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Ab in den Sack damit

Viel Schweiß und viele Klamotten, das bedeutet Shoppen bei Primark. Wie geht es in einer Primark-Filiale zu und unter welchen Bedingungen wird die Kleidung zum Spottpreis produziert?

Sie sind überall. Primark-Tüten, soweit das Auge reicht. Ist man einmal am U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz, gibt es kein Entkommen mehr. Die Tüten liegen halb zerrissen auf dem Fußboden, stapeln sich auf den Mülleimern und kommen einem entgegen, getragen in den Händen stolzer Teenager und deren Mütter. Folgt man den Menschenmassen aus der U-Bahn, kann man die Billig-Modekette nicht verfehlen.

Vor der riesigen Filiale im Schloss-Straßen-Center sitzen junge Leute auf dem Fußboden, teils schwer atmend und verschwitzt wie nach einem Marathonlauf. Es ist Samstagnachmittag. Franziska, 17, und Elias, 22, haben heute einen Pärchenausflug zu Primark gemacht. Die beiden Azubis haben 200 Euro für Klamotten und „viel Kleinkram“ ausgegeben. „Krass! Jetzt wird mir erst bewusst, wie viel ich ausgegeben hab“, stellt Elias fest und guckt ein bisschen erschrocken. „Die Pullis und Hosen hab ich gar nicht anprobiert“, sagt er. „Dazu ist es zu voll. Einfach immer ab in den Sack damit. Wir sind gerade auf der Flucht.“

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Prall gefüllte Tüten und erschöpfte Leute vor der Filiale

Aktuelle und nachgeahmte Mode von Trendmarken wie Hollister zum Spottpreis, das ist die Strategie von Primark. Eine Winterjacke kostet 11 Euro, ein T-Shirt 3-6 Euro, ein Schal 2 Euro. Das Unternehmen wurde in Irland gegründet. Mittlerweile gibt es 257 Geschäfte weltweit, 10 davon in Deutschland.

Ganzkörper-Kuh-Outfits für Frauen

Der Besucher stattet sich am Eingang mit einem grauen, beliebig dehnbaren Sack aus, der bei den meisten im Laufe des Shopping-Marathons immer größere Ausmaße annimmt. Bis er schließlich so voll ist, dass er wie ein erlegtes Wildschwein hinterher geschleift wird. Neben Deutsch hört man viel Englisch, Französisch und Arabisch. An den 28 Kassen allein im Erdgeschoss stehen so lange Schlangen wie an einem Flughafenschalter zur Hochsaison. Es riecht nach Chemie und Schweiß. Ein um die 50 Jahre alter Mann mit Ralph Lauren Pullover und sorgfältig gescheiteltem Haar legt peinlich berührt eine Jeans beiseite als er angesprochen wird. Fragen möchte er nicht beantworten. Auch solche Exemplare trifft man hier.

Die Kleidung ist zum Teil gewöhnungsbedürftig. In der Unterwäscheabteilung können sich Frauen mit einem Kuhflecken-Bademantel mit Kuhkopf-Kapuze, dazu passenden Kuh-Hausschuhen und einem Kuhflecken-BH ausrüsten. Aber nicht alles sieht so billig aus wie es ist. Einzelstücke können mit anderen günstigen Modeketten wie H&M durchaus mithalten. Das Konzept von Primark geht auf. Allein im Jahr 2012 machte die Kette 4,3 Milliarden Euro Umsatz. Hinzu kommt, dass die Modelinie keine Werbung schaltet und dadurch jährlich Millionen spart. Beworben wird sie trotzdem und das kostenlos. Auf Youtube finden sich zahlreiche Videos von jungen Frauen und auch Männern, die stolz ihr neuestes Primark-Outfit zum Preis eines Restaurantbesuches vorführen.

Die Primark-Näherinnen leben in Slums

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Die Filiale im Schloss-Straßen-Center

Doch die Frage kommt auf, wie diese Kleidung so billig sein kann. Über ihre Textil-Produktion gibt Primark nur ungern Auskunft. Unter dem Titel „Mode zum Wegwerfen-Das Prinzip Primark“ zeigte das ZDF im Oktober 2013 eine Reportage über die Modekette. Die Reporter fanden heraus, dass der Großteil der Kleidung in Bangladesch produziert wird. Dort türmen sich Klamottenberge auf den Straßen, weil die Arbeiter nicht mehr wissen, wohin mit dem Müll. Die Näherinnen, die unter anderem für Primark arbeiten, leben in Slums und beklagen sich über schlechte Arbeitsbedingungen. Auch die Mitarbeiter bei Primark in Deutschland sollen sich beschwert haben. Die Angestellten in Berlin können das nicht bestätigen. „Man gewöhnt sich an den Stress“, sagt Ayse B., Teilzeitkraft bei Primark im Schloss-Straßen-Center. Tatsächlich scheint den meisten Mitarbeitern der Massenansturm nichts auszumachen. Sie sind gut gelaunt und witzeln herum.

Wer die Bilder von den Näherinnen in Bangladesch gesehen hat, möchte aber vermutlich nicht mehr bei Primark arbeiten oder dort einkaufen gehen. Doch die Wahrheit ist: Fast alle europäischen Marken lassen in Bangladesch produzieren. Ein Pullover für 100 Euro muss nicht unter anderen Bedingungen hergestellt worden sein als einer für 6 Euro. Selbst wenn die Käufer von nun an alle in Bangladesch produzierten Kleidungsstücke verweigern, tun sie den Näherinnen damit keinen Gefallen. Wenn sie auch wenig verdienen, so sind diese Frauen dennoch froh, dass die europäischen Modelabels in Bangladesch produzieren lassen. Denn dadurch finden sie Arbeit.

Die Frage, die sich stellt, ist, warum Unternehmen für die Textilproduktion nicht mehr Geld ausgeben wollen. Vor allem Ketten wie Primark, die Milliarden Euro Umsatz im Jahr machen. Das Einbüßen von Gewinnen wollen diese Unternehmen nicht in Kauf nehmen. Die genauen Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion von Bangladesch werden bis heute gut verdeckt.

Die ZDF-Reportage „Mode zum Wegwerfen-Das Prinzip Primark“ kann man sich hier ansehen.

 Fotos: Amelie Graen

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Kategorie: Design

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Hildesheim in einem Dorf, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Offen für andere Kulturen habe ich mein Studium der Medien und Kommunikation im Freistaat Bayern (Augsburg) und dann ein Semester in den Vereinigten Staaten von Amerika (Washington DC) verbracht. Währenddessen Praktika bei allem, was mir Spaß macht: in Print-, Fernseh-, Online- Redaktionen und bei einer Produktionsfirma. Meinen Berufswünschen aus einem Freundschaftsbuch der dritten Klasse kann ich nur zustimmen. Weise vorausschauend hatte ich auch damals schon einen Plan C für eventuelle Medienkrisen: „Schriftstellerin, Reporterin oder Schweinezüchterin.“

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