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Die vergessenen Puppen

Alles Kopfsache: Im Haus von Renate Herrmann sieht es manchmal ein wenig makaber aus. (Foto: Marco Baass)

Renate Herrmann ist Fachärztin für schlackernde Glieder, klemmende Augen und gesprungene Köpfe. Als eine der Letzten ihrer Zunft arbeitet sie als Puppendoktorin. Seit 30 Jahren repariert sie Teddybären und vor allem Puppen. In ihrem Haus in Lichtenrade findet sich alles, was diese menschenähnlichen Wesen so brauchen.

Eine Spieluhr setzt ein.

Renate Herrmann: “Ja und ansonsten haben wir Ersatzteile: Zungen, Zähne, Augen, Haare, Arme, Beine. Alles Menschenersatzteile eigentlich. Ein bisschen makaber.”

Die Spieluhr verklingt.

Renate Herrmann: “Wir sind ja ausgebombt damals im Krieg, ich habe keine Puppen gekriegt. Ich hab mir immer eine schöne gewünscht, hab nur hässliche gekriegt, vielleicht ist es ein bisschen Nachholbedarf gewesen zu Anfang, kann sein, jetzt habe ich ja ein paar, wie Sie sehen. Käthe-Kruse-Puppen, das ist eine alte Käthe-Kruse, deutsche Puppenmutter. Das ist eine Babyborn, haben wir sehr oft, Arme und Beine ab, die halten leider nicht so lange. Ja, was haben wir noch. Künstlerpuppen oder hier eine alte Biedermeierpuppe. Das ist eine sehr alte, also etwa 1830 würde ich sagen. Sie hat noch die Originalsachen, das ist sehr selten. Also das ist schon ein Museumsstück hier. So ’ne alte Puppe kann man ’nem Kind nicht geben, das ist wirklich ein Sammelgebiet. Sehen Sie, hier auf dem OP liegt auch noch eine. Das Auge. Ja, da hat jemand gebohrt. Ja, raus kriegen wir es nicht. Und dadurch sind die Wimpern reingerutscht. Also ich glaube nicht, das wir da was machen können.”

Renate Herrmann ist eigentlich gelernte Schneiderin.

Puppenaugen klappern.

Renate Herrmann: “Das ist für Kinder faszinierend, Augen, die bohren dann drin rum. Abgeschnittene Haare, das ist auch faszinierend, die dann nicht mehr wachsen. Da haben wir dann Perücken, da können wir ergänzen. Mich hat einfach das Spielzeug fasziniert, weil ich dachte, die haben so viel gesehen und erlebt und vollgeheult, die haben schon was hinter sich. Und natürlich das Handwerkliche. Und da hatten wir in Kreuzberg einen, der hat auch Puppen ganz gemacht und der hat die alle mit rosa Lack gestrichen. Und ich dachte, das ganze Antike ist ja weg, der hat sie entwertet im Grunde. Und da habe ich damals selber angefangen, zu reparieren, habe einen Kurs gemacht, habe auch selber Porzellanpuppen, Porzellankopfpuppen, gemacht und in der Praxis lange gearbeitet, da sind ja viele Instrumente und Materialien. Schneiderin bin ich von Beruf, hab auch in der Oper gearbeitet, in der Kostümabteilung. Also eins kam zum anderen und Erfahrungswerte. Das ist ja kein Beruf. Aber nach 30 Jahren können wir’s eigentlich.”

Die OP-Instrumente klappern.

  • (c) Marco Baass

Renate Herrmann: “Das hier ist Käthe-Kruse, das ist auch eine besondere, die ist für die Hebammenlehranstalt gemacht worden, die hat ein Poloch zum Fiebermessen und sie hat einen Bauchnabel. Da haben die Schülerinnen wirklich dran gelernt und es gibt ein Krankenhaus hier in Berlin, die haben noch diese Puppen, die arbeiten noch damit. Bloß: Die kann man nicht baden, die ist aus Stoff, aber es ist genauso schwer, wie ein Baby, der Kopf ist genauso schwer, man lernt so die Haltung dabei und das Gesichtchen, ist zwar ein bisschen traurig, aber sehr realistisch. Früher war Puppe Puppe. Kleines Mündchen, große Augen, ja hübsch, schmale Händchen. In der Antike hat man schon Puppen gefunden, in den Pyramiden haben die Kinder schon immer damit gespielt, die haben daran geübt, was sie mit den Großen mal machen. Und die wohlhabenden Häuser hatten ja Puppenstuben, die ja ganz realistisch waren. Also wie ihre Gebrauchsgegenstände so war das auch im Kleinformat und die haben daran richtig geübt, also Tisch zu decken und alles Mögliche.”

Leben kann sie nicht von der Arbeit in der Puppenklinik.

Renate Herrmann öffnet quietschend zwei Schubladen eines Schrankes. Sie holt kleine Kunststoffdöschen heraus und führt vor, wie aus ihnen blökende Mama- und Bärenstimmen ertönen, wenn sie sie hin- und herkippt.

Renate Herrmann: “Das ist die Kopie von einem Automaten, von einem französischen Automaten, die wäre mal sehr teuer gewesen, aber es ist eben eine Kopie, das ist keine echte. Und da ist ein Liedchen und sie bewegt sich. ‘Claire de la Lune’.”

Renate Herrmann zieht den kleinen Puppenapperat auf. Wieder setzt eine Spieluhr ein.

Renate Herrmann: “Das ist natürlich für Kinder faszinierend, die macht was, die quakt nicht nur, die bewegt sich und die ist auch sehr schön, hat echte Haare, Spitzenkleidchen, aber sie ist halt nicht echt. Ja jetzt wird sie langsamer.  Ja, so machen wir weiter. Leben kann man davon nicht, auf keinen Fall, auch damals nicht. Tja, ist eine schöne Sache, die leider auch zu Ende geht. Die Kinder spielen mehr mit Technik, Smartphones, Nintendos… Das ist einfach interessanter. Das finde ich eigentlich sehr schade. Eine Puppe gehört dazu und ein Teddybär, oder?”

Puppenklinik Renate
Soldiner Straße 30
12305 Berlin-Lichtenrade
Öffnungszeiten: Mittwoch 10-18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung
www.puppenklinik-renate.de

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Kategorie: Audio, Design

Stella Schalamon

Vielleicht liegt es daran, dass sie quasi in Zeitungsbergen aufwuchs, jedenfalls ist für Stella Schalamon die mit intuitivste Art sich zu äußern das Schreiben. Schreiben, das ist für sie wie kochen: Man schmeckt die Worte auf der Zunge und guckt, was gut zusammenpasst. Die zukünftige Filmemacherin aufregender Reportagen oder Schriftstellerin liebt Kunst, Kino, Sterne und Bienen.

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