Gesellschaft, Kunst
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Zeitmaschinen in Schwarz-Weiß

Richtig schön abhängen: In der Ausstellung "Voll der Osten" geht es nicht nur um Ostberlin. Dieses Foto trägt den Titel "Vor dem Dorfgasthaus, Brandenburg, 1984, DDR". (Foto: Harald Hauswald/OSTKREUZ)

In den kommenden Wochen werden die Kulturschwärmer besonders von Orten in Ostberlin angezogen, von außergewöhnlichen Menschen und Begebenheiten. Manche von ihnen weisen zurück in die Zeit als Hauptstadt der DDR – so auch die Ausstellung “Voll der Osten” im Podewil. Sie zeigt Bilder von Harald Hauswald, dem Mitbegründer der Fotoagentur OSTKREUZ. Unser Autor Simon Rayß hat sich von ihnen zu einem sehr persönlichen Blick in die Vergangenheit inspirieren lassen.

Ich sehe vertraute Orte, den Hackeschen Markt, das Frankfurter Tor, den Alex, wie sie einmal aussahen. Ich erkenne sie wieder. Das Schwarz-Weiß der Bilder konserviert sie in ihrer Zeitlosigkeit. Und betont doch die Wunden, die der Zahn der Zeit in sie geschlagen hat. Abblätternder Putz, poröse Wände, Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die Fotos von Harald Hauswald, die in einer Wanderausstellung im Berliner Podewil bis vor Kurzem zu sehen gewesen sind, zeigen nicht nur eine halbe Stadt, in der es an Mitteln fehlt, dem Verfall Einhalt zu gebieten. Sie öffnen auch eine blühende Erinnerungslandschaft. Die Landschaft meiner Erinnerungen. Ich sehe mich als Kind durch diese Straßen laufen ­– auch wenn es den Fotografen auf Motivsuche nicht nach Lichtenberg verschlagen hat, in meinen Heimatbezirk. Dort sah es genauso aus. Auch lange Zeit nach der Wende noch.

Harald Hauswald hat ein Auge für die Menschen am Rande der Gesellschaft.

Das Vertraute dieser Bilder finde ich nicht nur in den Häusern und Straßen. Es sind auch die Menschen, die sie bewohnen. Die alten Damen mit ihren Hüten und Kostümen, die so keck miteinander lachen. Habe ich ihren Humor nicht erst gestern gehört, in der Schlange beim Fleischer? Als sich eine Wartende bei der anderen beschwerte und für ihren Frust die Worte fand: „Da bekomm’ ick so ne Brosche.“

Einige Fotos weiter beugt sich ein älterer Herr in Hut und Mantel tief hinab, um etwas vom Boden eines Abfalleimers aufzuheben. Vielleicht eine Pfandflasche, vielleicht aber auch ein bisschen Altpapier oder Metall, mit dem er seine Rente aufbessern will. Die Passanten laufen weiter, beachten ihn nicht. Wieder eine vertraute Szene, allerdings eher aus dem Jetzt als aus meinen Erinnerungen.

Im verklärten Ostberlin meiner Kindheit gab es keine Flaschensammler. Keine Altersarmut, keine vereinsamten Senioren, die das leere Konto auf die Straße treibt. Harald Hauswald hatte auch für sie ein Auge. Seine Bilder leuchten weit hinaus über das Halbdunkel meiner Erinnerung, bis hinein in das Berlin, in dem ich heute lebe.  In dem die Häuser makellos sind, doch der alte Mann sich genauso bückt, um die Flasche am Boden des Abfalleimers zu erreichen.

Die Ausstellung ist aktuell in der Volkshochschule Lichtenberg zu sehen, Paul-Junius-Straße 71, 10369 Berlin, 1.OG. Öffnungszeiten: Mo-Fr von 10-20 Uhr, der Eintritt ist frei. 

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Kategorie: Gesellschaft, Kunst

Simon Rayß

In Simons Leben gibt es gleich drei große Lieben: das gedruckte Wort, handgemachte Musik und langsam erzählte Filme, deren Poesie er am liebsten in schummrigen Independent-Kinos genießt. Simon Rayß hat sein ganzes Leben, abgesehen von einem 14-monatigen Ausflug nach Finnland, im Osten Berlins verbracht. Daher kommt wohl auch seine entspannte Art, die ihn gelassen durch den Großstadtdschungel navigiert. Schreiben, gutes Essen, liebe Freunde, Kerzenschein und die Berlinale: Fertig ist das kleine, große Glück!

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