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Auf den Spuren von Michel Majerus in Berlin

Michel Majerus war ein Kind der 90er. Markenlogos, Comicfiguren und grelle Farben waren seine Markenzeichen. Doch mit nur 35 Jahren starb der luxemburgische Künstler bei einem Flugzeugabsturz. Schon zu Lebzeiten international gefeiert, scheint er auch 15 Jahre nach seinem Tod in seiner Wahlheimat Berlin noch immer zuhause zu sein. Monica Camposeo hat sich in der Hauptstadt umgeschaut.

 

„Er war der Meinung, dass es schon so viele Bilder in der Welt gibt, dass er nicht noch neue hinzufügen muss.“ Mit diesen Worten wird der luxemburgische Künstler Michel Majerus in der Führung der aktuellen Ausstellung im Boros Bunker vorgestellt. Genau das zeigt sich auch in seinen Bildern. Von einer Wand schaut eine riesige Katze auf die Besucher herunter, grüne Kulleraugen, rote Stupsnase und steife Ohren. Sie liegt in einem Bett unter einer dicken blauweiß karierten Decke. Schnee im Vordergrund, quietschgrüne Bäume im Hintergrund. Am rechten Rand des Bildes prangt der Titel des Gemäldes: „no more“. Entstanden ist es im Jahr 1999. Grelle Farben, dicke Buchstaben und Figuren, die an ein Kinderbuch erinnern – Majerus Bilder greifen die Pop-Art wieder auf.

In der dritten Werkpräsentation der Sammlung Boros nimmt der Künstler fast ein halbes Geschoss ein. Im Gespräch mit Juliet Kothe, der Leiterin der Boros Foundation, stellt sich heraus, dass Majerus Kunstwerke eine besondere Bedeutung für Christian Boros haben. Denn der Sammler und der Künstler kannten sich persönlich.

Juliet Kothe: Es ist ja auch immer wieder so gewesen, dass in den Arbeiten selber das Logo „Boros“ auftaucht, weil die Agentur, die Christian ja führt, damals auch an der Entwicklung des „Viva“ Logos gearbeitet hat und wie wir auf den Arbeiten sehen können, ist eine hohe Affinität zu der ästhetischen Welt von Branding und Logos sichtbar.

Michel Majerus war präsent – in Berlin und darüber hinaus – und in der Kunstszene der 90er Jahre stark vernetzt. Bereits als junger Künstler hat er groß gedacht. „If we are dead so it is“ heißt sein wohl größtes Kunstwerk. Das über 400 Quadratmeter große Bild installierte er im Jahr 2000 als Skaterrampe im Kölnischen Kunstverein. Seine Bilder sprengen den Größenrahmen und reichen bis in den Raum hinein. Majerus hatte schon während der Arbeit an seinen Bildern konkrete Museumswände im Kopf. Er wusste, was er wollte. Zu Lebzeiten hat er sein Schaffen minutiös dokumentiert. Als hätte er Angst gehabt, sein Werk einmal nicht mehr selbst der Nachwelt erklären zu können.

Juliet Kothe: Er hat auch Notizbücher hinterlassen, und in diesen Notizbüchern hat er eigentlich auch einen Kommentar gegeben, dessen was wir auch auf seinen Bildern sehen. Also wir können da nachvollziehen, wirklich diese Auseinandersetzung mit der Malerei, mit seinen Vorgängern, mit diesem Versuch eigentlich aus allem, was Malerei versucht zu festigen, zu definieren, wieder auszubrechen, indem er neue Regeln aufstellt, wo man dann aber wieder sieht, dass er wiederum sich gegen seine eigenen Regeln stellt. Also wirklich dieses Bedürfnis, sich nicht festlegen zu wollen und zu lassen, das sehen wir ganz stark dokumentiert in diesen Notizbüchern.

