Gesellschaft
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Über die Notwendigkeit der Vielfalt

In ihrem Essay “Sokrates. Eine Apologie der Pluralität” zeigt die Theoretikerin Hannah Arendt wie wichtig unterschiedliche Wahrheiten sind. 

Innerhalb einer Gesellschaft bedeutet Pluralität viele verschiedene Weltanschauungen, Meinungen, Interessen und Lebensstile. Das Gegenteil einer pluralistischen Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die es sich zum Ziel macht, ihre Mitglieder ethnisch und kulturell gleich zu machen. Dies geht mit einem Glauben an eine allgemein gültige Wahrheit bzw. Ideologie einher, die Menschen in besser und schlechter einteilt und jegliche Andersartigkeit negieren und auslöschen möchte.

Die Idee eines demokratischen Staats lebt von pluralistischem Denken, denn Demokratie bedeutet die Herrschaft des Volkes und ein Volk besteht immer aus einer Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Gruppen mit unterschiedlichen Religionen, Denkweisen, Meinungen, Einstellungen und vielem mehr. In den Grundgesetzten demokratischer Staaten ist Pluralität verankert, beispielsweise in der Versammlungsfreiheit, Berufsfreiheit oder Pressefreiheit.

Großer Fragensteller Sokrates

Der griechische Philosoph Sokrates war ein großer Fragensteller. Fragen waren die Grundlage seiner Philosophie, er wollte unabhängig von Zeit oder Ort das wahre Wesen der Dinge herausfinden. Dabei suchte er nicht nach einer absoluten allgemein gültigen Wahrheit, sondern er glaubte vielmehr, dass jeder Mensch seine individuelle Wahrheit besitzt. Durch einen Vorgang, den er „Hebammenkunst“ nannte, machte Sokrates es sich zur Aufgabe, den Menschen durch Fragen dabei zu helfen, seine eigen Wahrheit hervorzubringen.

In ihrer Vorlesung „Sokrates. Eine Apologie der Pluralität“ die sie Mitte der 50er Jahre an der New School of Social Research in New York hielt, hat sich die jüdisch deutsch-amerikanische Theoretikerin Hannah Arendt mit Sokrates besonderer Art des Forschens und Philosophierens auseinandergesetzt. Arendt interpretiert Sokrates Theorie über die Wahrheit in jenem Sinne, als dass es unwichtig ist eine allgemeine Wahrheit zu finden. Es sei viel mehr entscheidend, dass die Menschen sich darüber klar werden, wie ihnen selbst die Welt erscheint und was für sie wahr ist, um sich dann mit anderen darüber austauschen zu können und eine gemeinsame Wahrheit zu kreieren.

Arendt im Dialog mit sich selbst

Um die „eigene Wahrheit“ herauszufinden, so Arendt, ist das innere Gespräch, das jeder Mensch mit sich selbst führt, das wichtigste Werkzeug. „Selbst wenn ich ganz alleine leben würde, so lebte ich doch mein Leben lang im Zustand der Pluralität. Ich muss mit mir selbst zurechtkommen, und nirgendwo zeigt sich dieses Ich-mit-mir deutlicher als im abstrakten Denken, dass immer ein Dialog in der Gespaltenheit zwischen den Zweien-In-Einem ist.

Für Hannah Arendt war der Dialog mit sich selbst und anderen zeitlebens entscheidend für ihr Denken. Sie führte ein Denktagebuch, in dem sie ihre Gespräche mit sich selbst, aber auch jene, die sie gedanklich mit den großen griechischen Philosophen wie Platon und Sokrates führte, festhielt.

Im Nachwort zu „Sokrates. Eine Apologie der Pluralität“ beschreibt Arendts letzter Assistent Jerome Kohn Arendts „geniale Begabung für Freundschaft“. Sie führte Beziehungen zu einer außergewöhnlich großen Zahl von Menschen, wobei die beiden prägendsten wahrscheinlich die zu Martin Heidegger und Karl Jaspers waren.

Mit Heidegger, ihrem 17 Jahre älteren Professor aus Marburg, hatte Arendt als 18 jährige Studentin eine Affäre, die sich später zu einer lebenslangen aber sehr wechselhaften Freundschaft entwickelte. Heidegger trat 1933 in die NSDAP ein, während Arendt als Jüdin aus Deutschland fliehen musste und 18 Jahre lang als staatenloser Flüchtling lebte. Trotz allem sagt Arendt später über Heidegger, sie habe von ihm das Denken gelernt.

