Gesellschaft
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Der Kapitalismus, ein Spiel

Kapitalismus spielerisch verstehen und kritisch betrachten. So das Konzept hinter dem „Museum des Kapitalismus“ in Kurzform. Was vor fünf Jahren mit temporären Ausstellungen begann, bekommt jetzt eine festen Standort. Seit dem 23. Februar kann man das kapitalismuskritische Museum in Kreuzberg besuchen.

Ein Kleiderständer mit T-Shirts wird in den Raum geschoben, hektisch laufen zehn Menschen hin und her, bringen Zettel an den Wänden an und fegen noch schnell den Boden. Kreuzberg, nahe der Markthalle Neun: Am frühen Freitagabend herrscht kurz vor der Eröffnung des “Museum des Kapitalismus” noch Chaos im hellen Raum im Erdgeschoss eines Genossenschaftshauses. Aber immerhin: Sekt und Bier stehen schon kalt und in ein paar Stunden wird man im Trubel der Eröffnungsfeier vom vorherigen Chaos nichts mehr bemerken.

„Wenn man einmal angefangen hat sich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen, ist es schwer damit wieder aufzuhören“, sagt Sylwia Rafinska. Seit 2014 organisiert sie gemeinsam mit acht Menschen aus ihrem Freundeskreis Ausstellungen zum Thema Kapitalismus. Zuletzt etwa vergangenen Sommer in Hamburg während des G20-Gipfels. „Was ist Kapitalismus? Führt er wirklich zu Freiheit und Wohlstand? Oder zu Unterdrückung und Ausbeutung? Was hat das mit dem G20­-Gipfel zu tun?“, fragten die Organisator*innen damals.

Verspieltes Mitmach-Museum

Antworten auf diese Fragen gibt es im „Museum des Kapitalismus“ in spielerischer Form: Statt langer Texte, etwa zur Geschichte des Kapitalismus, gibt es im Museum Playmobil-Figuren, die veranschaulichen sollen, wie sich der Kapitalismus entwickelt hat. Die Exponate sind dabei häufig denkbar simpel gestaltet – zeigen so aber ohne Umschweife die bestehenden Probleme und die inhärente Kritik auf.  Trotzdem kratzen einige spielerische Stationen im Museum so lediglich an der Oberfläche der komplexeren Themen. Doch vielleicht können sie ein Ausgangspunkt für Gespräche sein. Die Gruppe wolle erreichen, dass die Besucher*innen des Museums anfangen über Kapitalismus zu diskutieren, sagt Rafinska. Auch soll die Ausstellung für alle verständlich sein, denn „jeder sollte sich mit dem Thema beschäftigen, weil es uns alle jeden Tag betrifft. Man muss die Mechanismen des Kapitalismus verstehen, um zu begreifen, warum das System in dieser Weise funktioniert“, so Rafinska.

Das Museum widmet sich den Anfängen und Auswirkungen des Kapitalismus, aber auch gegensätzlichen Utopien und konkreten Alternativmodellen. Auf einer Karte Berlins können die Besucher*innen Zettel mit Stecknadeln besfestigen, auf die sie schreiben, wo in der Hauptstadt bereits erfolgreiche nicht-kapitalistische Projekte realisiert wurden. Von Solidarischer Landwirtschaft bis hin zu „Küfas“ – also Küchen für alle – die Karte füllt sich bei der Eröffnungsfeier schnell.

Stiftungs- und EU-Förderung für Kapitalismuskritik

Ein kapitalismuskritisches Museum eröffnet in Kreuzberg – ausgerechnet in einer Gegend in der die Gentrifizierung ein großes Thema ist. Wie teuer die Miete für das Museum ist, dazu äußert sich Rafinska nicht näher. Sie betont aber: „Wir haben großes Glück gehabt. Wir sind schon seit Jahren auf der Suche nach einem festen Standort für das Museum.“ Die Wohnungsgenossenschaft „Forum Kreuzberg“ hätte die Gruppe dann vor einem Jahr angeschrieben und ihnen die Räumlichkeiten angeboten. Finanziert wird das Museum durch einzelne Spenden und die Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung und dem EU-Programm „Youth in Action.“ Letztere seien für die Miete des Museums für mindestens ein Jahr aufgekommen.

Das Museum ist dabei im „Do it yourself“-Style: Was die einfache Machart der Ausstellungsstücke betrifft, als auch die Anwendung dieser. Aus Holz wird ein „Warenschrank“ gezimmert, an dem die Besucher*innen beständig an einer Kurbel drehen müssen, um an Essen und Getränke zu kommen. Wer aufhört zu arbeiten, fliegt raus aus dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, ein Gitter saust beim Loslassen der Kurbel herab. Ein paar Schritte weiter versinnbildlicht eine Spielküche die Benachteiligung von Frauen im Kapitalismus, die weniger Geld für die gleiche Arbeit erhalten. „Wir wollen kein klassisches Museum sein, in dem man nichts anfassen darf.”  Lieber habe man eine Art „Museum von unten“ schaffen wollen, das etwa von Schulklassen Workshop-mäßig durchlaufen werden kann und so „die Menschen anders involviert“, so Rafinska. Dabei soll sich die Ausstellung immer wieder verändern und thematisch erweitert werden. Im März soll die Märzrevolution von 1848 Thema sein. Auch sollen, da 2018 auch das “Karl-Marx-Jahr” ist, die Thesen des deutschen Philosophen noch stärker Eingang ins Museum finden.

Am Ausgang gibt’s für die vielen Gäste der Eröffnungsfeier nach Sekt, Sterni-Bier und Club-Mate noch Kapitalismuskritik zum Mitnehmen: “Der Kapitalismus hat riesigen Reichtum erzeugt, der aber nur durch die Ausbeutung der Arbeitenden möglich ist.” Dieser Spruch steht in geschwungener Schrift auf einer spielerisch in Rot und Weiß gestalteten Karte. Wie sollte es anders sein.

Museum des Kapitalismus: Köpenicker Str. 172 10997 Berlin . Die Öffnungszeiten sind immer mittwochs und donnerstags von und 16-20 Uhr und sonntags von 14-20 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Foto: Linda Gerner

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