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Grünkohl statt Braunkohle

Das Aktionsbündnis “Ende Gelände” sorgt seit 2015 mit Massenaktionen des zivilen Ungehorsams dafür, dass die Diskussion um einen Braunkohleausstieg in Deutschland nicht abebbt. Doch was bewegt Menschen dazu sich ehrenamtlich mehrere Stunden in der Woche für den Klimaschutz zu engagieren? Marie Hecht und Linda Gerner haben zwei Aktivist*innen getroffen.

Demo-Wochenende in Berlin. Es ist Mitte Januar. Gut 30.000 Demonstrierende haben sich bei der jährlichen „Wir haben-es-Satt“-Landwirtschaftsdemo vor dem Berliner Hauptbahnhof versammelt. In einer Runde junger Aktivist*innen wird es unruhig. Sie gehören zu der Gruppe „Ende Gelände.“ Heute wollen  sie ihre Botschaft während der Demo nach ganz oben bringen: Klimaschutz und ein schneller Braunkohleausstieg.

Ein 50 Quadratmeter großes Banner wollen die Aktivist*innen von einer Baustelle an der Demoroute fallen lassen. Darauf ihr Appell: Grünkohl statt Braunkohle. Klimagerechtigkeit jetzt! Ein humorvoller Schulterschluss zur Demo, die für bäuerliche Landwirtschaft statt großer Agrarkonzerne streitet.

Um ihr Anliegen deutlich zu machen, verlässt Ende Gelände auch den gültigen Rechtsrahmen. (Foto: Linda Gerner)

Mit dabei ist Max, der eigentlich anders heißt. Er  verteilt in der Menge Flyer, andere Aktivist*innen betreten die Baustelle.  Neben ihrem Banner haben sie einen Kasten Bier als Mitbringsel für die Bauarbeiter dabei. Ein Konzept, das aufgeht. Als die Aktivistinnen die obere Ebene des Gerüstes erreichen und das Banner fällt, ist das Bier schon fast ausgetrunken. Doch die Baustelle zu betreten ist nicht legal. Schnell werden die Aktivist*innen auf dem Baugerüst von zwei Polizist*innen besucht. Doch erst nachdem alle Demonstrierenden vorbei gezogen sind und die Botschaft gelesen wurde, wird das Banner von der Polizei beschlagnahmt und die Personalien von zwei Beteiligten aufgenommen. Eine Konsequenz, deren sich die Ende Gelände-Aktivist*innen im Vorfeld bewusst waren: “Der Unterschied liegt darin, dass Ende Gelände-Aktionen nicht unbedingt immer legal sind, sie verlassen schon den gültigen Rechtsrahmen. Aber sie sind auf alle Fälle legitim, weil wir einfach das sehr dringende Problem des Klimawandels haben”, sagt Max*.

Seit 2015 jährliche Blockaden und Besetzungen

Zum ersten Mal ist von Ende Gelände deutschlandweit nach der Besetzung eines Braunkohletagebaus im August 2015 zu hören. Rund 1000 Menschen kommen im Tagebau Garzweiler II in Nordrhein-Westfalen zusammen und zwingen den Energiekonzern RWE zur Einstellung der Arbeit. Mit den öffentlichkeitswirksamen Aktionen möchte das Bündnis Druck machen für einen schnelleren Braunkohleausstieg: “Ganz verkürzt gesagt gibt es den Slogan „System Change, not Climate change“, sprich Ende Gelände setzt sich für den Systemwandel, gegen den Kapitalismus und das kapitalistische Wirtschaftssystem ein und dafür, dass ein Kohleausstieg vorangetrieben wird, weil Kohle eben der dreckigste fossile Energieträger ist. Obwohl Deutschland sich als Energiewende-Vorreiter sieht, ist es eben immer noch der Braunkohle-Weltmeister”, kritisiert Aktivistin Lisa*. Auch sie möchte anonym bleiben und nennt nicht ihren richtigen Namen.

