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Unter einem Dach

Foto: Pierre-Jérôme Adjedj

Sich austauschen, Fragen stellen und mit dem Chaos Freundschaft schließen – unsere Autorin Seyda Kurt besuchte das Symposium “Künste Lehren V” am Berlin Career College der Universität der Künste.

Der Blick ruht erwartungsvoll auf dem Sitznachbarn, allmählich tasten sich die eigenen Hände vorsichtig an die Saiten des Instruments im Schoß. Ton für Ton sucht man einen gemeinsamen Rhythmus, den zunächst der Sitznachbar mit seinem eigenen Instrument angab, aber nach wenigen Takten ist es ein gemeinsames Spiel. Ein „wandelndes Duo“ nennt sich diese typische Situation der Musikgruppentherapie, an diesem Mittag vorgeführt von drei Studierenden des Masterstudiengangs Musiktherapie der Universität der Künste Berlin (UdK), der Leiterin des Studiengangs Prof. Dr. Susanne Bauer und zwei freiwilligen Fachfremden. Musik wird zu einer eigenen Sprache, die auch das anwesende Publikum zu verstehen beginnt.

Foto: Pierre-Jérôme Adjedj

An diesem Donnerstag findet in den UdK-Räumlichkeiten am Mierendorffplatz das Symposium „Künste lehren V: Weiterbildung“ statt, und das Publikum besteht in diesem Falle aus Lehrenden, Studierenden und Interessierten sehr unterschiedlicher Studiengänge und Kurse der UdK, die unter dem Dach des Zentralinstitut für Weiterbildung (ZIW)/Berlin Career College und nun buchstäblich zu diesem Anlass zusammengekommen sind. Das sind die Masterstudiengänge Musiktherapie, Kulturjournalismus, Sound Studies and Sonic Arts, Leadership in Digitaler Kommunikation (LDK), die Forschungsstelle Appmusik und etwa das Weiterbildungsangebot für geflüchtete Künstler*innen Artist Training: Refugee Class for Professionals. Auch die Berlin Summer University of the Arts ist am Berlin Career College angesiedelt, die in diesem Jahr von Juni bis Oktober Kreative aus über 55 Ländern für verschiedene Workshops zusammenbringen wird.

„Miteinander füreinander entdecken und entwickeln“

Foto: Pierre-Jérôme Adjedj

Der erste Teil des Symposiums ist dem Hören gewidmet: Während sich die Musiktherapie mit Musik als Mittel der Kommunikation und Heilung beschäftigt, geht es bei der Disziplin Sound Studies and Sonic Arts, an diesem Tag vorgestellt von Studiengangsleiter Prof. Volker Straebel, um alles, was mit Klang und Hören zu tun hat, aber eben nicht Musik ist. Zwei sehr unterschiedliche Ansätze der auditiven Praxis, die nach dem ersten Abschnitt an diesem Tag von den Symposium-Teilnehmenden reflektiert werden sollen. Der Wechsel aus Vorträgen, Workshops und Reflexionsphasen ist den Organisator*innen wichtig: „Es geht darum, dass wir uns wirklich austauschen“, so Prof. Karin Schlüter, Studiengangsleiterin für Leadership in digitaler Kommunikation, die auch als Moderatorin das Publikum durch den Tag begleitet. Ausgelegte Reflexionshefte, mit Seiten für Fragen und Gedanken, fordern die Teilnehmenden zunächst dazu auf, in sich selbst zu horchen, bevor sie diese dann auf Post-Its an einer Wand mit den Anderen teilen können. „Miteinander füreinander entdecken und entwickeln“, ist da etwa ein Gedanke.

