Meinungen. Die einen finden es toll, die anderen fragen sich, was der ganze Aufwand soll. Aus meiner Sicht kann ich nur sagen: jeder, der die Gebärdensprache lernt hat meinen Respekt.

Was würdest du dir wünschen, um das allgemeine Wissen in der Bevölkerung über Gebärdensprache und Hörschädigungen zu verbessern und wie könnte deiner Meinung nach ein Diskurs erreicht werden?
Es wäre toll, wenn man im Biologieunterricht das Thema “Hörschädigung” kurz aufgreifen könnte und erklärt, welche Arten von Hörschädigungen es gibt und ab wann man als taub eingestuft wird. Und ich fände es klasse, wenn man in der Schule als zweite Fremdsprache die Gebärdensprache nehmen könnte. In Amerika ist die Amerikanische Gebärdensprache, nach Spanisch und Französisch, die meistunterrichtete Fremdsprache an US-College und Universitäten. Wenn die das da können, können wir das jawohl auch 😊

Ein Chat-Interview ist für mich auch neu. Findest du das eine angenehme Form?
Definitiv. Da ist für mich keine Anstrengungen gefragt und Missverständnisse gibt es auch nicht.  😊

Chattest du mit deinen Freunden viel bzw. benutzt Messenger?
Früher ja, mittlerweile nicht so. Ich treffe sie lieber persönlich.

Würdest du sagen, dass es schwieriger für dich ist mit Hörenden Freundschaften zu schließen, als mit Gehörlosen?
Ja, in erster Linie habe ich gemerkt, dass sie keine Geduld haben und sich nicht immer die Mühe machen 5-10x alles zu wiederholen, damit ich es verstehen kann. Mich nervt es auch immer wieder nachzufragen zu müssen, wenn ich nichts verstehe. Und natürlich eben wegen der negativen Erfahrungen früher.

Sprichst du mit deiner Familie ausschließlich in Gebärdensprache?
Mit meinen Geschwistern mal in Lautsprache, aber sonst nur in Gebärdensprache.

Können deine Geschwister hören?
Ich habe einen Bruder, der ebenfalls hochgradig schwerhörig ist und eine Schwester, sie ist hörend. Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr erblich bedingt taub. Meine Eltern haben es zunächst nicht gemerkt, aber meine Oma hat sich immer gewundert, weshalb ich den Fernseher immer lauter aufdrehe und warum ich ihre Rufe nicht höre. Als man mich dann zum Arzt schickte, habe ich den Hörtest versagt und somit wurde allen klar: Cindy ist taub. 😊

Wie haben deine Eltern mit dir als Kleinkind kommuniziert?
Immer schon in der Gebärdensprache, ich bin bilingual aufgewachsen. Meine Oma hat mir vor allem die Lautsprache beigebracht.

Du schreibst, dass Hörende leider oft keine Geduld haben sich mit dir zu unterhalten. Hast du andersrum auch manchmal keine Lust auf Lautsprache?
Sehr oft habe ich keine Lust auf Lautsprache, denn ich weiß das ich einen Sprachfehler habe und man mich durch das Lispeln nicht wirklich ernst nimmt. Ich bin gern unter Leuten, aber nur wenn man mich auch sieht und wenn man sich gerne mit mir unterhält. Viele wissen nicht, wie anstrengend es ist andauernd Lippen zu lesen oder eben die Ohren so spitz zu halten, dass nach fünf Minuten schon die ganze Energie verschwindet. Gehörlose bleiben gerne unter sich, denn da herrscht Sicherheit. Man kann uns mit einem Rudel vergleichen.

Ärgerst du dich über die fehlende Barrierefreiheit auf öffentlichen Veranstaltungen? Während es für Rollstuhlfahrer inzwischen zum Glück leichter geworden ist im öffentlichen Raum, sieht man Menschen, die simultan in der DGS übersetzen sehr selten, oder?
Ich ärgere mich sehr oft darüber. Es ist schade, dass man sich nicht dafür einsetzt, dass Veranstaltungen jeder genießen kann.

Wo stört es dich besonders?
Bei Konzerten oder Comedy-Shows. Ich würde so gerne mal welche besuchen, aber ich weiß schon, dass ich solche Shows überhaupt nicht verstehen würde und wenn das ganze Publikum lacht, finde ich es schade, dass ich nicht weiß, worüber gelacht wird. Bei Konzerten ist es noch anders, man spürt die Musik. Aber ich würde sie auch gerne verstehen können.

Hättest du da Lust drauf bei Konzerten live zu übersetzen?
Das wäre ein Traum! 😊

Du hast das ja auch schon mal gemacht…
Bisher nur 3x, aber da habe ich die Lieder ausgesucht und sie im Hintergrund abspielen gelassen. Mit einer Band gemeinsam noch nie. 😊

Vielen Dank für deine Zeit!

Cindy Klink „Hören wird überbewertet, 91 Seiten, Hirnkost KG 2018, 12 Euro

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