Kunst
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Die Augen fest geschlossen

Der Fotograf Andres Serrano hat Motive wie dieses im Leichenschauhaus entdeckt. Der Titel der Aufnahme: "Child Abuse". Foto: Andres Serrano, 2018 . Courtesy Galerie Nathalie Obadia, Paris/Bruxelles

Die Ausstellung „Das letzte Bild“ im C/O Berlin versammelt 400 Fotografien zum Thema Tod. Eine morbide Angelegenheit, die den Besucher*innen viel zumutet, findet unser Autor Simon Rayß.

Der Blick der Porträtierten ist direkt auf die Kamera gerichtet. Wach, wissend, ein Mann Mitte fünfzig schaut gar trotzig, als würde er sagen: „Und wenn schon!?“ Ein paar Tage später ist er tot, und seine Augen bleiben fest geschlossen. Die Wangen hängen, die Haut um die Augen ebenso. Er sieht nicht so aus, als würde er schlafen, wie es Toten gerne nachgesagt wird. Eher scheint ein anderer Mensch mit gewisser Ähnlichkeit in seine Haut geschlüpft zu sein und nun zu ruhen.

Wie sehr der Tod die Gesichtszüge verändert – das lässt sich auf den Aufnahmen von Beate Lakotta und Walter Scheels beobachten, die eingangs der Ausstellung „Das letzte Bild“ hängen. Die Journalistin und der Fotograf haben für ihre Reihe „Noch mal leben vor dem Tod“ Hospiz-Bewohner*innen porträtiert. Menschen jeden Alters, sogar ein Kind ist dabei. Sie sind jeweils auf zwei Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu sehen: einmal vor und einmal kurz nach ihrem Tod.

Der kleine Francis schaut quicklebendig in die Welt – dabei ist er tot

Die Ausstellung im C/O Berlin illustriert, wie Menschen die Fotografie seit ihrer Erfindung 1839 nutzen, um gegen den Tod anzukämpfen; ein letztes Bild der Verstorbenen gegen ihre ewige Abwesenheit zu setzen. Manchmal glückt die Illusion, zum Beispiel auf der Aufnahme des Kleinkindes Francis Merie Sherburne von 1888, das ebenfalls in der Schau zu sehen ist. Der Junge scheint unglaublich lebendig und schaut mit aufgerissenen Augen in die Welt. Doch der Eindruck täuscht natürlich: Francis ist kurz zuvor mit neun Monaten gestorben. Die scheinbare Präsenz auf diesem Post-mortem-Foto, dessen Urheber*in unbekannt ist, betont gerade die Abwesenheit des Kindes diesseits des Bildes.

G. M. Howe hat diese Daguerreotypie höchstwahrscheinlich im Jahr 1853 aufgenommen. Der nüchterne Name weist schon auf den wenig künstlerischen Hintergrund der Aufnahme hin: “Older Child Propped on Pillow and Tucked in Bed”. Foto: Courtesy Stanley B. Burns, MD Photography Collection and The Burns Archive, New York

Auf vielen anderen Werken im C/O Berlin ist die Sache klarer. Die Verstorbenen sind ganz und gar tot. Diese Fotografien zeigen das Ende eines menschlichen Organismus in voller Detailfülle. Die „Ur-Collagen“ von Thomas Hirschhorn zum Beispiel, die Seiten aus Modemagazinen mit Fotografien aus Kriegsgebieten kombinieren: posierende Models mit verstümmelten Leichen, aufgespießten Köpfen, herausgerissenen Gedärmen. Beide Ebenen fügt der Schweizer Künstler schlicht mit Klebeband auf Karton zusammen. Das ist effektvoll, aber auch vordergründig. Die Instrumentalisierung eines toten Körpers zum Zweck der Gesellschafts- und Konsumkritik.

Insgesamt 400 Arbeiten setzt die Ausstellung nebeneinander und unterteilt sie in die Kapitel Sterben, Töten und Überleben. Darunter sind Werke von Künstler*innen wie Nan Golding, Larry Clark und Andy Warhol. Kurator Felix Hoffmann und der wissenschaftliche Begleiter Friedrich Tietjen wollen laut dem ausführlichen Einführungstext zeigen, wie die Darstellung des Todes je nach Funktion der Fotografie – künstlerisch, journalistisch, privat – voneinander abweicht. Das gelingt, auch wenn die Kombination derart unterschiedlicher Werke einen zuweilen ratlos zurücklässt, zumal Hoffmann und Tietjen den einzelnen Werken nur wenige Informationen zur Seite stellen.

Die kürzeren Texttafeln im Verlauf der Ausstellung bieten kaum Hintergrund. Einen Audio-Guide gibt es nicht, lediglich einen Katalog, der für gut 50 Euro zu kaufen ist. Wer dennoch mehr wissen will, sollte am Wochenende kommen, dann bietet C/O Berlin Führungen an. Ohne fachkundige Begleitung findet man sich jedoch schnell auf einer Spurensuche wieder.

Ein Porträt der sterbenden Susan Sontag? Nein, sie lebte noch 30 Jahre weiter

Das Oberthema „Tod“ gibt dabei die Lesart vor. Zum Beispiel des wunderbar schlichten Schwarz-Weiß-Porträts, das Peter Hujar 1975 von Susan Sontag aufgenommen hat: Die Schriftstellerin liegt auf einem Bett, die Arme unter dem Kopf verschränkt, den Blick in die Weite gerichtet – wird sie bald sterben? Nein, sie hat noch fast 30 Jahre zu leben. Ist der Fotograf sterbenskrank? Wohl auch nicht, schließlich lässt sich sein Tod nach kurzer Handyrecherche auf 1987 datieren.

Den Grund, die Arbeit hier zu zeigen, erschließt sich auf Nachfrage beim Kurator Felix Hoffmann: „Susan Sontag ist die entscheidende Theoretikerin, die an unterschiedlichen Stellen in ihrem Buch ‚On Photographyʻ postuliert, dass die Fotografie immer mortifizieren und ‚tötenʻ würde“, erklärt er. „Die Grundidee dahinter ist, dass wir alle von einem Zeitkontinuum umgeben sind, das in dem Moment des Auslösens eines Fotos durchschnitten wird.“ Dieser Tod werde als Tod im Medium beschrieben. Ein faszinierender Gedanke, der im Dickicht der “letzten Bilder” leider untergeht. Auch, weil ein entsprechendes Zitat von Sontag, angebracht oberhalb des Porträts, im dämmrigen Licht der dunkel gestrichenen Ausstellungsräume allzu leicht zu übersehen ist.

In dieser Weise ruft die Schau permanent mehr Fragen auf, als sie beantwortet, und man verlässt C/O Berlin mit einem gleichermaßen erschöpften wie schwirrend wachen Geist. Aber das ist ja nicht das Schlechteste, das sich über eine Fotografie-Ausstellung zum Thema „Tod“ sagen lässt.

Verlängert bis zum 9. März, C/O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, geöffnet täglich 11-20 Uhr

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Kategorie: Kunst

Simon Rayß

In Simons Leben gibt es gleich drei große Lieben: das gedruckte Wort, handgemachte Musik und langsam erzählte Filme, deren Poesie er am liebsten in schummrigen Independent-Kinos genießt. Simon Rayß hat sein ganzes Leben, abgesehen von einem 14-monatigen Ausflug nach Finnland, im Osten Berlins verbracht. Daher kommt wohl auch seine entspannte Art, die ihn gelassen durch den Großstadtdschungel navigiert. Schreiben, gutes Essen, liebe Freunde, Kerzenschein und die Berlinale: Fertig ist das kleine, große Glück!

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