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Von journalistischen Unternehmerinnen & unternehmerischen Journalisten

Es ist die Herausforderung im Online-Qualitätsjournalismus: Wie können wir nachhaltig finanzieren ohne wichtige Mechanismen auszuhebeln?

Auf der Crowdfunding-Plattform startnext.com suchen Journalisten den direkten Kontakt zu ihrer Leserschaft, ihrer Fan-Community. Journalistinnen und Journalisten stellen in der Kategorie Journalismus ihre Recherche-Absichten vor und suchen nach interessierten Lesern und Käufern ihrer Inhalte. Felix Huesmann stellt sein Projekt „Was ist geblieben vom rebellischen Spirit of Gezi?“ vor. „Das Geld fließt komplett in meine zehntägige Recherche in Istanbul.“, erklärt der junge Journalist und zeigt interessierten Lesern, dass ihr Geld bei ihm gut investiert ist. Der beste Storyteller gewinnt die Möglichkeit zur vorab finanzierten Recherche. Interessante Inhalte finden Abnehmer und Investoren. Was mit den Anderen passiert? Nun ja, für die gehen die Reporter dann gewohnt brotlos auf Recherche oder die Themen fallen eben weg.

Gate-Keeping light

Traditionelles Gate-Keeping durch eine Redaktion, ein zentraler journalistischer Kontrollmechanismus, bleibt kurzerhand auf der Strecke. Geschrieben und eingekauft wird, was den Lesern an Themen unter den Nägeln brennt – mit anderen Inhalten werden sie nicht mehr behelligt. Ähnliche Mechanismen kennen wir zur Genüge aus Diskussionen um Facebook, Google und Co. Im Hintergrund filtern sie Informationen nach unseren Interessen und betreiben „Gate-Keeping light“ aus dem Silicon Valley. Es ist nicht mehr ein ethisch-journalistischer Moralkodex, es sind auch nicht redaktionelle Diskussionen, welche die Themenselektion bestimmen – es ist vielmehr das Informationsbedürfnis der Leserschaft und die Bereitschaft der Journalisten, sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Ist es sinnvoll, wenn eine große Dosis Selbstvermarktung plötzlich zum Berufsalltag einer jeden Onlinejournalistin wird, damit sie ihre Arbeit bezahlt weiß?

Der andere Fall

Auch die amerikanische Website Spot.Us forderte, bis zu ihrer Schließung 2015, eine sehr radikale Form der Leserbindung. Die Non-Profit-Organisation brachte mittels Crowd-Sourcing und Crowdfunding Bürger, Journalisten und Medienunternehmen auf einem virtuellen Marktplatz in einen Dialog. Was die Leser an Inhalten interessierte, konnte gezielt von ihnen finanziert werden. Der Journalist bediente auch hier gewissermaßen direkt die Nachfrage seiner Leserschaft und ging erst auf Recherche, nachdem er seine Arbeit finanziert wusste. Spot.Us wagte den Versuch Onlinejournalismus wie ein Start-up zu vermarkten und finanzieren. Nach dem Prinzip Rent-a-Journalist bezahlten die Nutzer für geringe Beträge ganz unmittelbar einzelne Reporter und Reporterinnen. Ähnlich der Philosophie des amerikanischen Taxi-Unternehmens Uber; transparent und direkt von Journalist zum Leser, vom Dienstleister zum Käufer. Klingt ja eigentlich ganz toll und logisch. Spot.Us hat offensichtlich dennoch nicht ganz den Geist der Zeit getroffen. Fehlt dieser Art der Selbstvermarktung freischaffender Journalisten die Rechtfertigung? Ist der Versuch, die Finanzierung von Online-Journalismus wie das Marketing eines Taxiunternehmens aufzuziehen, doch etwas zu gewagt?

Print ade?

