Kunst
Schreibe einen Kommentar

Im iPhone des Betrachters

Am Flughafen BER wartet eine Familie auf Gesellschaft. Bjørn Melhus hat mit seinem virtuellen Kunstprojekt „Gate X“ Pionierarbeit geleistet. Nur sehen kann man das Werk nicht

Kunst für alle, überall, zu jeder Zeit, frei von institutionellen Zwängen. Die sogenannte Augmented Reality – zu Deutsch: erweiterte Realität – soll das ermöglichen. Auf den Displays von Smartphones und Tablet-PCs macht diese Technik Dinge sichtbar, die es eigentlich nicht gibt. Augmented-Reality-Kunstwerke bestehen aus Datensätzen, nicht aus physischen Materialien. Räumliche Einschränkungen sind damit passé: Kunst braucht keine Galerien und Museen mehr, um wahrgenommen zu werden. Potenziell ist sie im gesamten öffentlichen Raum zu finden.

Der Filmkünstler Bjørn Melhus ist in Deutschland einer der Pioniere der Augmented-Reality-Kunst. Sein Projekt „Gate X“ könnte innerhalb weniger Wochen ein Millionenpublikum erreichen. Seit über einem Jahr ist das digitale Kunstwerk fertig, doch wann es öffentlich zu sehen sein wird, ist ungewiss. Denn Melhus’ Arbeit ist eines von insgesamt sechs Kunst-am-Bau-Projekten, die für den BER, den Flughafen Berlin Brandenburg, realisiert wurden.

Kochen im Terminal: Szene aus dem Augmented-Reality-Kunstwerk „Gate X“

Kochen im Terminal: Szene aus dem Augmented-Reality-Kunstwerk „Gate X“

An 24 Orten kann der Besucher einer Familie begegnen – Vater, Mutter, Sohn, die sich zwischen Passkontrolle und Abflugbereich häuslich eingerichtet haben. Im ganzen Terminal hat Melhus sogenannte Augmented-Reality-Marker verteilt. Sie sehen aus wie abstrakte Schwarzweiß-Bilder. Eine zugehörige App macht über die Kamera des Smartphones oder Tablets die reale Flughafenumgebung auf dem Display sichtbar. Ist der Marker vollständig im Bild, fügt die App die virtuelle Familie in das reale Bild ein – anders als QR-Codes müssen die Marker also nicht extra vom Betrachter eingescannt werden.

Was tun gegen Flugangst, Nikotinentzug und Liebeskummer?

So kann man den drei Figuren zuschauen, wie sie Sport treiben, kochen, einander umarmen, meditieren oder schlafen. „In einer meiner Lieblingsszenen“, erzählt Melhus, „steht der Junge vor einem der Marker. Wenn man ihn auf dem Touchscreen anfasst, bewegt er sich plötzlich und kritzelt mit einem Edding auf dem Marker herum. Die virtuelle Figur interagiert also mit dem realen Gegenstand.“

Die virtuelle Figur interagiert mit dem realen Gegenstand.

Die virtuelle Figur interagiert mit dem realen Gegenstand.

Auch ein augenzwinkernder „Airport Survival Guide“ ist Teil der App, eine Anleitung für das Überleben am Flughafen. Er beantwortet Fragen wie: Wo bekomme ich das kalorienreichste Essen für das wenigste Geld? Wie kann ich mich im Terminal ausreichend bewegen? Was ist die bequemste Schlafposition? Und was tun gegen Flugangst, Nikotinentzug und Liebeskummer? „Es ist schon vorgekommen, dass Menschen wegen Naturkatastrophen tagelang am Flughafen verweilen mussten“, erläutert Melhus. „Der Extremfall war ein Mann in Paris, der 18 Jahre lang am Flughafen lebte, weil er weder ein- noch ausreisen konnte.“ Auf einer eigenen „Gate X“-Website finden sich Geschichten, Videos, Interviews, Links und Literaturtipps zum unfreiwilligen Stranden am Flughafen.

Melhus’ Figuren tragen keine Namen, ihre Kleidung und Hautfarbe verändern sich per Zufallsprinzip. Nicht die virtuelle Familie steht im Zentrum des Kunstwerks, sondern die Fragen, die sie aufwirft. „Von den Medien wird ,Gate X‘ häufig darauf reduziert, dass da ein paar lustige Figuren am Flughafen zu finden seien. Aber insgesamt ist das Werk viel hintergründiger“, sagt Melhus. Er wolle hinterfragen, was Flughäfen sind, was Grenzen sind und was letztlich der Ein- und Ausschluss bestimmter Teile der Gesellschaft bedeuten könne.

Die Updates zahlt der Künstler aus eigener Tasche

Realitätserweiterer: Bjørn Melhus

Realitätserweiterer: Bjørn Melhus

Dass nun noch länger auf den BER gewartet werden muss, hat Melhus geschockt: „Mittlerweile bin ich aber schon wieder in so vielen anderen Projekten drin, dass ,Gate X‘ erstmal geparkt ist.“ Bis zur Eröffnung des Flughafens möchte er sein virtuelles Kunstwerk am liebsten vergessen. Dann wird noch einmal eine komplette Überarbeitung nötig sein, um „Gate X“ an die veränderten technischen Standards anzupassen, etwa an die Bildschirmgrößen der dann gängigen Smartphones. „Basierend auf der Grundsoftware sind diese Updates nicht so spektakulär, aber sie sind mit Zeit und Arbeit verbunden“, erklärt Melhus. „Das stellt sicher eine Herausforderung dar.“ Die Updates zahlt der Künstler aus eigener Tasche, sonderlich kostspielig seien sie zum Glück nicht, sagt er. „Die Unternehmer, die dort ihre Läden aufmachen wollten, kriegen ja auch keine Entschädigung. Woher auch?“

Dass der BER tatsächlich eröffnet werden wird, davon ist Melhus überzeugt. An sich, sagt er, sei es ja auch ein ganz schöner Flughafen geworden, nur ein bisschen zu klein vielleicht. Dass dort gleich sechs große Kunstprojekte verwirklicht wurden, sei eine Besonderheit. Neben Melhus haben auch Olaf Nicolai, Takehito Koganezawa, Pae White, Matt Mullican und das Duo STOEBO im Auftrag der Flughafengesellschaft Kunstwerke für den BER geschaffen. „Flughäfen, auch der Berliner Flughafen, sind reine Kommerzzonen“, findet Melhus. „Das sind eigentlich nur Shopping Malls mit zusätzlicher Abflugoption. Dort auch etwas zu haben, was nichts anpreisen oder verkaufen soll, finde ich unglaublich wichtig.“

Fotos: Bjørn Melhus

FacebooktwitterFacebooktwitter
Kategorie: Kunst

Lea Katharina Becker hält das Semikolon für das attraktivste aller Satzzeichen; außerdem mag sie digitale Kultur, vegetarisches Essen und Rap-Musik. Sie absolvierte Praktika bei ZEIT ONLINE, taz und DE:BUG und studiert seit Oktober 2012 Kulturjournalismus an der UdK Berlin. Neben ihrem Bachelor-Studium der Europäischen Medienwissenschaft in Potsdam arbeitete sie als Redaktionsassistentin bei der rbb-Fernsehsendung "Brandenburg aktuell" und als freie Redakteurin für das Web-Video-Format Berlin Sessions. Derzeit ist sie als freie Journalistin im Print- und Online-Bereich tätig. Seit April 2013 ist sie zudem als studentische Hilfskraft bei designtransfer, der Galerie und Transferstelle der Fakultät Gestaltung an der UdK Berlin, angestellt. Dort kümmert sie sich vorwiegend um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.