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„Wir tauschen kein Wort mehr aus“

Wasim Ghrioui ist ein Allroundkünstler – der aus Syrien geflüchtete Bildende Künstler, Schriftsteller und Theaterautor wohnt seit drei Jahren in Berlin.

Kulturschwarm: Wie häufig schauen Sie täglich auf Ihr Smartphone?
Wasim Ghrioui: Viel zu häufig. Ich habe mein Handy immer dabei und schaue ständig darauf. Hier bekomme ich die Mails, SMS-Nachrichten, Anrufe, Benachrichtigungen aus den Sozialen Medien… Und dann fühle ich, dass ich sie alle sofort antworten muss. Es fühlt sich so, als ob ich ständig für jemanden arbeitete.

Was zeigt die Startseite Ihres Smartphones?
Es ist eines von den Defaultbilder. Früher habe ich der Hintergrund personalisiert, letztens habe ich irgendwie keine Lust darauf.

Fühlen Sie sich in Berlin zu Hause?
Ich versuche es nicht, mich hier zu Hause zu fühlen. „Zu Hause sein“ ist ein völlig anderes Konzept für mich. Aber hier in Berlin kann man sich frei fühlen, man hat als Künstler die Freiheit die Sachen so zu behandeln, wie man möchte. Eigentlich war die erste Idee nach Göttingen zu gehen. Es ist aber eine kleine Studentenstadt, Berlin ist größer, und deshalb besser für mich. Ich habe allerdings immer noch Probleme mit der Sprache, ich habe sogar Kurse gemacht aber es war nicht ausreichend… Und die Menschen auf der Straße helfen auch nicht Deutsch zu lernen, da sie alle Englisch sprechen können (lacht). Aber Berlin ist ein sehr guter Ort zum leben, besonders für Künstler.

Sie werden 2017 Modulleiter einer der Refugee Class for Professionals an der UdK. Wie funktioniert dieses Projekt?
Meisten meiner Künstlerfreunde wohnen jetzt hier. Dank ihrer Erfahrungen, dank meiner eigenen Erfahrung, kann ich erzählen, wie die Prozesse der Integration laufen. Und die sind keine einfachen Prozesse. Und dann muss ich das gleiche wieder klären, aber in entgegengesetzter Richtung – also aus der Perspektive eines syrischen Künstlers. Was die Künstler hier in Deutschland als selbstverständlich und eindeutig finden, ist für uns etwas Neues, etwas, woran wir gar nicht gewöhnt sind. Die Refugee Class for Professionals ist eine Initiative für geflüchtete Künstler. Wir werden da klären, wie man als Künstlerin in Deutschland funktionieren kann. Wie es aus der bürokratischen Perspektive aussieht, was braucht man, in den Beruf wieder einzusteigen.  Ich arbeite auch mit der Schlesische27, einem Kunstlabor. Sie entwickeln schon seit Jahren hochspannende Projekte. Was aber hier als gewöhnlich gilt, wäre in Syrien etwas total unbekanntes. Ich denke übrigens, dass die Künstler selbst sich mehr an die Welt öffnen sollen, aus ihrer Blase austreten. Ich weiß ganz genau, dass es nicht einfach ist, wir benötigen aber Kommunikation und Unterhaltung.

Wie hat die Digitalisierung ihre Arbeit geprägt?
Als Schriftsteller merke ich, dass die Menschen nicht geduldig sind. Sie möchten schnell Inhalt bekommen, und ihn auch schnell evaluieren. Deswegen würde ich jetzt keinen Roman schreiben. Heutzutage schreibe ich am häufigsten Erzählungen, die ungefähr drei Seiten lang sind.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt gekommen?
Rund Jahr 2000. Ich habe noch eine von diesen riesigen Boxrechnern benutz und könnte nicht viel davon verstehen. Mein Cousin hat mir dabei geholfen. Ich erinnere mich am besten an die Websites, auf denen man mit anderen Menschen chatten konnte. Damals habe ich Internet mehr für Kommunikation benutzt, als als eine Informationsquelle.

Wohin führt uns das Digitale – in die absolute Freiheit oder die absolute Abhängigkeit?
Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Für mich persönlich ist die allgegenwärtige Digitalisierung ein negativer Prozess, da ich an die Interaktion glaube. Allerdings es ist super, dass man alles im Netz finden kann. Als Künstler freue ich mich, dass ich dank dem Internet Zugang zu der Arbeit anderen Menschen weltweit habe. Das ist so interessant. Ich meine, dank Tutorials kann man sogar ein Haus bauen. Aber ich denke es gibt uns auch mentale Probleme. Wir praktizieren unsere sozialen Fähigkeiten nicht.

Haben Sie dann noch Menschen, bei denen Sie einfach an die Tür klingen, wenn Sie in der Nähe sind?
Hier habe ich zwei solche Personen. In Syrien habe ich es häufiger gemacht. Dort, musste ich, um meine Stromrechnung zu zahlen, in einer Schlange warten. Dann habe ich mich mit anderen Menschen, die auch warteten, unterhalten. Und mit dem Mitarbeiter im Schalter habe ich mich sogar gestritten (lacht). Jetzt machen wir alles online, wir tauschen kein Wort mehr aus. Ich bin total dagegen, ich versuche alles „manuell“ zu besorgen, gehe in die Geschäfte, unterhalte mich. Sonst gibt es keine Sozialisation.

Mehr Information zur UdK Refugee Class for Professionals finden Sie hier.

Foto: Private Sammlung Wasim Ghrioui

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