Bühne, Stimmen zum digitalen Wandel
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„Medien haben Einfluss auf dramaturgisches Denken“

Die Neuen Medien verändern Arbeitsweisen im Theater, aber auch die Regeln der Dramaturgie. Was früher klassische, lineare Erzählung war, wirkt heute zunächst zusammenhangslos. So entstehen neue, netzartige Darstellungsformen.

Prof. Dr. Ute Pinkert lehrt Theaterpädagogik an der Universität der Künste Berlin. Sie erklärt, wie die Neuen Medien ihre Arbeit, dramaturgisches Denken und die Theaterpraxis verändern.

Kulturschwarm: Wann waren Sie zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt und wie haben die Neuen Medien Ihre Arbeit verändert?
Prof. Dr. Ute Pinkert: Mein erster Kontakt mit dem Internet ist schon lange her. Also da jetzt eine Jahreszahl zu sagen, fällt mir schwer. Seit es das gegeben hat auf jeden Fall. In meiner Arbeit hat sich seitdem schon viel verändert. Ich bin ja hier an der UdK auch als Wissenschaftlerin tätig. Wenn ich daran denke, wie ich meine Diplomarbeit noch mit der Schreibmaschine geschrieben habe, kann ich mir das jetzt nicht mehr vorstellen, weil sich das Schreiben sehr verändert hat. Und ich glaube, auch das Denken hat sich verändert. Es ist etwas anderes, ob ich mechanisch, linear einen Gedanken in Schrift umwandle oder ob ich ihn netzartig denke und gleichzeitig verschiedene Fenster offen habe. Das Internet gibt die Möglichkeit sehr schnell Dinge zu finden und einzufügen. Außerdem kann ich Dinge sofort umstellen, mehrere Fassungen parallel haben. Also es ist ja sowohl eine Ausdehnung in der Horizontalen als auch in der Vertikalen. Das hat auch mein Denken beeinflusst. Ich bin mir sicher, wenn ich jetzt wieder eine Schreibmaschine vor mir hätte, dann wäre ich erst einmal extrem blockiert.

Was für Dienste benutzen Sie?
Also im Seminar setze ich unglaublich viele Filme ein, die ich mir bei Youtube runterlade oder ich gehe online und spiele sie direkt ab. Es ist eine sehr große Bereicherung, Zugriff zu haben auf Beispiele, weil wir immer wieder auf Beispiele angewiesen sind. Und da können wir jetzt unser Material im DVD-Archiv leicht durch online-Quellen ergänzen.

Inwieweit haben die Neuen Medien die Theaterpädagogik verändert?
Das Eine ist die Dokumentation von Probenprozessen. Es ist mehr und mehr üblich geworden, Probenprozesse zu filmen und dann das Material gemeinsam auszuwerten. Das ist eine riesige Veränderung, weil das den kollektiven Arbeitsprozess fördert. Dass also nicht mehr nur ein Mensch von außen die einzige Befugnis hat, sozusagen die Qualitätskontrolle, sondern dass man das gemeinsam anschaut, was man improvisiert hat. Oder wie zum Beispiel in dem Werk „touch pleasure work“ vom Theaterprojekt Polynervös, dort hat Video auch eine wichtige Rolle gespielt. Es ging darum, die Perspektive auf den Körper zu verändern und andere Wahrnehmungsweisen zu etablieren. Daher wurde aus einer sehr nahen Distanz gefilmt sodass die Haut ganz anders sichtbar wurde, ja fast berührbar. Also Film wird als künstlerisches Mittel eingesetzt und als Dokumentationsmittel während der Proben. Und natürlich gibt es die Dokumentation der Endprozesse um sich entsprechend auf dem Markt präsentieren zu können.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Neuen Medien und der Theaterpraxis?
Ich bin mir sicher, dass die Neuen Medien vor allem in Bezug auf dramaturgisches Denken einen riesigen Einfluss haben, weil sich andere dramaturgische Prinzipien herausbilden, die etwas mit dieser Netzerfahrung zu tun haben. Das ist auch mein nächstes Forschungsthema, in dem ich mich wieder stärker mit Dramaturgie beschäftigen werde.

