Gesellschaft, Literatur
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Künstler retten nicht die Welt

Foto: Eleonora Renn

Wie bringt man Künstler und Wissenschaftler an einen Tisch? Dafür setzt sich Margret Boysen als künstlerische Leiterin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ein. Seit 2011 betreut sie hier das Austauschprogramm “Artist in Residence”. Ein Gespräch über alternative Fakten, “Herr der Ringe” und Claudia Schiffer.

Früher wirkten Astronomen von hier an der Entstehung einer internationalen Himmelskarte mit. Heute ist der ehemalige „Kleine Fotorefraktor“ im Einstein-Wissenschaftspark das Atelier für geladene Künstler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Drinnen, unter der lichten Glaskuppel, bietet Margret Boysen an diesem Freitagmorgen Kekse an – „herkömmliche“, wie sie betont. Das Thema Nachhaltigkeit sei im öffentlichen Dienst noch nicht angekommen.

Das Interview führten Eleonora Renn und Seyda Kurt. 

Kulturschwarm: Frau Boysen, durch das „Artist in Residence“-Programm hatten Sie bereits den bekannten schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson und den britischen Installationskünstler Steven Pippin an Ihrem Institut zu Gast. Wie haben die Künstler die Zeit bei Ihnen genutzt?

Margret Boysen: Wir haben mit ihnen etwa gemeinsame öffentliche Veranstaltung auf die Beine gestellt. Wie sich der Aufenthalt bei uns auf ihre Kunst ausgewirkt hat, ist oft das Geheimnis der Künstler geblieben. Und vor allem wird das erst die Zukunft weisen. Aber natürlich haben wir gemerkt, wie ihre Blick auf die Dinge sich durch den Aufenthalt bei uns geweitet hat. Lars Gustafsson hat vor seinem Gastaufenthalt moniert, dass alle nur über den Klimawandel reden, aber keiner über Primzahlen. Nach seinem Gastaufenthalt bei uns hat er selbst mehr über das Klima gesprochen als über seine Lieblingszahlen.

Was hat das PIK von dem Programm?

Durch solche Persönlichkeiten können wir Gruppen erreichen, die nicht in unserem Presseverteiler stehen.

In einem Interview sagten Sie einmal, dass sich Menschen eher von einem Bauchgefühl als von Argumenten leiten lassen. Kann Kultur genau bei diesem Bauchgefühl andocken?

Ja, Bauchgefühl hat Hochkonjunktur. Man denke an die AfD oder Trump. Aber Gefühl und Verstand müssen natürlich zusammen arbeiten. Der Klimawandel hat eine ethische Dimension. Wir haben hier gleich mehrere Gerechtigkeitsprobleme: sowohl zwischen reich und arm als auch zwischen den heutigen und den zukünftigen Generationen. Es ist aber naiv zu glauben, es träfe uns Bessersituierten nicht. Die globale Erderwärmung wird jeden treffen, und wenn es nur die Preise für knapp gewordenen Kaffee oder bewässerungsaufwendige Früchte sind, die bald durch die Decke gehen.

Welche Rolle spielt diese ethische Dimension für Ihre Arbeit am PIK?

Wir kämpfen seit Jahren dafür, dass die ethische Dimension von der Wissenschaft anerkannt wird. Von Medien, aber auch von anderen Wissenschaftlern, kam lange Zeit immer wieder der Vorwurf, dass sich Klimawissenschaftler zu politisch äußern würden. Denn an die Wissenschaft wird der Anspruch gestellt, wertneutral zu sein.

So verwerflich ist das nicht.

Die globale Erderwärmung stellt das größte Problem dar, das die Menschheit je bewältigen musste, denn sie setzt die menschliche Zivilisation aufs Spiel. Sollte man diese Einschätzung der Öffentlichkeit vorenthalten?

Haben Sie deswegen das Buch „Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta“ geschrieben?

Das Buch habe ich geschrieben, weil ich glaube, dass Menschen sich schämen, wenn ihnen bewusst wird, dass sie Probleme mitverschulden. Der Reflex ist dann sich umzudrehen und wegzuschauen. Ich möchte den Menschen dieses Scham- und Schuldgefühl ein Stückweit nehmen. Die Menschen heizen ja nicht mit Öl, weil sie böswillig sind, sondern weil es für den Einzelnen kompliziert ist, seinen Lebensstil zu ändern.

Wie geht unsere Gesellschaft mit wissenschaftlichen Fakten um?

Ich nenne Ihnen ein typisches Problem: Wenn ein eloquenter Journalist im Fernsehen sagt „Das ist alles anders, als die Wissenschaftler es sagen!“, kann das für den Zuschauer überzeugend sein, weil der Journalist und seine Meinung ihm sympathisch sind.

Kann der Journalist nicht richtig liegen?

Viele vergessen, wie wichtig eine wissenschaftliche Ausbildung in einer solchen Diskussion ist. Der Wissenschaftler ist bei seiner Arbeit einer permanenten, strengen Qualitätskontrolle ausgesetzt. Außerdem gibt eine alles überbietende Besitzstandswahrungskultur. Dazu können Medien, die von Autoanzeigenkunden leben genauso gehören wie der Politiker, der in seinen Wahlkreis nicht verlieren will, weil dieser in einem Kohleförderungsgebiet liegt. In dem Bereich ist der Umgang mit wissenschaftlichen Fakten ganz besonders phantasievoll.

Wie trägt der gesellschaftliche Diskurs, etwa in der Kultur und in den Medien, zu dem Misstrauen an der Wissenschaft bei?

