Kunst
Schreibe einen Kommentar

„Der Kunst wird nicht mehr viel zugetraut“

Annette Ziegert, hat Kunstgeschichte in Köln und Madrid studiert. Sie ist Gründerin und Leiterin des Fortbildungsinstituts KunstvermittelnHeute und lehrt an verschiedenen Universitäten.

Besonders beliebt in der Kunstvermittlung sind heute vor allem Audioguides, aber auch Tablets oder Smartphones werden immer öfter als Unterstützung bei der Kunstvermittlung eingesetzt. Kommt diese heute vielleicht gar nicht mehr ohne diese neuen Medien aus?

Durch digitale Medien werden „klassische“ Herangehensweisen der Kunstvermittlung wie die personale Vermittlung auf den Prüfstand gestellt, was ich sehr positiv finde. Ich muss mich als Kunstvermittlerin fragen, wie ich Führungen gestalten muss, damit sie sich von digitalen Medien abgrenzen und die speziellen Qualitäten der personalen Vermittlung auch wirklich nutzen. Zu diesen Qualitäten gehört, dass ich im direkten Gespräch sehr individuell auf die BesucherInnen eingehen und Wissensinhalte auf deren Vorkenntnisse und Bedürfnisse abstimmen kann. Das gleiche gilt auch für die digitalen Medien. Ein Audioguide, der lediglich einen monologischen Text wiedergibt, bleibt unter den Möglichkeiten des Digitalen.

Durch den Einsatz der neuen Medien besteht die Gefahr die Aufmerksamkeit des Besuchers vom Kunstwerk wegzulenken. Konnten Sie das als Kunstvermittlerin selbst bei Teilnehmern feststellen?

Ja und nein: Ich habe erlebt, dass SchülerInnen in Museumsprojekten ihre Smartphones eigenständig zur Internet-Wissensrecherche nutzen, um z.B. den Namen eines Heiligen zu recherchieren. Hier würde ich mir wünschen, dass noch viel mehr Wissensinhalte über Kunstwerke frei zugänglich ins Netz gestellt würden und die Besucher, ihren Bedürfnissen entsprechend, Wissen auswählen können. Dass digitale Medien von der Kunstbetrachtung ablenken, wenn sie sich nicht bewusst zum Ziel machen, auf die Kunst hinzuführen, kenne ich aber auch.

Museen wie das Frankfurter Städel wollen den Museumsbesuch immer spektakulärer gestalten und veranstalten dafür z.B. regelmäßig Partys mit DJ und Cocktail inmitten von Werken der Kunstgeschichte. Wie schätzen Sie diese „Eventisierung“ ein?

Mir ist Vielfalt wichtig: Museumsgebäude sind attraktive Orte, die eigenständige ästhetische Qualitäten besitzen. Wenn es KuratorInnen gelingt, Architektur und Exponate zu einem gut komponierten Ensemble werden zu lassen, entsteht ein Raum, der auch für BesucherInnen interessant ist, die sich nicht primär für Kunstwerke interessieren. Warum sollte man diesen Raum nicht auch für Veranstaltungen mit Partycharakter, für Konzerte, Opern usw. nutzen? Natürlich sollte dies immer mit Blick auf den Erhalt der Kunstwerke geschehen. Ich vergleiche das mit Parks: Es gibt Menschen, die sich für die Details im Park interessieren, Pflanzen in ihrer Struktur wahrnehmen, Skulpturen betrachten. Und dann gibt es Menschen, die das Gesamt genießen, sich gerne darin aufhalten, sich setzen und etwas trinken. Mich würde freuen, wenn Museen als Orte erlebt würden, in denen sich Menschen gerne aufhalten und darin etwas finden können, was ihnen jeweils individuell entspricht.

Worin sehen Sie den Trend zur Spektakulisierung des Museumsbesuchs begründet?

Ich habe den Eindruck, dass der Kunst nicht mehr viel zugetraut wird. Und daraus resultiert, dass man sie durch andere Mittel „aufladen“ muss. Das hat etwas damit zu tun, wie jahrzehntelang Kunstvermittlung bzw. Museumspädagogik betrieben wurde und immer noch betrieben wird. Die Tendenz, Kunstwerke in der Vermittlung auf eine einzige Aussage festzulegen, führt zu einer Stilllegung von Kunst, verhindert individuelles Erleben und die Möglichkeit, dass Kunstwerke Menschen etwas bedeuten.