Können Sie mir diese anderen Prinzipien näher erklären?
Die traditionelle Dramaturgie ist ja eine lineare Erzählung: Anfang, Steigerung, Höhepunkt, Fall und Ende – der dramatische Bogen. Da werden die Ereignisse folgerichtig, also linear erzählt. Und heutzutage findet man das kaum noch. Was in unserer Branche größtenteils produziert wird, sind an einer Recherche orientierte Eigenproduktionen. Die Spieler generieren in kollektiver Arbeitsweise Material und fügen das zusammen zu einer neuen Form. Wie vorhin erwähnt, hat diese Arbeitsweise viel mit den Möglichkeiten zu tun, die die Medien bieten. In dieser neuen Form sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Bausteinen weniger dramatisch im Sinne von eins nach dem anderen. Es wird viel mehr mit Möglichkeiten von Gleichzeitigkeit und Nebeneinander experimentiert.

Was bedeutet das für die Praxis?
Es ist ein Prinzip von Simultanität, ebenso wie ich das mit der Arbeitsweise mit dem Internet beschrieben habe. Da gibt es die Horizontale, ganz viel gleichzeitig, aber es gibt auch die Vertikale, das ist der Metatext und das sind Subtexte. Und das spiegelt sich natürlich auch in Aufführungsgestalten wieder, in der Form wie Material auf der Bühne präsentiert wird, was es erzählt und wie es auf die Spielenden und die Zuschauer wirkt. Es hat außerdem mit einer anderen Räumlichkeit zu tun, die ich auch im Alltag erlebe. Die Kommunikation mit den Kolleginnen aus dem Ausland verändert sich. Wenn es zwischendurch immer wieder den persönlichen Kontakt gibt, erscheinen mir die Phasen der Kommunikation über das Internet, als würden die Personen lediglich im Nebenraum sitzen und nicht hunderte Kilomenter entfernt. Es rückt alles näher zusammen.

Sehen Sie die Neuen Medien als Segen oder Fluch?
Natürlich ist das ambivalent. Die Kommunikationsdichte nimmt einfach zu. Wenn ich überlege, mit wie vielen Leuten ich am Tag kommuniziere, das hatte ich früher nicht. Und das ist manchmal zu viel. Bei meiner 13-jährigen Tochter nehme ich das auch als einen gewissen Druck wahr. Ich glaube, die Jugendlichen haben heutzutage überhaupt nicht mehr die Wahl, rein zu gehen oder draußen zu bleiben. Sie müssen einfach online sein, weil da permanent Gespräche laufen und wenn sie an denen nicht teilnehmen, sind sie im sozialen Sinne draußen. Das erlebe ich und das tut mir leid. Ich denke, dass es dann auch für die Jugendlichen mal gut wäre etwas anderes zu tun. Etwas, das mit Stille zu tun hat, mit Intensität, Tiefe und Muße. Etwas, das mit Geschehen-lassen zu tun hat. Und diese Räume werden meiner Erfahrung nach weniger und um die muss man kämpfen. Die Kommunikationsdichte ist toll, aber auch eine permanente Anforderung und die nehme ich als sehr viel stärker an der Oberfläche verlaufend wahr, sodass man dabei immer auch ein Stück weit weg katapultiert wird von sich selber.

Würden Sie sagen, das Theater hat noch diese Stille und Muße?
Das Theater ist ja weder gut noch böse. Es gibt Theatermacher, die sehr auf dieses Eventhafte aufspringen, die Ereignisse produzieren und auf neue, starke Reize setzen. Aber es gibt natürlich auch Theatermacher, die genau das Gegenteil anstreben und versuchen, im Theater einen Raum zu etablieren, der eine andere Wahrnehmung ermöglicht. Das sind dann eher so performative Formen. Zum Beispiel eine Kollegin von mir, Uta Plate, macht jetzt Theater in der Landschaft.

Und alle lassen ihre Handys zuhause?
Das erledigt sich von selber, da gibt es gar keinen Empfang. Da ist man mit ganz anderen Problematiken konfrontiert, da rückt anderes in den Vordergrund. Also ich glaube, so muss es gehen: nicht mit Verbot, sondern dass man versucht, andere Räume zu erzeugen oder aufzusuchen, wo andere Formen der Kommunikation einfach notwendig werden.

Interview: Vanessa Jürcke, Porträt: Ute Pinkert

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