Für die Medien rentiert es sich, ein Thema in den Schlagzeilen möglichst kontrovers aufzuarbeiten. Das hat bei dem Thema Klima großen Schaden angerichtet. Unseriösen Wissenschaftlern, die das Thema verharmlosten, wurde damit eine Plattform geboten. Heute ist es nicht mehr salonfähig, den Klimawandel zu leugnen. Klar, Trump schafft es trotzdem. Doch Bürger, Politiker und insbesondere Wirtschaftsvertreter nehmen Veränderungen und Erfolge der Klimaschutzbewegung wahr.

“Wir sollten nicht auf den Beweis warten, dass wir tatsächlich irgendwann auf einem unbewohnbaren Planeten leben.”

 

In Ihrem Buch schicken Sie die Protagonistin Alice in den „Dschungel gefährlicher Klimarhetorik“. Wie sollten Kulturschaffende das Thema Klimawandel angehen, damit es für alle Gesellschaftsschichten verständlich wird?

Man kann wissenschaftliche Erkenntnisse so aufarbeiten, dass eine breite Masse der Gesellschaft sie verstehen kann. Manchmal stößt man jedoch an eine Vereinfachungsgrenze. Deswegen arbeite ich gerne mit Metaphern.

Zum Beispiel?

Für viele ist die Dringlichkeit der Begrenzung der globalen Erwärmung auf 2° C gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung nicht nachvollziehbar. Sie sagen: „Ach, die zwei Grad!“ Niemand würde jedoch abstreiten, dass es einen Unterschied macht, ob jemand 37 oder 39 Grad Fieber hat. Und wer würde schon sagen: „Wir warten mal ab, was passiert und ob der wirklich stirbt.“ So verhält es sich auch mit dem Klimawandel. Wir sollten nicht auf den Beweis warten, dass wir tatsächlich irgendwann auf einem unbewohnbaren Planeten leben.

Es gibt eine Szene in Ihrem Buch, die in einer Zukunft angesiedelt ist, in welcher der Klimawandel bereits aufgehalten wurde. Da sitzen eine Sozialwissenschaftlerin und ein Naturwissenschaftler zusammen und diskutieren, wer welchen Anteil daran hatte. Warum ist kein Künstler dabei?

Die Weltrettung wird wahrscheinlich nicht von der Kunst ausgehen. Obwohl ich das phantastisch fände. Aber eigentlich ist sie eine Angelegenheit für jeden, ob Künstler, Arzt oder Richter. Wer die Welt rettet und wie, ist mir eigentlich egal.

Welche Bücher können Sie uns noch empfehlen, die den Klimawandel besonders gut und einfach veranschaulichen?

Es gibt das kleine Buch „Der Klimawandel“ von Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber, das mit einfachen Beschreibungen das Phänomen Klimawandel gut erklärt. Seit seiner Veröffentlichung vor zehn Jahren wurde es in viele Sprachen übersetzt.

In Ihrem Buch erwähnen Sie unter anderem Tolkiens „Herr der Ringe“.

Tolkien gelang eine große Allegorie auf die Kriege unserer Welt. Sein Plot ist genial: Derjenige, der den Ring trägt, also die Macht hat, muss ihn vernichten. Frodo wird von der Macht beinahe beherrscht und gewöhnt sich so an sie, dass er es fast nicht mehr schafft, den Ring des Unheils in den Vulkan zu werfen. Das ähnelt der Situation, in der wir uns aktuell befinden: Es gibt Menschen, die den großen Schritt gehen müssten, sich von ihrem Geld und ihrer Macht und den damit verbundenen Vorzügen zu trennen.

Gibt es Künstler, die wir uns bei dem Thema Klima als Vorbild nehmen können?

Vivienne Westwood zum Beispiel.

Mit einer Modedesignerin hätten wir nicht gerechnet.

Vielleicht beeindruckt sie mich, weil sie die einzige in der High Fashion-Industrie ist, die durch Statements für Klimaschutz oder gegen Plastik auffällt. Bei einigen ihrer letzten Interview hat sie ein T-Shirt getragen, auf dem stand: “Buy less”. Das ist deswegen bemerkenswert, weil sie eine berühmte Modedesignerin ist. Während andere so belanglose Sätze auf ihre 400 Euro teuren T-Shirts drucken lassen wie “Guccify yourself” oder “What are we going to do with all this future?” Sehr schön, qualitativ hochwertig, aber sehr hirnlos. Das finde ich immer schade.

Und in Deutschland?

Der deutsch-amerikanische Schauspieler Hannes Jaenicke ist zum Beispiel jemand, der sich engagiert. Er hat unter anderem das Generationenmanifest unterschrieben. Das ist eine Unterschriftenaktion zur Sicherung der Generationengerechtigkeit in Bezug auf Klima, Familie, Migration und Bildung.

Wenn Sie sich ein prominentes Gesicht als Botschafter für das PIK aussuchen könnten: Wer wäre das?

Claudia Schiffer. Es sind sicher viele geeignet, aber ich kenn mich nicht so gut aus. Sie können sich gerne alle bei mir melden! Wenn es nach mir ginge, würde ich die coolsten Typen und die hübschesten Frauen in Elektroautos durch die Gegend fahren lassen. Es sollte mehr solcher Bilder geben.

Wie sollten Journalisten nun über den Klimawandel berichten?

Mutig sein! Wir haben nur diese eine Erde. Was haben wir zu verlieren? Auch die Wissenschaftler waren lange Zeit viel zu vorsichtig.

Margret Boysen wurde 1967 in Norddeutschland geboren. Die studierte Geologin arbeitet als künstlerische Leiterin für das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 2016 ist ihr Buch “Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta” erschienen, das anhand von Metaphern und märchenhaften Allegorien die prekären Folgen des Klimawandels verdeutlicht. Boysen lebt zusammen mit ihrem Ehemann, dem bekannten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, und dem gemeinsamen Sohn in Potsdam.

 

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