Literatur
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Inselgeschichten im Rembrandtlicht

In seinem neuen Werk „Céleste“ verbindet der Autor Peter von Becker einen Kunst- mit einem  Kriminalroman in der Form lose zusammengefügter Erzählungen. 

Gemischt – das ist wohl das richtige Wort, um das Gefühl zu beschreiben, das nach 240 Seiten von Peter von Beckers neuen Roman „Céleste“ übrig bleibt. Der Autor bastelt aus mehreren Erzählungen, die allesamt das Motiv der Insel verbindet, ein Gesamtwerk, das in jedem seiner Teile etwas mehr verspricht, als es am Ende einhält. Die einzelnen Geschichten bieten ein schillerndes Panorama und bauen Spannung auf: Ein entführter Schriftsteller, der auf einer italienischen Insel festgehalten wird; die Jahrhundertkünstlerin Céleste, die mit ihren 99 Jahren das größte Geheimnis ihres Lebens lüftet; und eine junge Berliner Fotografin, der in Japan ein tragisches Schicksal bevorsteht. Sie sind alle miteinander verbunden – doch wie genau, das enthüllt sich erst spät und lässt Einiges offen.

Bis dahin bleibt stets ein großes Fragezeichen im Kopf, das selbst nach den vermeintlich aufklärenden letzten Seiten nicht durch einen befriedigenden Punkt ersetzt wird. Das gelungenste Kapitel, rund um die Künstlerin Céleste, ist dabei so gut geschrieben und reißt eine interessante  Geschichte an, die eines ganzen Buches würdig gewesen wäre. Schade, dass sie nur Teil eines Kaleidoskops bleibt. Wunderbar malerisch portraitiert Peter von Becker die Grand Dame Céleste Salvatori, deren beschriebene Kunstwerke beim Lesen plastisch vor dem inneren Auge erscheinen. Sie faszinieren, obwohl sie fiktiv sind. Aber nicht nur ihre Werke, sondern auch ihre Geschichte und vor allem ihr großes Geheimnis wecken beim Lesen Neugier und Lust, die darauffolgenden Seiten zu verschlingen.

Umso größer ist die Enttäuschung, als das Kapitel endet und eine neue Erzählung mit neuem Protagonisten beginnt. Ein roter Faden des Buches ist die Kunst, ob in Form von Malerei, Schriftstellerei oder Fotografie. „Céleste“ ist ein Kunstroman, der von einem Künstler für Kunstbegeisterte verfasst wurde, die bitteschön auch etwas Vorbildung mitbringen sollten. Kunsthistorisches Wissen ist jedenfalls Voraussetzung, um viele Pointen erst begreifen zu können. Es geht gebildet zu in diesem Buch, selbst wenn es nur um Orthographie geht: Edvard mit „v“ wie Edvard Munch bitte!

Versatzstücke kunsthistorischer Bildung und gekonnte Momentaufnahmen liegen in dem Roman dicht beieinander. Wenn man mit Rembrandtlicht, Hemingwaybärten oder der Matiss’schen natürlich schwebenden Verräumlichung von Menschen und Dingen nicht vertraut ist, gehört man wohl einer bildungsfernen Schicht an, für die dieser Roman jedenfalls nicht geschrieben ist. Und Bärte können ja auch Fünftagereibeisenbärte sein, an denen zupackende Frauen gerne das Streichholz für ihren Zigarillo anzünden (…), jedenfalls wenn man einem für Kulturbeziehungen verantwortlichen Diplomaten der deutschen Botschaft in Rom glaubt, der mit diesem Spruch die Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau evoziert.

Andererseits brilliert von Becker mit seinen bestechenden Beschreibungen der Schönheit des italienischen Ambiente, wenn er beispielsweise die Insel Capri schildert oder das südländische Lebensgefühl ausmalt. Etwas verdorben wird einem dieses Lesevergnügen allerdings durch  eingestreute Klischees, etwa wenn auf einen gewitzten Schlagabtausch zwischen den Protagonisten eine phrasenhafte Äußerung in der jeweiligen Landessprache folgt. Sätze aus dem Sprachführer für Dummies wie „Ciao Bella, Ciao Bello,“ „Shit happens“, „Oh no, oh shit!“, „Bullshit, bullshit, bullshit!“  zerstören eine gerade aufgebaute Atmosphäre, in die der Leser hineingetaucht war. Der Einsatz fremdsprachlicher Zitate wirkt jedenfalls durchweg prätentiös.

Trotzdem: „Céleste“ ist ein stellenweise faszinierender Roman mit vielen guten Ideen, die aber oft nicht ganz zu Ende gedacht wurden. Vieles wird der Fantasie der Leser abgefordert, die eingeladen sind, die vom Autor gelegten Fäden weiterzuspinnen. Ob es ihnen nun gelingt oder nicht, das Ende kommt in jedem Fall überraschend.

© Céleste, Peter von Becker, mare Verlag

Titelbild: © Photo by Aaron Burden on Unsplash

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