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Warum man um 4 Uhr einen Weihnachtsbaum kauft

Sebastián Torres hat nachts als Wachdienst gearbeitet.

Sebastián Torres ist Risikoingenieur, wäre aber gerne Schriftsteller. Einen Monat lang hat er an einem Platz in Berlin-Charlottenburg die Weihnachtsbäume bewacht. Und das jede Nacht, wenn andere schlafen –  jeweils von 2 Uhr nachts bis 8 Uhr morgens (was im Winter aber auch nachts ist). Wir haben mit dem bekannten Unbekannten über die Bücher gesprochen, die man um 4 Uhr morgens liest, um sich die Zeit zu vertreiben.

Kulturschwarm: Was machst du denn, wenn du nachts so lange Stunden allein sitzt?
Sebastián Torres: Ich schreibe und lese, am liebsten, wenn es nicht zu kalt ist. Und wenn es zu kalt ist, dann ähnele ich einem gegrillten Hähnchen (lacht). Nach ein paar Stunden fühle ich mich aber alleine. Dann bekomme ich Langweile und fange an, alles zu beobachten. Ich höre den Gesprächen der Taxifahrer zu, obwohl ich sie nicht verstehe. Die sprechen auf Russisch, Polnisch, Arabisch, Türkisch. Und wenn ich sie nicht hören kann, dann versuche ich mir auszumalen, was sie zueinander sagen könnten.

Du dubbst also die Gespräche?
(lacht) Ja. Am liebsten lese ich von Menschen, denes es früher ähnlich ging wie mir, denen also auch kalt war, aber die sich nie beschwert haben. Kerouac, Bukowski zum Beispiel. Die Hauptsache ist, sich nicht zu beschweren. Und wenn man liest, dann vergeht die Zeit schneller.

Was liest du gerade?
Hunger von Knut Hamsun. (Informationen zum Buch hier, Anm. d. Redaktion)

Kälte. Nacht. Einsamkeit. Weihnachtsbäume.
Ja, es klingt ein bisschen langweilig (lacht). Mir war klar, dass es mir kalt sein würde, wenn ich diesen Job mache. Und am Anfang habe ich auch gedacht: “Was soll ich denn machen? Hier passiert bestimmt nichts.” Doch bereits am ersten Tag wurde ich richtig überrascht.

Was ist passiert?
Die erste halbe Stunde meines ersten Dienstes war gerade vergangen, da beobachtete ich wie die Polizei drei Menschen festgenommen hat. Manchmal passieren aber auch Situationen, die ein bisschen komischer sind: So habe ich ein anderes Mal drei junge Italiener gesehen, die wahrscheinlich von einer Party zurück ins Hotel kamen. Die waren ziemlich betrunken und haben sich ausgedacht, dass es lustig wäre, sich in die Weihnachtsbäume zu werfen. Manche Bäume haben aber ziemlich scharfe Nadeln. Dadurch haben sie sich total zerkratzt. Und du möchtest wirklich nicht wissen, wie viele Menschen morgens um 4 Uhr vorbei kommen, um einen Weihnachtsbaum kaufen wollen.

Davon könntest du wahrscheinlich ein paar Erzählungen schreiben.
Das will ich auch (lacht). Was bedeutet für dich „der bekannte Unbekannte“?

Für mich bedeutet es… Wenn du jemanden häufig siehst also, wenn du schon das Gesicht einer Person kennst, obwohl du ihn nie kennengelernt hast.
Genau! Das sind Menschen, die du täglich siehst, zum Beispiel in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Von dem „bekannten Unbekannten“ schreibt auch Eloy Tizón in seiner Erzählung Velocidad de los Jardines (Die Geschwindigkeit der Gärten). Ein Junge trifft hier täglich die gleichen Leute, eine junge Frau, eine altere Dame… Und obwohl er sie nicht kennt, fragt er sich, was aus ihnen wird, wenn er sie eines Tages nicht mehr sieht: was ist passiert? Sind sie gestorben? Oder einfach umgezogen?

Ich habe solche “bekannte Unbekannte”. Und du? Hast du jetzt auch neue „kennengelernt“?
Eben. Es kommen hier viele Menschen, die die Flaschen sammeln. Besonders am Wochenende. Es gibt auch ältere Menschen, die hier um 5 Uhr morgens kommen, sich auf eine Bank setzen und Zeitung lesen. Die sind die Beobachter der Welt, wie ich. Ich weiß nicht, wieso Ihnen nicht kalt ist, die sind wahrscheinlich besser angezogen als ich (lacht).

Unterhältst du dich auch mit ihnen?
Manchmal. Manche sagen einfach „Guten Morgen“, wenn sie vorbeilaufen. Manche bleiben länger mit mir und man fängt ein kurzes Gespräch an. Einige führen den Hund um 4 Uhr aus, Andere wiederum fühlen sich höchstwahrscheinlich sehr alleine. Einmal hat mir eine Frau im Morgenrot einen Kaffee geschenkt. Sie musste mich wahrscheinlich gesehen haben, als ich Liegestütze gemacht habe, um mich warm zu halten. Und ab und zu ist eine Russin gekommen, die hier in der Nähe als Kellnerin arbeitet, wir haben Tee getrunken und gewartet bis ihr Bus vorbeikam, auf den sie gewartet hat. Am Schlimmsten aber ist es, wenn es regnet. Dann läuft niemand auf den Straßen und kommt vorbei. Auch die Lichter müssen dann ausgeschaltet werden.

Und dann?
Und dann ist das Einzige, was ich machen kann, richtig viel denken (lacht).

Über den Sinn des Lebens?
Ja…

…und welcher ist der Sinn des Lebens?
(lacht) Die Geduld ist die Hauptsache. Die Geduld, nicht die Passivität. Es ist sehr wichtig, sie nicht zu vermischen. Und ich denke, dass der Sinn des Lebens ist, sich selbst zu suchen. Und sich selbst zu finden.

Heute, am Heiligabend, war Sebastiáns letzter Arbeitstag (beziehungsweise letzte Arbeitsnacht).
Ihm und Ihnen allen wünschen wir ein erholsames, frohes Weihnachtsfest!
Lassen Sie uns viele, neue “bekannte Unbekannte” kennenlernen.

Die Abholtermine für Weihnachtsbäume 2017 in Berlin finden Sie hier.

Fotos: Michalina Kowol

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Kategorie: Gesellschaft

1 Kommentare

  1. Ricardo sagt

    Saludos hermano, te quiero mucho y te extraño.
    Ricardo Riquelme

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