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Von Weiblichkeit, Gummistiefeln und Stöckelschuhen

Die junge Autorin Patricia Hempel legt mit ihrem Roman „Metrofolklore“ eine Persiflage des Popromans und eine pointierte Milieustudie vor. Mit uns hat sie über Opferkult und echtes Selbstbewusstsein gesprochen – und darüber, was es für die hohe Textdichte des Romans an harter Arbeit gebraucht hat.

Kulturschwarm: Welches sind Ihre Vorbilder in der Literatur?

Patricia Hempel: Ich muss gestehen, dass ich total wenig lese. Und ganz wenig Gegenwartsliteratur. Klar, die Popliteratur schaue ich mir natürlich an, aber eher um das für meinen Roman karikieren zu können. Ich versuche in meinem Roman „Metrofolklore“ den Poproman zu persiflieren, obwohl der Poproman selbst ja eigentlich schon eine Persiflage ist. Ich persifliere gewissermassen die Persiflage.

Gibt es denn ein, zwei literarische Stimmen die Sie besonders interessieren?

Was ich gerne lese sind zum Beispiel die späten Arbeiten von Arthur Rimbaud. Ich mag literarische Rebellen, die sind mir sehr sympathisch – Burroughs zum Beispiel – ich mag aber auch James Joyce. Natürlich auch weibliche Stimmen, zum Beispiel Sofija Parnok – eine ganz tolle, russische, feministische Dichterin, die eigentlich kaum jemand kennt – sie ist wahnsinnig spannend.

Woher nehmen sie diese knackige, viel diskutierte Sprache die Ihren Roman ausmacht, gab es Quellen aus ihrem Alltag?

Nein, gar nicht. Weil ich ursprünglich aus der Lyrik komme, sind Wortkonstruktionen und Neologismen absolut mein Ding. Das interessiert und fasziniert mich. Der Ton kam dann einfach so. Ich habe mich nirgendwo dazu inspirieren lassen, der kolumnistische Ton stand als Erstes.

Wie muss man sich den Arbeitsprozess vorstellen? Wie haben Sie diesen Rhythmus hingekriegt?

Ich habe an Stellen sehr lange geschrieben, bei denen man das bestimmt gar nicht denkt. Diese Pointenfestigkeit durchzuziehen und trotzdem die hohe Dichte des Textes durchzuhalten, das war eine ziemliche Herausforderung. Und dem Leser dabei gleichzeitig  mal eine Pause zu gönnen. Ich konnte auch nicht immer schreiben, ich musste immer gute Laune haben um diesen Speed, den Drive hinzukriegen. Wenn ich einen melancholischen Tag hatte oder schlecht drauf war, konnte ich mich gar nicht erst ans Schreiben setzen.

An welcher Stelle im Buch haben Sie besonders lange gefeilt?

Die Badewannenszene war so eine Stelle. Die Protagonistin liegt in der Badewanne und denkt über Suizid nach. Es war eine Herausforderung, etwas wie Suizid in irgendeiner Form noch witzig zu verhandeln. In dieser Situation noch einen Humor zu finden, einen Zynismus oder eine satirische Ebene, ohne dabei aufgesetzt zu klingen. Daran habe ich ganz schön lange gesessen.

Hempels Roman „Metrofolklore“ ist beim Tropen Verlag erschienen.

Zum Lesen ist Ihr Buch ja stellenweise ganz schön anstrengend. War auch das Schreiben anstrengend?

Dadurch, dass ich so lange am Roman gesessen habe nicht, nein. Aber ich glaube absolut, dass es in der Dichte ein sehr herausforderndes Lesen ist. Beim Schreiben war es eher so, dass ich mich etwas zwingen musste, mich an ein bestimmtes Kapitel nochmals dranzusetzen, Textstellen nochmal runder zu machen, noch einmal zu feilen, zu kürzen. Dieses Perfektionieren war oft anstrengend. Das ist aber normal, denke ich, dass der Schreibprozess aufwendig ist. Ich weiss nicht, ob mein Schreibstil dazu prädestiniert ist, besonders anstrengend zu sein in seiner Umsetzung.

Was wollen Sie damit bewirken, dass Sie „schreiben wie ein Mann“, beziehungsweise, dass Sie Frauen oft weitgehend auf ihren Körper reduzieren?