„Künste lehren“ wurde als interaktives Programm genau dafür ins Leben gerufen und bot in den letzten Jahren bereits allen Fakultäten der UdK Berlin eine Plattform für Austausch. „Künste lehren hatte viele Ziele“, berichtet UdK-Präsident Prof. Martin Rennert bei seinem Grußwort an diesem Morgen: „Unter anderem ging es darum, sich mit der Außenwelt über die Rolle unserer Universität zu verständigen. Denn als eine öffentlich getragene Institution müssen wir uns als eine Investition der Gesellschaft in die Künste verstehen.“

Sich dem Chaos hingeben

Etwa zur selben Zeit wie die Reihe „Künste lehren“, vor elf Jahren, wurde das ZIW gegründet – mit dem selben Ethos, der das Selbst- und Wissensverständnis der UdK prägt, wie Rennert betont: „Das Ziel von Bildung ist nicht, auf alle Fragen Antworten zu finden, sondern die Fragen zu verstehen. Wir müssen unsere Leute so bilden, dass sie in die Welt herausgehen und eine andere Perspektive auf die Probleme und Konflikte unserer Zeit entwickeln.“ Da nimmt das ZIW mit seinen diversen Weiterbildungsangeboten eine zentrale Rolle ein: Viele Studiengänge sind berufsbegleitend und holen die Studierenden in ihrer Lebenswirklichkeit ab. Und: Das ZIW ermöglicht Menschen den Zugang zum Bildungsangebot der UdK, die hier zuvor keinen Abschluss erlangt haben. „Wir haben immer jede Einzelinvestition im Blick“, sagt Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer, Geschäftsführender Direktor des ZIW, der nach Rennert das Mikrofon ergreift: „Die Studierenden investieren zum Teil ihr Erspartes in das Studium und somit in sich selbst.“ So seien die Angebote des ZIW nicht nur eine Chance, sondern auch eine Herausforderung.

„Die Studierenden kommen zu uns, weil sie das Gefühl haben, dass die Welt da draußen immer komplexer wird“, erzählt Karin Schlüter in der zweiten Programmphase, diesmal in der Rolle der Studiengangsleiterin für LDK. Im Hintergrund lässt sie das Video der gefährlichsten Kreuzung der Welt laufen: Unzählige Fahrzeuge suchen dort in einem wirren Zickzack den Weg auf die andere Seite, ohne dass ihre Fahrt von Ampeln oder Schildern geregelt wäre: „Unsere Studierenden haben das Gefühl, dass sie in Sachen digitale Transformation auf dieser Kreuzung stehen und das Chaos ordnen müssen.“ Doch gelernt werde im Masterstudiengang vor allem eins: sich dem Chaos hinzugeben und zu akzeptieren, nicht alles ordnen zu können. „Wenn es keine Regeln gibt in der digitalen Transformation, muss ich mich zunächst fragen: Wer bin ich eigentlich?“, so Schlüter.

Judith Butler wiederentdecken

Foto: Patrick Grünhag

Spätestens zu diesem Zeitpunkt versteht man, was Musiktherapie und LDK gemeinsam haben und Rennert in seinem Grußwort so formulierte: „In 20 Jahren sieht die Welt wieder anders aus, doch der Mensch wird wieder im Mittelpunkt stehen. Das tut er vor allem in den Künsten.“ Dass zu der Frage nach der Rolle des Ichs auch die Frage nach den sozialen Rollen und gesellschaftlichen Strukturen, in denen es sich bewegt, gehört, betont Sabrina Dittus, Professorin am Masterstudiengang Kulturjournalismus. In ihrem Vortrag geht es um Lernwege einer kulturkritischen Haltung: „Das, womit sich unsere Studierenden beschäftigen, sind fast ausschließlich mediale Repräsentationen.“ Diese Repräsentationen würden Wirklichkeit produzieren und reproduzieren. Und an der öffentlichkeitswirksamen Analyse, aber auch dem Entwurf medialer Bilder sind Journalist*innen maßgeblich beteiligt. So gelte es, die Studierenden für gesellschaftliche Rollen- und Selbstverständnisse zu sensibilisieren. Dazu gehöre die Auseinandersetzung mit medienkritischen Theorien, die es wiederum auf mediale Produkte anzuwenden gelte. Auch die mediale Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte und die Konstruktion des Deutschseins gehöre dazu. Mit diesem Bewusstsein entlasse man die Kulturjournalist*innen in die Welt und in die Gestaltung von Wirklichkeit.

