Kunst
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Selbstreflektion und Käsekonstrukte

Nairy Baghramian: „Vitrine Rafraîchirée" 2018 (c) Galerie Buchholz Berlin/Cologne

Die in Berlin lebende Bildhauerin Nairy Baghramian hat drei sehr erfolgreiche Jahre hinter sich. Documenta14, Einzelaustellungen in Madrid und Kopenhagen, zwei große Retrospektiven in Gent und Minneapolis. Die Galerie Buchholz in der Fasanenstraße mit weiteren Ausstellungsräumen in Köln und New York, die unter anderem Kunstgrößen wie Isa Genzken und Wolfgang Tillmans vertritt, stellt nun ebenfalls eine Retrospektive der Künstlerin aus. Wobei der Begriff „Retrospektive” nicht ganz zutreffend ist, denn die Künstlerin zeigt neue Stücke, die sich auf ihre älteren Werke beziehen – in einer Art Selbstreflexion. Sie möchte so den Prozess ihres eigenen Schaffens offenlegen. Anders als bei den beiden „Retrospektiven” in Gent und Minneapolis, sind im zweiten Stock der Galerie Buchholz den neuen Werken auch ältere Arbeiten der Künstlerin gegenübergestellt.

Auf den ersten Blick lassen Nairy Baghramians Arbeiten einen ziemlich kalt, sie sind spärlich verteilt, schwer emotional erfahrbar und nicht unmittelbar verständlich. Schwarz-Weiß Fotografien von Kraftwerken, metallische Objekte, die an Autoteile oder Duschvorrichtungen erinnern, große Holzrahmen an der Wand. Sie steht damit deutlich in der Tradition des Minimalismus, dessen Künstler ihre Werke im Streben nach Objektivität und Klarheit auf geometrische Formen und Flächen reduzierten. Baghramian verwendet unkünstlerische, handwerkliche Materialien wie Metall, Kunststoff, Lack und Gummi. Ihr Werk, das auch sonst voller Zitate an die Kunst der 1960er Jahre ist, kombiniert Elemente des Minimalismus mit einem konzeptuellen Ansatz, indem sie unsere herkömmliche Erwartung an das Gegenständliche herausfordert und (teils ironische) Kommentare hinzufügt. Etwa in der Fotografie eines Dampfwolken in die Atmosphäre speienden Kraftwerks, das den humorvollen Titel Portrait (The Concept-Artist Smoking Head) trägt und die Rauchschwaden zur Verbildlichung des Gedankenprozesses werden lässt.

Die Idee der „Sozialen Plastik”

In der Arbeit Vitrine Rafraîchirée von 2018, nimmt Nairy Baghramian Bezug auf ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Buchholz im Jahr 2011. Käsestücke, in Gestalt von überdimensionalen, geometrischen Formen aus unbemaltem Porzellan, liegen in einer Vitrine aus lackiertem Metall, eine Kunststofffolie lappt vom Rand des Gestells. Die “Käsestücke” in der Vitrine sind eine Art Umkehr einer älteren Arbeit von 2011, die im ersten Stock der Galerie zu sehen ist: Eine Platte aus Silikon mit Ausformung, die so ein Negativ der „Käsestücke” darstellen.

Das Wortspiel im Titel ihrer ersten Ausstellung, Formage de tête, wörtlich übersetzt Formung des Kopfes, wird in der neuen Arbeit in Form der  „Käsestücke” noch einmal verdeutlicht und kommentiert. Denn man denkt sogleich an Fromage de tête, französisch für Presswurst, oder wörtlich übersetzt: Käse des Kopfes. Die Künstlerin führt uns hier vor, wie Sprache und Bedeutung sich gegenüber einem Gegenstand durch einen anderen Kontext verändern können. In der Überarbeitung und Umformung ihrer älteren Arbeiten kann man die von Joseph Beuys geprägte Idee von der „Sozialen Plastik” erkennen: Das Kunstwerk ist nicht abgeschlossen, solange das Denken weitergeht. Ebenso, wie die Gesellschaft sich immer weiter formen und verändern lässt.

Der Raum als Masse

1969 sagte Naum Gabo, wegweisender Bildhauer des Konstruktivismus: „Bis jetzt haben die Bildhauer der Masse den Vorzug gegeben und einer so wichtigen Komponente von Masse wie dem Raum wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt … wir betrachten ihn als absolutes skulpturales Element“. Der Raum spielt auch bei Nairy Baghramian eine wichtige Rolle. Sie präsentiert und ordnet ihre Arbeiten in einer Weise an, die ansonsten unsichtbare Räume sichtbar machen sollen. Einige Arbeiten finden sich an Durchgängen oder im Eingangsflur. Dieses Sichtbarmachen von Räumen erscheint sinnbildlich für Fragen der Repräsentation: Wer spricht für wen? Wer oder was findet keine Beachtung? Oder auch: Wie kommt Wissen zustande?

Hinter Baghramians Arbeiten stecken komplexe, philosophische Überlegungen, die sich dem Betrachter jedoch nicht gleich erschließen. Erst bei genauem Hingucken und Nachlesen kann man darin eine Kritik am Ist-Zustand der Gesellschaft und den Herrschaftsstrukturen des kapitalistischen Systems erkennen: Die Künstlerin hinterfragt, was wir als gegeben sehen. Doch wen soll diese Kunst erreichen? Welche Utopien und normativen Vorstellungen möchte sie vermitteln? Diese Fragen bleiben offen, aber vielleicht interessiert Nairy Baghramian genau dieser Prozess des Darüber-Nachdenkens.

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Kategorie: Kunst

Charlotte von Bernstorff

Charlotte von Bernstorff findet Kälte aufregend. Wenn sie sich nicht gerade gen Osten sehnt, begeistert sie sich beim abendlichen Backgammon für die Idee einer europäischen Republik. Small is beautiful! Veränderung im Kleinen, Verständigung im Großen. Aufgewachsen im Wendland entwickelt sie schon als Kind ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Nach ihrem Wirtschaftsstudium in Kopenhagen arbeitete sie zunächst in der Berliner Kultur- und Kreativszene. Ihre Leidenschaft gilt der Literatur und Klassik. Mit dem Kulturjournalismus dankt sie den Exceltabellen ab und will ganz nah an den Inhalt.

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