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Eine Spur zu beliebig

Universell sollte die „West Side Story“ an der Komischen Oper inszeniert werden. Doch dabei überschreitet sie die Grenze zur Farblosigkeit.

Europa gerät angesichts von Flüchtlingsboten in Hysterie und die Komische Oper bringt mit West Side Story eines der bekanntesten Einwandererdramen auf die Bühne. Aktueller hätte Intendant Barrie Kosky den Stoff nicht wählen können.

Denn die Problematik, die Leonard Bernstein mit seinem Musical bereits in den 1950er Jahren abbildete, stellt sich bis heute. Wie finden Menschen fern ihrer Heimat eine neue Identität? Wie gelingt Anpassung, ohne sich selbst aufzulösen? West Side Story behandle zeitlose Themen, sagt Barrie Kosky über das Stück – „die Hoffnung auf eine neue Welt und die verzweifelte Frage, wie wir dieser neuen Welt einen Sinn geben“. Die Figuren der West Side Story finden auf diese Frage keine Antwort. Auf New Yorks Straßen stehen sich die Jugendgangs verschiedener Nationen unversöhnlich gegenüber, das Liebespaar Maria und Tony versucht die Kluft zu überwinden und wird schließlich doch zwischen den Fronten aufgerieben.

Die West Side Story sei ein Herzensprojekt von ihm und Choreograph Otto Pichler gewesen, gab Barrie Kosky im Vorfeld zu. Gemeinsam führten sie die Regie und hatten sich hohe Ziele gesetzt. Man wolle „den Staub wegzupusten und tiefer in den Stoff vordringen“. Doch diese Ankündigung wird nur bedingt erfüllt.

Tatsächlich überrascht die West Side Story in der Komischen Oper mit neuer Choreographie, die modern und energiegeladen daherkommt. Lange musste im Vorfeld mit den amerikanischen Copyrightbesitzern um die Erlaubnis zu diesem Schritt verhandelt werden. Doch es hat sich gelohnt. Beim Hit „I Wanna Be In America“  liefert die Frauenclique um Sigalit Feig in der Rolle der Anita eine so kraftvolle Performance, dass die Luft im Saal vor Energie zu vibrieren scheint.

Überhaupt sind die Nebenrollen stark besetzt. Gianni Meurer gibt überzeugend den machohaften Anführer der „Sharks“. Doc, alias Peter Renz, verhindert mit seinen Auftritten gekonnt allzu viel Schwarz-Weiß-Malerei, und Hans-Peter Scheidegger könnte als abgebrühter Cop geradewegs einem amerikanischen Thriller entsprungen sein. Es sind genau diese Charaktere, die dem Stück Leben einhauchen. Die eigentlichen Protagonisten verblassen daneben. Bis zum Ende bleiben Katja Reichert und Tansel Akzeybek in der Rolle des Liebespaars Maria und Tony flach und unnahbar. Die Kraft einer Liebe, die alle Hindernisse überwinden will, können sie nicht vermitteln. Immerhin: Stimmlich überzeugen die Beiden. Dank des Orchesters in voller Besetzung gibt es dann auch einige musikalische Höhepunkte.

Ähnlich nichtssagend wie die Protagonisten bleibt jedoch auch die Inszenierung an sich. Zwar gelingt es Kosky und Pichler, sich vom Kitsch und der Überladenheit typischer Broadway-Aufführungen zu distanzieren. Und das minimalistisch gehaltene Bühnenbild trägt erfolgreich dazu bei, die Handlung an sich in den Vordergrund zu stellen. Doch „radikal“, wie im Vorfeld angekündigt, wirkt das nicht. Dafür hält sich die Bildsprache zu sehr an altbewährte Muster. Wenn Tony die Leiter zum Fenster seiner Maria hinaufsteigt und sich die Liebenden schmachtend in den Armen liegen, wird bei manchem Romantiker vielleicht die Sehnsucht nach klassischen Romeo-und-Julia-Momenten bedient. Die Szene könnte aber ebenso gut aus einer Nachmittagsserie des ZDF stammen.

An vielen Stellen scheint das Stück gestrig. Natürlich, seine Entstehungszeit liegt mittlerweile mehr als 60 Jahre zurück. Warum aber wurde die Originalvorlage für die Aufführung an der Komischen Oper nicht einer Verjüngungskur unterworfen? Zwar ist die Thematik des Stücks an sich brandaktuell. Doch entsprechende Bezüge, um dies auch deutlich zu machen, fehlen gänzlich. Der Versuch „tiefer in den Stoff vorzudringen“, Zeit- wie Ortsangaben außen vor zu lassen, lässt die West Side Story zwar universell, aber auch beliebig werden. Die Aufführung verpasst damit die Chance, ein Spiegel des Zeitgeschehens zu werden.

Titelbild: Iko Freese/ drama-berlin.de

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