Ich fand es witzig damit zu spielen, weil Feminismus bei uns so eine grosse Rolle spielt. Weil wir in einer Feminismusdebatte stecken, die sich immer wieder neu aufkocht. Ich sehe das Ganze eher mit einem Schmunzeln. Ich selbst würde mich jetzt nicht als Feministin bezeichnen, gehe aber trotzdem mit einem bestimmten Selbstbewusstsein durch die Welt. Was ich als durchaus modern und angebracht empfinde.
Mir für den Roman eine Stimme anzueignen, die der Leser einem Mann übelnehmen oder in gewissen Zügen vielleicht sogar als chauvinistisch kritisieren würde, und diese Stimme in eine Frau zu projizieren fand ich spannend. Eine Frau in diesem untypischen Ton sprechen zu lassen und ihr so eine gewisse Impertinenz zu geben. Und dann ist sie auch noch lesbisch. Damit wollte ich dem gewissermassen noch eins draufsetzen. Es ist nicht „nur“ eine heterosexuelle Frau, die so durch das Leben geht, sondern eine queere Frau – oder eben auch gar nicht. Denn sie findet genau diese Szene ja furchtbar.
Ich wollte einen Kanal bespielen und mich damit mokieren, über diese Schubladenmentalität, wie man sie in der LGBTQ-Community oft sieht.

Aber laufen Sie nicht Gefahr, bestehende Klischees und Rollenbilder zu verhärten wenn Sie Frauen durch die Augen einer homosexuellen Frau objektivieren?

Mich stört das Adjektiv in der Frage – Müsste die Frage nicht eigentlich anders gestellt werden? Also: Besteht die Gefahr Rollenbilder und Klischees zu verhärten, wenn man als Frau – egal ob homosexuell oder nicht – andere Frauen objektiviert. Grundsätzlich denke ich nicht, schon gar nicht im Kontext einer Fiktion, die sich dem Charakter der Persiflage und der Satire verschreibt. Letztere hält sich auf sehr erfrischende Weise zwischen den Regeln auf. Ich habe ja keinen Essay geschrieben oder mir einen Bildungsauftrag auferlegt – und was ich als Privatperson zu dem Thema denke, ist im Buch auch keine Referenz. Wir reden ständig über das „Weibliche“, wissen aber nicht so genau, was das eigentlich ist. Das Verhältnis der Frau zu sich selbst, zeigt sich ja am Spiegel, also dem vorweggenommenen Blick der Anderen.

Was meinen Sie damit genau?

Elisabeth Lenk beschreibt das in ihrem Aufsatz „Die sich verdoppelnde Frau“ sehr gut: Der Blick der Männer gibt das Spiegelbild der Frauen nicht zurück – Frauen können es nur über andere Frauen entwickeln. Und sowieso: Woher bezieht eine Kunst ihre „weibliche Identität“ – braucht sie das überhaupt und wenn ja, muss sie dann korrekt rüberkommen, und „darf“ entsprechend von Anfang an nicht alles, was sie will? Ich habe das Gefühl, dass man dann von einem Käfig in den anderen stolpert, meinetwegen in Gummistiefeln oder auf Stöckelschuhen. Ein alter Damenhut! Silvia Bovenschen hat das in ihrer „imaginierten Weiblichkeit“ schon vor über 20 Jahren ziemlich gut auf den Punkt gebracht.

Was wäre für Sie denn ein sinnvoller Umgang mit Sprache? In einer Art und Weise die keine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zementiert die aber gleichzeitig nicht in ein Schubladendenken verfällt?

Jeder Umgang mit Sprache, der selbstbewusst ist und sich keinen Dogmen unterordnen will ist sinnvoll! Cis, trans, weiß, lesbisch, bi sind alles Kategorien, die ziemlich berechtigt sind – aber alles andere eben auch und ganz besonders in der Kunst. Ich stoße gerade in der linken Ecke, in die ich mich selbst einordne, immer wieder auf brachiale Humorlosigkeit, die sich viel zu ernst nimmt und Debatten von Anfang an für sich entscheidet. Es geht viel mehr um Recht haben und die Erkenntnis, was korrekt ist und was nicht. Aber wie arg es offensichtlich um „moderne“ Frauenbilder steht zeigt sich schon daran, den Ton in „Metrofolklore“ als „männlich“ zu deuten – warum sollten es Frauen anders halten als Männer? Also Gedanken wie: „Der Typ/Das Mädel hat einen geilen Arsch“ scheint mir kein rhetorischer Fauxpas zu sein, insbesondere in der Überhöhung eines Romans. Es ist ziemlich dicht an der Realität!

