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12 Stunden Empathie

© SIGNA

Die Werke des dänisch-österreichischen Performancekollektivs SIGNA entziehen sich jeglichem wohlbekannten Theaterrahmen: einem Stück, einer Bühne, und der klassischen Aufteilung in Publikum und Schauspielende. Zuschauer und Zuschauerinnen tauchen in Welten mit eigenen Regeln ein. Lili Hering hat sich auf das Experiment eingelassen.

Ich zeige meine Karte und trete ein: In eine riesige, kalte Werkhalle im Norden Hamburgs, um sieben Uhr abends. Von allen Seiten beäugen mich Gestalten in kaputter Kleidung. Sie lungern herum, blicken aus den Fenstern der Räume am einen Ende der Halle, machen Geräusche und ziehen Grimassen, rauchen und trinken Dosenbier. Manche grüßen, andere schweigen. Ich werde, etwas verschüchtert, aber neugierig, mit anderen in den Vortagsraum gebracht – hier wird allen Zuschauenden erklärt, wo wir uns befinden und wer wir hier sind.

Darsteller Mitleidender: „Sie haben sich für diesen Kurs entschieden, meine Damen und Herren, um Ihre Empathiefähigkeit auszubauen. Dafür wird jedem von Ihnen ein Leidender als Mentor zugewiesen. Lassen Sie ihr gewohntes Leben für eine Nacht zurück und erfahren Sie, was Leid wirklich ist.

Wir sind rund 50 sogenannte Kursisten, die sich von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens in einem Obdachlosenheim darin üben sollen, dem Leid anderer nachzufühlen. Diese anderen sind unsere Mentoren, genannt „die Leidenden“, die ihr Leid gerne teilen möchten: Alkoholiker, Drogenabhängige, Prostituierte, Obdachlose, Psychisch Kranke, Traumatisierte. Die Räume sind dreckig und verwahrlost, an jeder Ecke wird getrunken, geraucht und gestritten. Konzipiert hat diesen Abend SIGNA, ein Theater- und Performancekollektiv unter der Leitung von Arthur und Signa Köstler. Die Dramaturgie von „Das halbe Leid“ verantwortet Sybille Meier vom Schauspielhaus Hamburg, die seit rund 10 Jahren eng mit den Künstlern zusammenarbeitet.

Sybille Meier: „Man betritt diese Welt und begegnet dann eins zu eins fiktiven Charakteren, aber das sind echte Menschen, die fiktive Charaktere darstellen. Mit denen unterhält man sich, mit denen verbringt man 12 Stunden, mit denen erlebt man Intensives. Und ich habe mal irgendwo gelesen, ich finde, das beschrieb es eigentlich ganz schön, dass man die sogenannte unsichtbare vierte Wand, die ja im klassischen Theater immer herrscht zwischen Bühnenraum und Zuschauerraum quasi in sich hinein verschiebt, wie wenn man eben mit auf der Bühne teilhat. Und es gibt diese Trennung nicht mehr, zwischen Zuschauerraum und Bühnenraum.

Leidende und Zuschauende teilen sich zwei heruntergekommene Schlafsäle mit Hochbetten, eine lieblos eingerichtete Suppenküche, dreckige Badezimmer, einen Kiosk und Computerraum – die Ausstattung ist derart trist, dass einen immer wieder Ekel überkommen kann. Was wiederum SIGNAs Ziel ist: auf die eigene Privilegiertheit hinweisen, die darin besteht, dass man sich dem ganzen Spektakel nach Lust und Laune wieder entziehen kann. Das können die Performer und Performerinnen zwar auch, doch die Figuren, die sie verkörpern und die uns tagtäglich begegnen – auf der Straße, in U-Bahnen und unter Brücken – können diese Entscheidung meist nicht so einfach treffen.

Darsteller Mitleidender: „Jetzt sind sie bestimmt ganz neugierig auf unsere Leidenden, die wir sorgfältig ausgewählt haben, damit sie einen vielschichtigen 12h-Kurs haben werden. Derzeit leben ungefähr 40 Leidende in den beiden Schlafsälen, die sich hier direkt unter uns befinden.“

Joy, eine Dänin mit einer brutalen Familiengeschichte, die ich nach und nach erfahre, entscheidet sich für mich. Ich ziehe ihre Kleidung an, das gehört zur Identitätseinfühlung, die angestrebt wird. Wir sollen lernen, uns selbst zu öffnen, Leid zu erkennen und wahrzunehmen beim Anderen durch verschiedene Aktivitäten in kleinen Gruppen. Viele, darunter auch ich, sträuben sich anfangs dagegen – doch ich folge schnell dem Beispiel anderer Teilnehmerinnen, die Intimes erzählen, und lasse mich auf das Experiment ein. Im Kurs „Das zarte Band“ sprechen wir über vergangene Enttäuschungen und fühlen uns in diese ein. Dann suchen wir nach dem Punkt, an dem das Leid in uns am schmerzhaftesten ist. Die Mitleidende Viola unterrichtet in der Nacht Weinen, für alle, die nicht schlafen können. Ich liege in meinem Bett und höre den Weinenden zu.

Darstellerin Viola: „Denkt an einen Ort, der euch euch ein gutes Gefühl gibt. Lasst diesen Ort wieder gehen…“

SIGNAs Produktionen werden oftmals besonders kontrovers diskutiert, da sie völlig abhängig vom persönlichen Umgang mit den jeweiligen Situationen sind. Sie entziehen sich dem, was man klassischerweise mit Theater verbindet: einer Bühne, einem Stück, der Aufteilung in Publikum und Schauspielende, und lassen einen mit sich selbst zurück. Sybille Meier erklärt:

Sybille Meier: „Bei dem Projekt fand ich es ganz entscheidend, dass ich mich tatsächlich viel mit der antiken Theatertradition, das findet sich da immer wieder – gerade das Mitleid ist ja eigentlich eine theatereigene Kategorie und dass das thematisiert wird“

Bisher hat kein Theaterstück meinen Blick auf die Alltagswelt derart langfristig verändert. Doch die Momente, die mich am meisten berührt oder mitgenommen haben, sind letzten Endes nicht jene besonders brutalen und harten von der Performern gespielten Szenen. Nein, es sind jene, in denen Zusehende von ihren echten Erfahrungen erzählt haben, von wahrhaftigem Leid. Das Teilhaben an dieser Performance erschöpft – und begeistert dennoch. Nach einer Nacht, in der wohl niemand ein Auge zugetan hat, hat sich eine allgemeine Form von Nähe und Offenheit eingestellt: zwischen Spielenden und Besuchern, zwischen Fremden, die nun Bettnachbarn sind. Man hat die ein oder andere Verletzung preisgegeben, anderen zugehört, vielleicht ein paar Tränen vergossen oder Unbekannte getröstet. Ich bin froh, den Kurs bestanden zu haben, verlasse diese Welt, und trete mit neuem Blick hinaus in Hamburgs Kälte.

 Foto: SIGNA

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Kategorie: Audio, Bühne

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