Literatur
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Ein Inventar der Narben

Paul Austers „Winterjournal“ ist eine mutige Reise durch den Körper und das Leben.

Wissenschaftler behaupten, dass sich die Zellen des Körpers alle sieben Jahre erneuern. Haut, Zähne, die Wände der Adern, die Fasern der Nägel. Hätten sie Recht, so wäre nach lächerlichen sieben Jahren also der ganze Spuk vorbei; eine weiße Weste, ein ganz neuer Mensch. Kein Atom der Vergangenheit wäre dann noch übrig. Alles wird niedergerissen, generalüberholt, neu hochgezüchtet und nichts überdauert die Zeit.

Diese Theorie würde das Konzept von Paul Austers neuem Roman „Winterjournal“ wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen lassen. Der Autor erzählt dort sein Leben anhand seines Körpers; jede Narbe hat eine Geschichte, jeder Unfall und Schmerz hat eine Spur hinterlassen. Mühelos wandelt Auster entlang dieser „Spuren des Lebens, die sich in das Gesicht gegraben haben“. Er hangelt sich von Anekdoten zu Traumata; er spricht in der Du-Form und im Präsens. Dieser eigenwillige Stil tut dem Roman jedoch keinen Abbruch. Es erweckt vielmehr den Eindruck, als erlebe der Autor sich selbst als Fremden, als trete er in ein letztes Zwiegespräch mit sich selbst. Körper und Geist werden in der Retrospektive neu entdeckt, sind bekannt und doch unglaublich fremd. Er zeigt dabei großen Mut zur Körperlichkeit, zum Irdischen und Fehlbaren. Angst vor Nähe hat Paul Auster nicht.

Von Schrammen und blauen Flecken

Auch die Zeit scheint ihm nichts anzuhaben – spielerisch springt er von einem Fragment zum andern; er ist der Zeit voraus und fällt hinter ihr zurück, bewegt sich ohne Übergang von der Kindheit ins Eheleben. Da sind die unzähligen Verletzungen und Prellungen, die er sich als Kind beim Spielen zugezogen hat. Die Platzwunden und Knochenbrüche vom Sport als Teenager. Die Erinnerungen an Hunger und Kälte und Müdigkeit.

Und dann sind da natürlich die Geschichten von Schmerzen psychischer Art, von Ängsten und Kummer. Obwohl seitdem bereits einige Winter und Sommer vergangen sind, gelingt es Auster, die Gesichter und Stimmen der Vergangenheit in ungetrübter Genauigkeit wiederzubeleben. Die flüchtigen Liebensaffären, der zähe Weg zum Erfolg, der plötzliche Tod der Mutter – er erinnert sich, wie der Atem schneller wurde und der Puls sich ruckartig beschleunigte. Wie der Körper vom Alkohol erlahmte, wie Schwindel eintritt oder die Sonne hinter den Augenlidern gelbe und rote Muster malt.

Den eigenen Körper erfühlen

Er blickt zurück auf ein intensiv gelebtes Leben; immer wieder kommt es zu einer „unerwarteten Kollision mit der Welt“ bei der er sich verletzt. Die Falten im Gesicht sind „Briefe eines geheimnisvollen Alphabets, das davon erzählt, wer du bist“. Er ermutigt dazu, selber am eigenen Körper hinunterzuschauen und den vergangenen Exzessen und Verwundungen zu gedenken; den Glückgefühlen, routinierten Bewegungen und tiefen Schnitten. Paul Austers „Winterjournal“ ist mehr als ein bloßes Inventar der Narben und Erinnerungen. Es ist der Mut zu unglaublicher Nähe zum eigenen Fleisch und zum Leser; es ist Offenheit und Fülle menschlichen Lebens. Und eine Obsession, winzige Stücke davon auf Papier festzuhalten – vielleicht, damit sie sich nicht all sieben Jahre in Luft auflösen.

 

Paul Auster auf dem Buchcover von "Winterjournal"

Paul Auster auf dem Buchcover von „Winterjournal“

 

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