Lisa* engagiert sich seit 2014 für das Bündnis. Ehrenamtlich. Zurzeit bis zu 20 Stunden pro Woche: E-Mails schreiben, zu Treffen gehen, stundenlange Plenar-Sitzungen. Denn die akribisch geplanten Aktionen des zivilen Ungehorsams leben von guter Organisation und brauchen zum Teil bis zu einem Jahr Vorlauf. “Man ist ein kleiner Mensch und man denkt, dass man nicht viele Einflussmöglichkeiten im Alltag in diese großen politischen Prozesse hat, aber wenn man dann doch mit genug Leuten zusammenkommt,  dann merkt man, dass man nicht so ohnmächtig ist, sondern einiges erreichen kann und das ist dann wieder motivierend für andere Leute, die das sehen”, beschreibt Max*.

Am Ort der Zerstörung

Der Ort der Zerstörung? Ein Braunkohletagebau in Deutschland. (Foto: Linda Gerner)

Bei ihren Aktionen schaffen sie eindrückliche Bilder: Klein wirken die Aktivist*innen in ihren weißen Maleranzügen vor den großen Baggerschaufeln in der 25.000 Hektar großen Braunkohlegrube. Sie sehen, was den meisten Stromverbraucher*innen am anderen Ende der Steckdose verborgen bleibt: “Du gehst an den Ort der Zerstörung,  du siehst dir das noch mal genau an. Da ist diese riesige Grube und ich sehe drumherum die Geisterdörfer – wo Menschen für die Braunkohle ihre Heimat verlassen mussten. Und ich sehe, wie sich die Grube von der einen zur anderen Seite frisst”, sagt Lisa*.

Ein bisschen Spaß muss sein. Ende Gelände-Aktivist*innen in der Grube. (Foto Linda Gerner)

Von Braunkohlebefürworter*innen bekommen die Aktivist*innen besonders im Netz auch Hasskommentare. Auch liest man häufiger die Aussage, Ende Gelände-Aktivist*innen seien alle arbeitslos und machten diese Aktionen nur für den eigenen Spaß. Dass die gemeinschaftlichen Aktionen, besonders im Rahmen des Klimacamps den Aktiven auch Spaß machen, bestreiten die Aktivist*innen natürlich nicht. Doch der Aktivismus und die Blockaden sind auch anstrengend und kräftezehrend, erzählt Max*. Besonders dann, wenn es zu Konfrontationen mit der Polizei kommt: “Den Leuten die mitmachen macht das teilweise Spaß und teilweise ist es auch eine Überwindung. Nicht  alles fühlt sich dabei schön an. Aber das Ergebnis ist dann meistens doch so positiv, dass die Leute es in Kauf nehmen auch mal einen Knüppel abzubekommen oder Pfefferspray in die Augen zu bekommen.”

Weitermachen will das Bündnis auch in diesem Jahr, denn “Der Klimawandel wartet nicht”, sagt Max. Im Oktober wird Ende Gelände zu einer Massenaktion beim Hambacher Forst im Rheinland in NRW aufrufen. Dann wollen sie dem Energiekonzern RWE vor Ort ihren Protest gegen die Abholzung eines der ältesten Wälder Deutschlands für die Braunkohleverstromung zeigen.

Für Lisa* sind die Aktionen des zivilen Ungehorsams bestärkend: “Einer der emotionalsten Momente war als ich das erste Mal in die Grube gekommen bin und gemerkt hab, dass das möglich ist. Ich hab dann gedacht: Wenn das möglich ist, wenn wir als kleine Menschengruppe hier rein kommen, dann ist einfach noch viel mehr möglich. Das war dieses starke, empowernde Gefühl.”

Der Beitrag erschien zunächst im Zeifragen-Magazin vom 19. Februar im Deutschlandradio Kultur
Moderation: Seyda Kurt, Sprecherin: Linda Gerner

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Kategorie: Audio, Gesellschaft

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