Lange wurde das Internet von Seiten traditioneller Printmedien eher verteufelt denn als Chance gesehen. Unternehmerische und experimentelle Ansätze zur Finanzierung waren die Ausnahme. Viele Traditionszeitungen sind zu zaghaft an die Veränderungen herangegangen, welche durch das Internet ausgelöst wurden. Es scheint, als hätte bei vielen Herausgeberinnen und Chefredakteuren der Druck des Neuen dazu geführt, dass sie, wie ängstliche Manager, mutlos an die neuen Entwicklungen herangegangen sind und völlig verpassten, den Onlinejournalismus als neuen Zugang zu einer schrumpfenden Leserschaft zu verstehen. Die Mittel wurden und werden immer vielseitiger, die Konkurrenz zahlreicher. Inzwischen ringen unzählige journalistische Modelle mit herkömmlichen Titeln um Platz im Online-Jungle. Man darf den Online-Zeitungsleser von heute, den blättermüden Konsumenten von Youtube-Filmen und Netflix-Serien dabei auch mal kritisieren.

Sich lediglich über seine Lesegewohnheiten zu empören und ihn kampflos an Produzenten oberflächlicher und portionierter Inhalte zu verlieren, scheint aber weder sinnvoll noch nachhaltig. Natürlich ist das gedruckte Papier mit viel Nostalgie verbunden –  es war doch aber nur eine absehbare Konsequenz der Digitalisierung, dass sich der moderne Leser nicht mehr mit Papierbergen herumschlagen will. Viele Verleger und Herausgeber haben das viel zu zögerlich begriffen. Nicht ihr Geschäftsmodell ist gestorben, der Vertriebsweg ‚Print‘ hat an Bedeutung verloren. Noch heute besteht bei Vielen aber hartnäckig die Überzeugung, im Netz könne nichts verkauft werden. Das ist natürlich Blödsinn und von dieser Vorstellung müssen wir uns trennen; im Netz werden heute in zahlreichen Branchen Milliarden verdient. Nur muss dazu mit reichlich Geduld das adäquate Businessmodell gefunden werden.

Entweder-Oder?

Gerade weil guter Journalismus, ob online oder nicht, bezahlt sein will, darf es nicht den Journalistinnen und Journalisten überlassen werden, dass sie auf Eigenregie für die Finanzierung ihrer Artikel verantwortlich sind. Natürlich können eine Verkürzung der Finanzierungswege und eine unmittelbarere Einbindung der Leserschaft durchaus Sinn machen, es müssen aber nach wie vor Redaktionen zwischen Journalist und Leserschaft agieren und kontrollieren. Alles Andere gefährdet die Rolle der Presse als zentrale demokratische Instanz und unterwirft die Medien einem reinen Nachfrage-Angebots-Mechanismus. Der Vorwurf fehlender Glaubwürdigkeit der Presse kriegt durch solche Entwicklungen plötzlich Fleisch am Knochen.

Gefragt sind also nachhaltige Finanzierungskonzepte für Redaktionen und Zeitungen als Ganzes. Unzählige Journalisten, die sich zur Selbstvermarktung auf eigenen Homepages Individualität aus den Fingern saugen und um ihre Leserschaft buhlen müssen; das kann nicht die Lösung sein. Es gibt sie ja bereits, die Modelle, bei denen Print und Online nicht in direkter Konkurrenz zueinander stehen. So wird beispielsweise die Zeit Online zu Teilen vom Verkauf der Print-Abos der Zeit finanziert. Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass sich durch das Eine nicht das Andere erübrigt. Verlage und Zeitungen müssen eine unternehmerische und zeitgemäße Raffinesse entwickeln, um auf einem immer heterogeneren und stärker gesättigten Markt von Medien im Online-Universum Bestand zu haben. Die Aufgabe, qualitative Inhalte an eine breite Leserschaft zu bringen, ist komplexer geworden, macht den Journalistenberuf aber keinesfalls obsolet und auch immer spannender. Journalistinnen müssen nicht zu Jungunternehmerinnen werden, sie verkaufen keine Staubsauger. Es müssen sich aber alle Redaktionen ernsthaft um eine gute Finanzierung ihrer Online-Inhalte kümmern und dürfen den Journalismus im Netz nicht länger nur als kurzweilige Modeerscheinung belächeln.

Foto: Newspapers (pixabay.com/de) von Andrys Stienstra unter CC C0 1.0 Universell.

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