Auch Reflexionen über andere Künstler finden sich in den Notizbüchern wieder. In einem hellgrünen Büchlein, das aussieht wie ein Schulheft mit der sorgfältigen Aufschrift „April 1995“, schrieb Majerus: „Baselitz ist der Ost-Warhol geworden.“ Die Notizbücher des Künstlers befinden sich heute noch immer in seinem letzten Atelier in Berlin Prenzlauer Berg, das heute auch die Adresse des Michel Majerus Estate ist. Von seinen Eltern nach seinem Tod ins Leben gerufen, verwaltet der Estate heute den kompletten Nachlass des Künstlers und stellt seine Werke in den Räumen des Ateliers aus. Barbara-Brigitte Mak vom Michel Majerus Estate war auch an der Transkription der hinterlassenen Notizbücher beteiligt.

Barbara-Brigitte Mak: Diese Notizen sind häufig sehr intensiv überarbeitet und oft redigiert, sodass diese Notizen einen besonderen Charakter haben. Das sind zwar persönliche Notizen, aber das sind keine privaten, intimen Texte. Also diese Texte sind darauf ausgerichtet, auf das Licht der Öffentlichkeit, wenn man so möchte. Schon auf allgemein Gültigkeit. Teilweise sind die Notizen wie Aphorismen auch zu verstehen, unglaublich humorvoll auch und auch wirklich frech. Also er war sehr, sehr selbstbewusst.

Neben den Notizbüchern und seinen Bildern befinden sich im ehemaligen Atelier auch Archivmaterialien, Papierschnipsel, das private Fotoarchiv und die Bibliothek des Künstlers. Eine ganze Wand wird von einem weißen Regal eingenommen. Gefüllt mit bunten Magazinen aus den 80ern und 90ern, alten Kinderbüchern, japanischen Mangas und zahlreichen Kunstbüchern. Darunter auch Werke über die amerikanische Kunst der späten 80er Jahre, über Georg Baselitz und Jean-Michel Basquiat.

Barbara-Brigitte Mak: Michel hat sich von Anfang an, schon als Student, mit den Größten gemessen. Man sieht es zum Beispiel in einem der Notizhefte, das wir hier auch in Zusammenhang mit der Ausstellung teilweise publiziert haben. Ich kann ja gerne einen Auszug daraus vorlesen: „Ich will wissen, wo ich gerade stehe mit meiner Malerei, beziehungsweise mit der Malerei überhaupt. Dafür habe ich als eine Denkpause einen de Kooning, einen Baselitz, einen Oehlen gemalt. Ein Warhol-Schädel wird womöglich folgen.“

Michel Majerus und seine Kunst sind in Berlin noch immer zu entdecken. Dafür hat er zu Lebzeiten selbst gesorgt. Grenzen kannte er dabei keine.

Barbara-Brigitte Mak: „Sobald jemand meine Logik und mein System durchschaut hat, ist es an mir, diese Logik dahin zu führen, dass sie sich widerspricht, damit sie nicht zur Doktrin werden kann.“

Mit nur 35 Jahren verstorben, hat er der Nachwelt ein beeindruckendes Konvolut an Werken hinterlassen. Er hat mit dem Raum gearbeitet, als wolle er damit räumliche Grenzen überwinden. Als Betrachterin fühlt man sich in sein Werk hineingesogen. Heute sprechen nicht nur seine Werke, sondern auch seine Notizbücher für Michel Majerus.

 

Foto: Jens Ziehe, Berlin

Notizheft von Michel Majerus, 1995 

Kugelschreiber, Kreide und Bleistift auf Papier

21 x 15 cm, 32 Seiten

© Michel Majerus Estate, courtesy Michel Majerus Estate
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Kategorie: Audio, Kunst

Monica Camposeo

Monica Camposeo ist eine Grenzgängerin zwischen den Welten: In Luxemburg geboren und aufgewachsen - dazu kommen italienische Wurzeln. Das ist das perfekte Rüstzeug für’s Studium in einer der buntesten Städte Europas, dachte sich Monica, und landete in Berlin. Hier findet sie die Stoffe, über die sie so gerne berichtet: Interessante Menschen in vielfältigen Kulturen. Ein bisschen so, wie sie selbst.

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