Sie selbst sprechen sich auch für eine dialogische Vermittlung aus – im Gespräch mit dem Besucher soll dieser das Werk aus sich selbst heraus erschließen, eine eigene Sicht auf den Gegenstand entwickeln. Was sind die Vorteile dieses Vorgehens?

Die dialogische Kunstvermittlung, wie ich sie betreibe und lehre, hat zum Ziel, dass BesucherInnen in einen eigenständigen Kontakt zu Werk und Ausstellung treten, ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, das Erlebte in Austausch mit eigenen Erfahrungen bringen und durch den Wissensinput der Kunstvermittler bereichert werden. Ich vergewissere mich als Kunstvermittlerin im Gespräch der Wahrnehmungen und Vorkenntnisse der BesucherInnen und ergänze diese durch mein Fachwissen und meine Erfahrungen in der Betrachtung von Kunst. Das hat den Vorteil, dass BesucherInnen nicht nur ihr Wissen um Kunst erweitern, sondern auch ihre Kompetenzen in der Betrachtung von Kunst; und nicht zuletzt Kunst als etwas erleben können, das ihr Leben persönlich bereichert.

Eignet sich dies mehr für zeitgenössische Kunst, deren Bedeutungsebenen sich oftmals nicht auf den ersten Blick erschließen lassen?

Dass sich Werke der alten Kunst leichter erschließen lassen, weil man auf ihnen Vertrautes erkennt, ist eine weit verbreitete Auffassung, die ich nicht bestätigen kann. Wie sich Elemente eines Werkes zueinander verhalten, welches Beziehungsgefüge und welche Dynamik sie entwickeln: Das ist auch bei älteren Kunstwerken selten auf den ersten Blick erfahrbar. Auch hier kann eine Begleitung des Betrachtens, die Anregung, genauer zu schauen, sehr wertvoll sein und in der Konsequenz dazu führen, dass BesucherInnen diese Instrumentarien beim nächsten Museumsbesuch selbst anwenden.

Wie begegnen Sie der Kritik, der Kunstvermittlungspraxis drohe Banalisierung und Substanzlosigkeit durch Weglassen von (wissenschaftlichen) Informationen?

Die Probleme in der heutigen Kunstvermittlung sind vielgestaltig und führen tatsächlich zu Banalisierung und Substanzlosigkeit. Die Entscheidung, wissenschaftliche Informationen bewusst – und nicht aus Mangel an Wissen – wegzulassen, gehört nicht dazu. Da ist zum einen die mangelnde Reflexion darüber, was eigentlich Gegenstand der Vermittlung sein soll, eine fehlende kritische Haltung gegenüber wissenschaftlichen Texten und ein mangelndes Kunstverständnis. Studierende erzählen mir zum Beispiel im Rahmen meiner Lehraufträge, dass sie Kunst gar nicht mehr betrachten, sondern sich direkt auf die Literatur stürzen. Zum anderen fehlt eine Reflexion über Bildungsqualitäten, an denen KunstvermittlerInnen Situationen des Vermittelns ausrichten.

Kunst soll heute jedem zugänglich sein. Es gibt Programme für Kinder, Sehbehinderte, Menschen mit verschiedenem Bildungsniveau und Demenzkranke – Warum gilt gerade bei Kunst der Anspruch, dass diese von jedem barrierefrei rezipiert und entsprechend aufbereitet werden muss?

Dieser Anspruch sollte in allen Lebensbereichen gelten; und natürlich auch in der Kunst. Es ist zutiefst ungerecht, Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht die Möglichkeit zu geben, etwas so Bereicherndes erleben zu dürfen wie Kunst.

Welche Vermittlungs-Projekte haben Sie persönlich besonders beeindruckt?

Da gibt es natürlich einiges… Was ich damals sehr mochte – und auch heute noch – ist der Audioguide mit Hörspielcharakter der Hamburger Kunsthalle (initiiert von der Körber Stiftung), in dem sich jeweils zwei fiktive Personen der Gegenwart und Vergangenheit über ein Werk unterhalten und den Hörer dadurch zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit den Kunstwerken einladen. Gern mag ich auch das Kolumba-Projekt „KunstKlangRaum“, in dem die BesucherInnen in einer personalen Vermittlungssituation angeregt werden, durch Stimme und Klang in Resonanz zu Kunst und Architektur zu treten.

 

Foto: Museum Brandhorst, digital cat on flickr (cc)

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.