Kunst
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In ist, wer drin ist

Egal ob Nazis, Techno-Jünger der 90er-Jahre oder heutige Ausstellungsbesucher: für Realitätsflüchtige, ist der Boros-Bunker schon immer ein geeigneter Ort.

Nach fünf Stockwerken kann man sie hören – die Touristen, die auf dem Weg zum Brandenburger Tor sind, die Einkäufer auf der Berliner Friedrichstraße oder die Straßenbahnen des nahegelegenen S-Bahnhofs. Vier Stockwerke vorher – Isolation, kein Tageslicht, Geräusche nur von summenden Neonröhren, tickenden Zeigern oder anderen mechanischen Tönen. Man ist fern ab vom Straßengeschehen, obwohl man sich eigentlich mitten drin befindet, in einer Querstraße der Berliner Friedrichstraße, zwischen Hotels und Geschäften. Doch im fünften Stock des Boros-Bunkers ist das anders. Ein etwa faustgroßes und 2 Meter tiefes Loch in der Hauswand stellt die Verbindung zur Außenwelt dar, die der Besucher der Sammlung vorher wohlmöglich verloren hat.

Nazi-Bunker, DDR-Bananen und Techno-Tempel

Es ist auf dem ersten Blick ein ungewöhnlicher Ort, den sich das Ehepaar für seine Kunstsammlung ausgesucht hat. Ein ehemaliger Nazi-Bunker, der 1942 von Karl Bonatz unter der Aufsicht von Generalbauinspektor Albert Speer entworfen wurde. Der massive, quadratische Hochbunker sollte während Luftangriffe als Schutz für Reisende der Friedrichstraße dienen. Durch seine Symmetrie ist er von allen vier Richtungen gleichermaßen zugängig. Die Nazis wollten ein klassizistisches Gebäude errichten, das nach Kriegsende zu repräsentativen Zwecken genutzt werden und dafür angeblich mit Marmor verkleidet werden sollte. Nach der Kapitulation besetzte die Rote Armee den Bunker und nutze ihn als Gefängnis. Später, während der 1950er Jahre, lagerte man dort, der guten Isolation wegen, importierte Südfrüchte, wodurch der Name „Bananenbunker“ entstand. Seit den 90er Jahren wurde der Bunker für kulturelle Anlässe benutzt: es entstand der Club „Bunker“ und Kunstausstellungen wurden veranstaltet.

Einschusslöcher und schwarze Wände

Etwa 60 Jahre nach Fertigstellung erwarb Christian Boros das Gebäude, worauf es für fünf Jahre, bis 2008, saniert wurde. Den Umbau übernahm Jens Casper, Architekt im Büro REALARCHITEKTUR, das unter anderem auch an der Sanierung der Berliner Volksbühne 2009 beteiligt war. Auf den fünfstöckigen Bunker ließen sich die Boros eine gläserne Penthousewohnung bauen, die durch Garten und Pool, einen Kontrast zum statischen Bunker stellt.

„Das Gebäude sollte nicht verschönert, sondern das von der Zeit Gezeichnete beibehalten werden“, so Boros in einem Interview. Läuft man durch die Sammlung, sieht man diese Spuren der Zeit. Die Betonböden sind mit Rissen durchzogen, die Wände kaum bis ungleichmäßig verputzt. An der Außenfassade des Gebäudes sind noch Einschusslöcher aus Kriegszeiten zu erkennen. Im ersten Raum der Sammlung prangen Richtungspfeile und „Rauchen Verboten“ Hinweise an den nackten Wänden, die als Orientierung für die bis zu 2000 Menschen dienen sollten, für die der Bunker ehemals konzipiert wurde. An anderen Stellen findet man Graffitis und schwarze Wände, Reliquien von den Gabber-Techno- und Darkroompartys der 90er Jahre.

 Labyrinth der Kunst

Boros forderte eine ganz neue Raumaufteilung. Aus ehemals 120 Kammern wurden 80 Räume gemacht. Wände wurden rausgerissen und Durchbrüche veranlasst. Die Architektur gleicht nach wie vor einem Labyrinth von verschachtelten Räumen, spielt aber mit Höhen und Dekonstruktion und schafft so neue Bereiche. Somit bekommt jeder Künstler einen eigenen Raum und Platz für seine Kunst.

Anders als in große Museumsbauten der letzten Jahre, wie die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe oder das Frieder Burda Museum von Richard Meiers, kommt die Kunst der Privatsammlung des Ehepaar Boros ganz ohne große Fenster und natürliches Licht aus. Doch die ausgestellte Kunst im Bunker adaptiert sich perfekt. Manche Arbeiten wie die des Künstlerduos Awst & Walther wurden vor Ort in den Räumen konzipiert. Awst & Walther verbinden zum Beispiel mehrere Zimmer mit einem Metallrohr, das durch die Wände führt.

 Tillmans, Boros und der erlesene Kreis

Nach der Eröffnung des Bunkers 2008, läuft derzeit die zweite Ausstellung, bei der unter anderem Arbeiten von Ai Weiwei, Olafur Eliasson, Thomas Ruff , Roman Ondak und Alicja Kwade gezeigt werden. Ein Künstler, der auffällig oft und fast in jedem Stockwerk vertreten ist, ist Wolfgang Tillmans. Boros sammelt seit den 90ern seine Arbeit. Die Fotografien zeigen unter anderem die Technoszene der 90er Jahre in London, womit sich die Arbeit perfekt in den Kontext des Bunkers setzen lässt. Dass auch Fotografien Tillmans in der Panoramabar des Berghains hängen, kann man als logische Erweiterung dieser Arbeit sehen.

Die Sammler wollen ihre Kunst für jeden zugänglich machen. Doch an der Außenfassade deutet nichts auf die Ausstellung hin, der Bunker kann nur mit Führungen besucht werden und muss mit längeren Wartezeiten im Voraus gebucht werden. Dass die Ausstellung nur in kleinen Gruppen besucht werden kann mag an den Sicherheitsvorkehrungen liegen. Wieso über diese aber während der Berlin Art Week hinweggesehen wird und dann das Gebäude für jeden zugänglich ist, ist fraglich.

Die Sammlung richtet sich somit an den informierten Besucher und nicht an Passanten der großen Querstraße. Wohlmöglich reiht sich so auch der Boros-Bunker in seine Tradition ein. Denn ob als „Schutzort“ im Krieg oder „Freiheitsort“ für eine Musik-Szene, es war immer nur ein erlesener Kreis, der sich an diesem Ort zurückgezogen hat. So ist der Bunker auch heute noch ein guter Ort, um die Verbindung zur Außenwelt für ein paar Stunden zu unterbrechen.

 

Titelbild: Thomas Scheibitz Tinte und Zucker, 2007; Carlo Crivelli, 2006. Foto: © NOSHE

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Kategorie: Kunst

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