Bei Karl Jaspers in Heidelberg hatte Hannah Arendt vor dem Krieg promoviert, sie blieben bis zu seinem Tod befreundet und führten über die Jahre eine stetige Korrespondenz. Laut Kohn sei Jaspers für Arendt „Das Modell für Freundschaft schlechthin“ gewesen, Arendt selbst sagte über ihn, „wo Jaspers hervortritt und spricht wird alles hell“.

Anhand des Gesprächs zwischen Freunden beschreibt Arendt die, von Sokrates entwickelte, Methode zur Wahrheitsfindung durch Fragen und Dialoge: Freundschaften bestehen zu einem großen Teil aus Gesprächen über Gemeinsamkeiten, sie brauchen kein endgültiges Ergebnis, sondern sollen vor allem zu mehr Klarheit führen. Sokrates wollte durch seine Gespräche mit den Bürgern des Stadtstaates Athen, die in einem ständigen Wettstreit miteinander standen, mehr Gemeinsamkeit und Freundschaft erzeugen – dies gelang ihm nie. Lediglich die Gesetzte hielten Hass und Neid, die zwischen den Menschen der Stadt herrschten, im Rahmen.

Arendt bringt dieses sich gegenseitig Näherkommen und Begreifen der Wahrheit des anderen als wichtigstes Element im Gespräch zwischen Freunden, auf eine politische Ebene: Wenn wir die wichtigste Tugend eines Staatsmanns auf traditionelle Weise definieren wollen, könnten wir sagen: Sie besteht darin, die größtmögliche Zahl und die verschiedensten Arten von Wirklichkeit (nicht von subjektiven Standpunkten, die es natürlich auch gibt, die hier aber nicht interessieren) zu verstehen – zu verstehen, wie diese Wirklichkeiten sich den jeweiligen Meinungen der Bürger eröffnen, und gleichzeitig zwischen den Bürgern mit ihren Meinungen kommunikativ so zu vermitteln, dass die Gemeinsamkeit der Welt erkennbar wird.

Der Antagonist dieses Staatsmanns den Arendt da beschreibt, war zweifellos Hitler und die Gleichmachungsideologie der NS-Zeit. Arendt steht in ihrem Essay unter dem Einfluss des Naziregimes, das ihr Denken und ihre Weltsicht völlig veränderte und alles vorher Dagewesene in Frage stellte.

In seinem Nachwort schreibt Jerome Kohn , dass Arendt durch diese Erfahrung einen „Wirklichkeitsschock“ erlitt und es sich daraufhin zur Aufgabe gemacht habe, dass gesamte politische System der Welt gedanklich zu durchdringen, um zu verstehen wie so viel Bosheit entstehen konnte: “Wir unsererseits, die wir Erfahrungen mit totalitären Massenorganisationen haben, deren hauptsächliches Anliegen es ist, jegliche Möglichkeit des Alleinseins abzuschaffen (von der unmenschlichen Form der Einzelhaft abgesehen), können dafür einstehen, dass in dem Augenblick, da ein Minimum des Mit-sich-selbst-Alleinseins nicht mehr garantiert ist, nicht nur das säkulare Gewissen, sondern jegliche Gewissensform verschwinden wird. Das häufig beobachtete Phänomen, dass das Gewissen unter totalitären Bedingungen nicht mehr funktioniert, (und zwar unabhängig von Angst und Bestrafung), lässt sich auf diese Weise erklären. Niemand, der nicht fähig ist, mit sich selbst einen Dialog zu führen, kann sein Gewissen bewahren.”

Der US-amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky hat gesagt, „die Propaganda ist für die Demokratie wie der Knüppel für einen totalitären Staat“. Unsere heutige Massenideologie, die Propaganda des Kapitalismus, sind die Medien und die so ständig induzierte Werbung, die uns glauben lässt, dass wir nur durch Konsum glücklich sein können. Diese Art der Massenorganisation mag zwar viel subtiler als die des Naziregimes sein, von der Arendt spricht, wirkt sich aber genauso tödlich auf die Fähigkeit zu Denken und einen Dialog mit sich selbst zu führen aus. Eine Gesellschaft, die nur nach Besitz und Vergnügen sucht, verliert ihre Vielfalt, ihr gegenseitiges Verständnis und Mitgefühl. Es gibt weder eine eigene Wahrheit, noch bedeutet die Wahrheit der anderen noch etwas. Lügen werden dann als alternative Wahrheiten bezeichnet.

Foto: Royohei Noda/Flickr unter CC BY 2.0

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