Kunst
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Ein Koffer voller Bilder

C/O Berlin zeigt erstmals Fotografien der Deutsch-Jüdin Lore Krüger.

Das Foto einer Frau. Der Blick: abwesend, verträumt. Endet im Nichts. Den Kopf hat sie auf ihre Handballen gestützt, die Finger ruhen an den Schläfen. Die dunklen, kinnlangen Haare sind sorgsam aus dem Gesicht gestrichen, fallen in leichten Wellen nach hinten. Zu sehen ist Lore Krüger, eine Frau, deren Werk beinahe unentdeckt geblieben wäre.

Mit ihrem Tod 2009 beginnt die Karriere als Künstlerin: Beim Ausräumen ihrer Wohnung entdeckt Ernst-Peter Krüger, Sohn von Lore Krüger, zwei schwere Mappen – gefüllt mit rund 250 Fotografien. Ein Geheimnis, das bis zu diesem Zeitpunkt bewahrt wurde, denn von ihrer Vergangenheit als Fotografin hat Lore Krüger ihren Kindern nie erzählt. Die Mappen bringt ihr Sohn drei Jahre später zu Kurator Felix Hoffmann und ermöglicht den Besuchern heute einen privaten Blick auf das Leben einer Frau auf der Flucht vor den Nationalsozialisten.

Ein Koffer voll Geschichte

Rund hundert Werke der deutsch-jüdischen Künstlerin präsentiert die C/O Berlin Foundation nun erstmals der Öffentlichkeit. Die Fotografien sind Unikate. Negative gibt es keine. Die Ausstellung dokumentiert die Stationen von Lore Krügers Flucht zwischen 1934 und 1944. Ihre Werke aber, sind vor allem auch Zeugnis der Fotografiegeschichte: Sie zeigen den Übergang vom rein abbildenden Medium zur bildenden Kunst.

In zahlreichen Fotogrammen offenbart sich Krügers Liebe zur Avantgarde: Experimente in der Dunkelkammer, ein Spiel mit Licht und Formen. Feine Kreise von fragilem Glas, dünne Fäden, zarte Härchen von Pusteblumen-Samen, Schalen und Siebe: In Krügers Arbeiten wird der Alltag verfremdet und umgeformt. Eine Seltenheit zu dieser Zeit. Beeinflusst wurde die Künstlerin besonders von Florence Henri, einer Bauhaus-Absolventin, die schon bei László Moholy-Nagy studierte und das berühmte Foto der melancholisch blickenden Lore schoss. Bei ihr beginnt die damals 21-Jährige eine Fotografie-Ausbildung in Paris, nachdem die antisemitische Bedrohung zu groß wurde und Krüger Deutschland verlassen muss.

„Wenn ihr diese Zeilen erhaltet, sind wir nicht mehr am Leben.“

Die Ausstellung dokumentiert die Flucht der jungen Frau nicht nur anhand ihrer Fotos. Zu sehen sind Reisepässe, Visa, Bücher und eine silberne Kleinbildkamera aus den 30er Jahren – von der ständigen Benutzung völlig abgegriffen und an den Seiten angelaufen. Neben den nüchternen Dokumenten findet sich auch ein Abschiedsbrief ihrer Eltern: Aus Furcht vor der Internierung entschließen sich diese zum Selbstmord.

Im Mai 1940 wird Lore Krüger zusammen mit ihrer Schwester deportiert. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann Ernst Krüger gelingt ihr die Flucht nach Mexiko, über Umwege landen sie in New York. Experimente wie in den früheren Jahren gibt es hier nicht mehr. Krüger widmet sich vielmehr Sozialstudien, fotografiert den Hinterhofalltag und deutsche Exilanten.

1946 kehrt Lore Krüger mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus dem Exil zurück und geht nach Ostberlin. Als Fotografin arbeitet sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr. Warum, ist ungewiss. Vielleicht versuchte sie zu verdrängen, die Jahre der Verfolgung hinter sich zu kassen und das Kapitel abzuschließen. Krüger begann stattdessen Romane von Autoren wie Mark Twain, Daniel Dafoe und Robert Louis Stevenson zu übersetzen – ebenjene anarchistische und freiheitsliebende Denker, wie auch sie eine war.

C/O-Galerie, Amerika Haus, täglich 11-20 Uhr, bis 10. April

 

Foto: Ausstellungsräume C/O Berlin, Metavolution/flickr

 

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Kategorie: Kunst

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