Die Herrschaftskonstruktion der Geschlechter war bereits einige Stunden zuvor ein Thema auf dem Symposium: Sabine Sanio, Professorin am Master Sound Studies and Sonic Arts, stellte eine Masterarbeit vor, die sich mit der menschlichen Stimme und ihrer performativen Bedeutung in Hinsicht auf Fragen von Geschlecht und sozialer Rolle beschäftigt. Aus welchem Grund etwa haben digitale Sprachassistentinnen von Apple und Microsoft, Siri und Cortana, weibliche Stimmen? Ihre Forschungsergebnisse wurden in der Klanginstallation „MFX“ verarbeitet, in der sich Siri und Cortana etwa über Fragen der geschlechtlichen Identität unterhalten: „Siri means beautiful woman“, sagt Cortana und fragt nach: „Are you a woman, you sound like one?“ Diese inhaltlichen Schnittpunkte der Sound Studies und von Kulturjournalismus könne man unbedingt in einer interdisziplinären Kooperation weiter vertiefen, hört man Dittus später in der Reflexionsphase sagen.

Komponieren und Selfies schießen

Die kritische Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Denk- und Wahrnehmungsmustern ist auch am späten Nachmittag ein Thema: „Für mich als Person, die nur westeuropäische Kunst gelernt hat, ist es schwierig zu verstehen, wie unterschiedlich die Künste verstanden werden können“, berichtet Dr. Melanie Waldheim, Koordinatorin des Projekts Artist Training. Die Dozierenden seien zwar Expert*innen in ihrem Thema, jedoch nicht unbedingt interkulturell geschult. „Mein Wunsch und Ziel wäre, dass Kolleg*innen mit Fluchterfahrung dauerhaft Teil unserer Institution werden“, so Waldheim.

Bei seinem Grußwort hatte Rennert gesagt, die Reihe „Künste lehren“ habe ihr Ziel erreicht, „weil wir darauf gekommen sind, dass über Künste reden eine unendliche Tätigkeit ist.“ Dass die Reflexion über Künste eine Tätigkeit sein kann, die immer wieder Faszination und Irritation hervorrufen kann, zeigt sich spätestens, als Matthias Krebs von der Forschungsstelle Appmusik, Anwendungssoftwares vorstellt, die zur digitalen Musikproduktion auf Smartphones und Pads genutzt werden. Als man in der darauffolgenden Reflexionsphase selbst ausprobieren darf, ist der Andrang groß, und die Teilnehmenden des Symposiums stecken minutenlang die Köpfe über den zur Verfügung gestellten Pads zusammen. Während an der Pinnwand ein Zettel hängt, auf dem ein*e Teilnehmer*in auf das diffuse Gefühl der Verunsicherung aufmerksam macht, wenn es um Digitales geht, steht eine andere Teilnehmerin an einem Pad, erzeugt mit ihren Fingern mit großer Leichtigkeit Musik, die von einem gesamten Orchester kommen könnte. Nicht nur die diskursive Tiefe der Künste, sondern auch die Lernfähigkeit des Menschen ist offenbar unendlich.

Am 26. April 2018 veranstaltete das Berlin Career College der Universität der Künste Berlin das ganztägige Symposium „Künste lehren“. Die fünfte Ausgabe der Symposiumsreihe, die auf Initiative des UdK Präsidenten Prof. Martin Rennert im Jahr 2010 entstandenen ist, reflektierte die künstlerische Lehre der Weiterbildungsangebote am Berlin Career College. Die Reihe stellte bisher die vier Fakultäten der UdK Berlin Bildende Kunst, Musik, Darstellende Kunst und Gestaltung vor.

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