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„Mein Herz zeigt mir, wie man tanzt“

Der Künstler Eyk Kauly ist taub. Trotzdem liebt er die Musik und das Tanzen – vor allem im Berghain. 

Kindergeschrei, laute Musik, Baustellenlärm: Wir alle regen uns täglich über Krach auf. Doch was, wenn auf einmal fast nur noch Stille herrscht? Für den tauben Eyk Kauly ist das seit seiner Geburt so. Aufgewachsen in einer hörenden Familie nahe Dresden, lebt und arbeitet der 28-Jährige mittlerweile in Berlin.

Wir treffen uns zu einem Interview, das nicht mal schnell am Telefon ausgemacht werden konnte. Das eigentlich zu zweit – ohne Gebärdensprachdolmetscher – gar nicht möglich ist. Doch wir finden eine Lösung: den Live-Chat. Wir sitzen in einem belebten Café und schieben den Laptop hin und her.

Kulturschwarm: Hast du das Gefühl, dass du durch den technischen Fortschritt der Welt der hörenden Menschen näher kommst?
Eyk Kauly:
Absolut! Wir Gehörlosen sind vor allem super dankbar für die Erfindung des Video-Chats. Jetzt können wir über FaceTime miteinander gebärden – das ist ja dann wie telefonieren. Auch WhatsApp und Facebook helfen uns in der Kommunikation ungemein weiter.

Du bist das einzige taube Kind in einer sonst hörenden Familie. Kommuniziert ihr miteinander in Gebärdensprache?
Nein. Denn auf meiner Schule für Hörgeschädigte war es mir verboten, zu gebärden. Weil ich zwar auf dem rechten Ohr komplett taub, auf dem linken aber „nur“ schwerhörig bin. Wenn ich ein Hörgerät trage, kann ich auf diesem also ein bisschen hören. Wir Schwerhörigen durften deshalb in der Schule untereinander nicht per Gebärdensprache kommunizieren. Wurden wir von den Lehrern dabei erwischt, gab es sogar ein 1-Euro-Strafgeld. Wegen des Verbots waren auch meine Mama und meine Oma dafür, dass ich die Gebärdensprache nicht benutze, sondern mich bemühe, zu sprechen. Für mich war das eine orale Vergewaltigung.

Mittlerweile bist du vom Dorf in die Großstadt gezogen. Wie kam es dazu?
Für einen tauben Menschen ist eine Stadt einfach besser als ein Dorf. Weil ich nicht telefonieren kann, muss ich Termine, zum Beispiel beim Arzt, immer persönlich machen. Auf dem Dorf kann ich nicht mal eben hingehen, sondern muss immer eine lange Fahrt auf mich nehmen. Das ist einfach Zeitverschwendung.

Und warum ausgerechnet Berlin?
Als Künstler und Schauspieler passt man ja allgemein sehr gut hierher. Vor Berlin habe ich es in Hamburg probiert. Aber Hamburg kann nur traditionelles Theater. Ein tauber Schauspieler ist da einfach zu surreal. Die Berliner Szene will eher neue Sachen ausprobieren und Dinge zeigen, die es so vorher noch nicht auf der Bühne gab. Man ist einfach offen für alles. Und auch im Alltag fühle ich mich sehr willkommen: Hier gibt es viele Gehörlose und auch viele Hörende, die die Gebärdensprache sprechen.

Welche Bedeutung hat Musik für dich?
Es wird immer geglaubt, dass Musik für taube Menschen nicht wichtig ist. Doch das ist ein Irrtum. Wir können Musik gut durch Vibrationen am Körper wahrnehmen: Je nach Lautstärke spüre ich die Vibration in meiner Brust oder sie fließt vom Boden in meine Füße.

Wenn du das so schilderst, muss ich direkt an das bekannte Lied „Musik nur, wenn sie laut ist“ von Herbert Grönemeyer denken…
Ja genau! Das beschreibt es sehr gut, wie wir Musik erleben können.

Und wie tanzt man, wenn man die Musik nur fühlt?
Auf meinem schwerhörigen Ohr könnte ich die Musik mit meinem Hörgerät ja sogar hören. Dennoch nehme ich es zum Musikhören immer raus: Die Töne klingen sonst einfach nur metallisch. Ohne Hörgerät höre ich die extrem laute Musik so sanft und natürlich. Mein Herz, beziehungsweise meine Brust, zeigt mir dann, wie ich tanzen muss: Wenn meine Brust nach außen rumst, tanze ich nach vorne, nach rechts, nach links oder nach hinten. Wenn sie dann wieder nach innen geht, tanze ich kreiselnd und wirble herum.

Berlin hat ja auch eine enorm große Clubkultur. Hast du denn einen Lieblingsclub?
Das Berghain!

Wieso?
Ich finde es herrlich, dass dort Sprechen keine Bedeutung hat. Durch die extrem laute und lebendige Atmosphäre kann man es eh vergessen, sich da zu unterhalten. Alles geht über Mimik und Gestik – so kann auch ich im Berghain super kommunizieren. Und man kann tanzen, wie man möchte: egal, ob gut oder schlecht.

Interview: Madeline Dangman, Porträt: Eyk Kauly

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