Gesellschaft, Literatur
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Heimat und Fiktion

Der Schriftsteller Saša Stanišić wird 2014 für seinen außergewöhnlichen Dorfroman „Vor dem Fest“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Doch der Roman ist voller Gegenwart. Eine Kritik von Charlotte von Bernstorff.

Es dauert. Es dauert, bis man sich einfindet. Ja, es braucht auch Geduld. Denn erst mal fragt man sich: Wer spricht hier? Wann spricht wer? Von was genau? Und wieso auf diese Weise? Erst mal muss man ankommen, in diesem Roman. Sich darauf einlassen, dass hier, im fiktiven Fürstenfelde in der Uckermark einiges vertraut, aber vieles anders ist: die Sprache, die Zeit, die Menschen, die Tiere, die Natur, die Dinge. Saša Stanišićs Formulierungen und Erzählperspektiven sind so außergewöhnlich, dass man ständig innehalten muss, um in die völlig neuen Gedankenwelten, die ihnen innewohnen, eintauchen zu können. Und dann kommt man an, in dieser Nacht „Vor dem Fest“ und wünscht sich, dass sie nicht mehr zu Ende geht. Der Autor zeichnet die ganz eigene kulturelle Identität von Fürstenfelde, die stets zwischen Fiktion und politischen Themen wie Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit balanciert.

Ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden

Fürstenfelde ist einerseits ein brandenburgisches Dorf wie jedes andere: „Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen“. Jugendliche treten Laternen aus, man trifft sich zum Saufen in der Garage, es gibt viele Mücken und „anderthalb“ Neonazis. Im Laufe der Nacht entfaltet sich der Ort Fürstenfelde jedoch in seiner völligen Eigenheit: Mal sehen wir die Welt aus den Augen von Herrn Schramm, „ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden“; mal aus der Sicht der Heimatmalerin Frau Kranz, die Fürstenfelde bei Nacht abbilden will; mal erscheint das Menschliche im Tier und wir erleben Fürstenfelde aus Sicht einer Fähe; mal erwacht die Natur selbst im Auge des Menschen: „Im Blitz schlug das Feld ein Auge auf“. Und dann spricht immer wieder ein „Wir“, das alle einzelnen Stimmen vereint – eine Art kollektives Gedächtnis von Fürstenfelde. Denn auch die Vergangenheit des Ortes, findet sich in diesem „Wir“ wieder. An einer Stelle ist paradigmatisch vom „Gewicht der Zeit“ die Rede. Ein solches lastet auf Fürstenfelde, denn ein ums andere Mal werden mythenhafte Geschichten von Fürstenfelde in einer Art Altdeutsch erzählt, etwa aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Diese Erzählungen verschmelzen mit dem Jetzt und so heißt es plötzlich – wieder in der Gegenwart – „Anna wird verbrannt“ und es wird ein Scheiterhaufen errichtet. Die Geschichte von Fürstenfelde holt die Gegenwart immer wieder ein und ist stets ein Teil von ihr.

Die Verstorbenen mitten unter uns

Wie vielleicht in vielen Dörfern, finden in Fürstenfelde das Gemeinschaftliche und das Eigensinnige zusammen. Das Dorf scheint eine Person mit einer Vergangenheit zu sein und gleichzeitig haben Individuen mit ihren ganz eigenen Erfahrungen dort ihr Zuhause. Abgehängte, die nicht in die Zeit und Gesellschaft zu passen scheinen, die sich nicht anpassen können oder wollen. Es ist ein Kuriositätenkabinett, mitten unter uns: Die Verstorbenen scheinen noch anwesend, darunter der weise und immer hilfsbereite Fährmann; Johann, der den altmodischen Beruf des Glöckners erlernen will; der stumme Suzi mit dem Drachentattoo, das sich mitbewegt; Uwe Hirtentäschel, der mal kurz vor dem Drogentot stand und jetzt im Pfarrhaus wohnt und die schwermütige Frau Schwermuth, die 130 Kilo wiegt, im Frühling 160, weil 30 Kilo Depressionen dazukommen. „Frau Schwermuth hat Wimpern, so lang und schön und wenn sie blinzelt, schlägt die Finsternis Wellen“ heißt es da.

Diese Individuen finden ihre Identität nicht im Nationalen, im „Deutsch-Sein“, sondern in Fürstenfelde, an dem Ort und in der Region, in der sie leben, in Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern. Es ist wohl kein Zufall, dass Stanišić mit Fürstenfelde den Namen eines Grenzortes gewählt hat, den es tatsächlich gibt und der heute in Polen liegt. Über die Malerin Frau Kranz heißt es: „Verbunden zu sein mit einem Land und einer Kultur ist ihr nicht geheuer. Ihre Gemälde zeigen aber Heimat – unsere Uckermark“. Auch Frau Reiff aus Düsseldorf – also eine innerdeutsche Migrantin – hat sich in Fürstenfelde niedergelassen: „Sie ist keine von uns. Wir unterscheiden wohl zwischen Zugezogenen und Alteingesessenen… Der Zugezogene muss sich beteiligen, muss sich engagieren und behaupten, allerdings nicht mit zu viel Elan, weil das macht uns wieder skeptisch.“ Stanišić dekonstruiert hier die Fiktion des Nationalen, denn obwohl Frau Reiff Deutsche ist, muss sie sich als Zugezogene besonders bemühen, denn sie kennt noch nicht die Eigenheiten und die Geschichte von Fürstenfelde.

In einem Artikel in der Zeit bespricht Ursula März den Boom des deutschen Dorfromans. Sie stellt die „neue deutsche Heimatliteratur“ der Migrantenliteratur gegenüber, die sich dadurch kennzeichne, dass sie sich auf Lebenswelten außerhalb von Deutschland beziehe. Das poetische Konzept des Dorfromans, sei vom migrantischen Schreiben maximal weit entfernt. Das Schöne an „Vor dem Fest“ ist jedoch, dass es zu einem völlig anderen Begriff von kultureller Identität beiträgt, der sich eben nicht durch die Gleichsetzung mit der Fiktion von einer nationalen Identität begrenzen lässt. Man kann dieses Buch so als Plädoyer für lokale Identität lesen, als Absage an den Nationalstaat. Dieses Buch ist voller Geheimnisse, voller Überraschungen, voller Witz, voller Magie, voller Mystik, voller Geschichte, voller Gegenwart.

Foto: Charlotte von Bernstorff

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