Wenn das Lesen schockiert, entblösst sich der Leser in seiner Voreingenommenheit gewissermassen selbst.

Liegt es am Wort „Arsch“ oder der Bewertung eines Hinterteils, dass ein Sexismus aufgemacht wird? Ich finde, dass sogar das nicht mehr ganz so neue Genderbewusstsein der Sprache nichts weiter als eine neue Schublade ist, in der dann alle bequem Platz haben. Und warum auch nicht? Kann jeder handhaben, wie er/sie/es mag. Ich finde es wahnsinnig schade, dass wir uns über „Geschlechter“ definieren müssen, vor allem weil aktuelle Debatten einen immer wieder darauf stoßen. Wie soll sich nachhaltig etwas ändern, wenn in öffentlichen Schlammschlachten – #metoo und so weiter – die eigene Weiblichkeit zum Todschlagargument gemacht wird? Ich meine das nicht arrogant. Jede einzelne Frau wird in ihrer Chronik Details finden, die solchen Debatten Futter bieten – und sei es die eigene Mutter, die “einen” als Prinzessin zum Faschingsfest schickt. Und was ist mit den Männern, und zwar nicht nur Schwule oder Transmänner? Sexuelle Übergriffe und Grenzgänge machen vor Geschlechtern nicht wirklich Halt. Und ich rede jetzt natürlich nicht von der bösen, kastrierenden Chefin. Ich glaube, dass sich – selbst in einem Patriarchat – öffentliches Kollektivbewusstsein nicht über pointierte Larmoyanz, Opferkult oder Schmusekursradikalität verändert, sondern über echtes Selbstbewusstsein!

Zurück zum Roman: Das Milieu welches Sie gewählt haben – den Studiengang der prähistorischen Archäolog*innen an der Freien Universität in Berlin – kam die Wahl dieses Settings spontan oder war das eine kalkulierte Entscheidung?

Es ist tatsächlich so, dass sich die prähistorischen Archäologen gern in diesem Metalmilieu aufhalten. Oder auch diese ganzen veganen Naturkulte schön finden, sich dem Heidentum sehr zugewandt fühlen. Diese ganzen Umstände waren sehr inspirierend. Als ich damals studiert habe, fand ich es tatsächlich extrem witzig, dass ich in dieses ganze Setting so überhaupt nicht hineingepasst habe. Ich konnte diese Klischees nicht bedienen und damit hat es sich angeboten, damit zu spielen.

Hat es gepasst, dass man Sie und Lana Lux zusammen hat auftreten lassen, auf der Frankfurter Buchmesse? Wie haben Sie diese Konstellation erlebt – machte das für Sie Sinn?

Ich finde es interessant, dass es so kombiniert wurde. Ich finde Lana Lux nicht nur als Autorin sondern auch als Privatperson super. Natürlich sind es zwei sehr extreme Stimmen die einander gegenübergestellt wurden. Ich weiss aber nicht, was sich daran ausschliessen sollte und fand es sehr erfrischend mit ihr aufzutreten. Und schöner Weise demnächst wieder.                

Was sind denn Themen die Sie für die Zukunft besonders begeistern, was für Debatten wollen Sie anstossen?

In meinem nächsten Projekt geht es maßgeblich um das Thema „Ideologie“. Brauchen wir sie oder geht es ganz ohne? Was macht es mit einem ganz ohne Ideologie zu leben, und wäre das nicht wiederum eine ganz eigene Form der Ideologie. Wieder kein Essay, aber auch keine Satire im Gewand einer modernen Stalking-Minne wie „Metrofolklore“ oder ein Angriff auf die Gutmenschfraktion. Das ist der Punkt: Ich will nichts anstoßen und ich habe auch keine Lösungen in petto, nur Fallbeispiele und die sind dann auch noch fiktiv, im besten Fall unterhaltsam und gut geschrieben.

Beitragsbild: Die Autorin Patricia Hempel wurde fotografiert von Annette Hauschild.

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