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Ich weiß, was du magst

Kuratorische Plattformen, wie Blendle, werden als Zukunft des Online-Journalismus gehandelt. Zu Recht? Ein Kioskbesuch.

Fertige Blumensträuße, Bodyshop-Pakete, persönlich-unpersönliche Grußkarten oder noch schlimmer: komplette semiprofessionell kombinierte Herrenoutfits von der Stange. Irgendwie ist das doch komisch. Fertig Zusammengestelltes. Von anderen? Entweder man zweifelt am eigenen Geschmack oder ist einfach zu faul sich selbst was zu überlegen. Deswegen kauft oder schenkt man bereits kombinierte Produkte. Ähnlich ist es auch mit kuratorischen Medien. Warum muss mir denn jemand zusammenstellen was ich lesen möchte?

Aber genau so arbeiten eben Plattformen wie Blendle, Piqd oder Perlentaucher. Sag mir wer du bist und ich sag dir was du magst. Klingt nach Ikea – ist aber Journalismus. Diese Medien schicken dir auch täglich Mails und Newsletter, die dir einen groben Überblick über die Tagesgeschehnisse geben. Außerdem sagen sie dir auch welche Artikel alle anderen großartig fanden. Vor allem Blendle spielt mit dem Vorgaukeln eines persönlich zugeschnittenen 24/7 Kiosks.

Gleich beim Eingang steht der Kioskbetreiber, wie ein Türsteher und fragt nach meinen Zugangsdaten. Da ich noch keine habe darf ich so rein und muss auch noch keinen Eintritt bezahlen. Drinnen darf ich erstmal meine Lieblingszeitungen und -magazine auswählen, und zwar keine begrenzte Anzahl – nein, so viele ich möchte. Mit einem breiten Angebot, angefangen beim Spiegel, der FAZ, dem Profil, über die neue Züricher Zeitung, das Handelsblatt bis hin zur New York Times. Anschließend werde ich nach Rubriken oder Themen gefragt, die mich interessieren. Wirtschaft, Kultur, Kolumnen, Interviews oder Gesundheit und Seele. Falls die Vorhandenen nicht so recht passen, könnte ich sogar selbst welche erstellen und der Kiosk-Verkäufer bedankt sich auch noch dafür. Diese Schritte abgeschlossen, gratuliert er herzlich, da ich das 1.026.226. Mitglied bin.

„Gleich kannst du durch alle Zeitungen und Zeitschriften auf Blendle blättern“, flüstert der nette Betreiber. Sogar ohne Abo oder Vertragsbindung. Wow. Und – man glaubt es ja kaum – als Starterpaket werden mir auch noch 2,50 Euro geschenkt. Mit dem jugendlichen Wort „Supernett“ stimme ich zu und melde mich endgültig an. Nun erscheinen etliche angeteaserte Artikel, die ich abhängig von der Textlänge ab 39 Cent bis zu stolzen 1,99 Euro kaufen kann. Der Kioskverkäufer verrät mir auch noch das Grandiose an Blendle: „Falls du enttäuscht wirst von dem ausgewählten Beitrag, bekommst du dein Geld zurück.“

Zu Beginn blättere ich aufgeregt die nicht mehr enden wollenden Regale durch. Für welchen Artikel möchte ich denn mein erstes Geld ausgeben? Der Vorteil: hier muss ich keine gesamte Zeitung kaufen, um die eine Story lesen zu können, die mich interessiert. Sucht man nach einem bestimmten Thema, gibt man den Begriff ein und erhält mehrere Beispiele. Alles ist geordnet, gefiltert, in kleinen Häppchen auf mich zugeschnitten. Großartig. Nur Themen, die mich interessieren. Nur Medien, die mir zusagen. Lalala. Langsam dämmert mir jedoch, dass ich in einer kleinen Blase bin. Eine Blendle-Blase, die ich mir selbst aufgepustet habe. Würde ich denn wirklich zugeben, dass mir ein Artikel nicht gefällt und mein Geld zurückverlangen? Der Kioskverkäufer nickt mir aufmunternd zu und erinnert mich, dass meine Leseliste leer sei – ich solle sie doch füllen. Also wähle ich einen Artikel des Tagesspiegels um 45 Cent aus. Enttäuscht verlasse ich den Kiosk – den Artikel kannte ich schon.

 

Foto: Katharina Rustler
Sceenshots: (c) Blendle

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