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If it’s verboten it’s got to be fun

Credit: Craig Robinson

Für seinen Blog „Abandoned Berlin“ schaut Ciarán Fahey hinter Absperrzäune und Verbotsschilder

Es soll in Berlin einen verlassenen Vergnügungspark geben, mitten in der Stadt. Wo umgestürzte Dinosaurier im mannshohen Gras liegen und die leeren Gondeln eines Riesenrads im Wind schaukeln. Ciarán Fahey (34) ist gerade nach Berlin gezogen, als er zum ersten Mal vom Spreepark hört. Einige Wochen lang zögert er, dann ignoriert er das Verbotsschild und klettert über die Absperrung auf das Gelände. Was er auf der anderen Seite des Zauns findet, lässt ihn nicht mehr los. „Es war, als würde ich durch eine andere Welt wandern“, erinnert er sich. Danach habe er das Gefühl gehabt, dieses Erlebnis mit anderen teilen zu müssen.

Sieben Jahre später hat der Ire mit den wuscheligen Haaren dutzende verlassene Orte in Berlin und dem Umland besucht und darüber auf seinem Blog „Abandoned Berlin“ berichtet. Er erzählt dort von überwucherten Fabriken und Krankenhäusern, und von Freibädern, in denen nur noch Enten schwimmen. Die Natur holt sich ihr Terrain zurück und Fahey dokumentiert mit seinen Fotos und Texten den eigenartigen Zauber, den diese Rückeroberung entfaltet.

„Die Geschichte ist mir wichtiger als die Fotos.“

Das kann in baufälligen Gebäuden durchaus riskant werden. Einmal stürzte die Decke eines Raumes ein, nur wenige Minuten nachdem ihn Fahey verlassen hatte. Außerdem ist das Betreten der Grundstücke rechtlich nicht unproblematisch. Oft muss sich der Blogger im Gebüsch vor Wachmännern verstecken. Bislang hat ihn nur ein einziges Mal ein Sicherheitsbeamter entdeckt. „Er war sehr aggressiv und wollte, dass ich meine Fotos lösche. Aber ich hätte mich lieber mit der Polizei angelegt, als das zu tun“, erinnert sich Fahey. Der Wachmann führte ihn vom Gelände. „Doch dann fragte er plötzlich, ob ich 25 Euro für eine Fotoerlaubnis zahlen würde. Ich stimmte zu, bekam eine Quittung geschrieben und alles war in Ordnung. Das fand ich sehr deutsch.“

Eigentlich wirkt Fahey zurückhaltend, beinahe schüchtern. Doch bei der Erinnerung an den aufgebrachten Wachmann nimmt sein Gesicht einen draufgängerischen Ausdruck an – der Abenteurer kommt zum Vorschein. Natürlich spielt der Reiz des Verbotenen bei den Streifzügen eine Rolle, gibt er zu. Doch er will den Orten mit Respekt begegnen. Manchmal stößt er auf die Matratzenlager von Obdachlosen, die in den Ruinen eine vorübergehende Bleibe gefunden haben. In solchen Momenten fühlt er sich wie ein Störenfried und verlässt die Räume ohne Fotos zu machen. „Ich würde es auch nicht mögen, wenn ein Fremder mein Zuhause ablichtet.“

Mit seinen Aktionen ist Fahey nicht allein. In den vergangenen Jahren machten sich weltweit immer mehr Blogger auf die Suche nach verlassenen Orten. Mit ihren Kameras durchstreifen sie Ruinen, immer auf der Jagd nach dem eindrucksvollsten Foto. Großartige Aufnahmen finden sich auf Abandoned Berlin natürlich auch. Doch Fahey geht es um etwas anderes. „Mich fasziniert besonders die Geschichte des Orts. Wenn ein Gebäude errichtet wird, beabsichtigt niemand, dass es eines Tages leer steht. Es muss also etwas Verrücktes passiert sein“, vermutet er.

Statt nach möglichst spektakulären Kamera-Perspektiven sucht Fahey deshalb zuerst nach den Spuren der Menschen, die den Ort einst belebten. Ob liegen gelassene Dokumente, Überreste von Möbeln oder Kritzeleien an den Wänden – nichts entgeht dem neugierigen Blick des Bloggers. Nach seinen Besuchen trägt er Informationen zusammen und erzählt seinen Lesern vom Schicksal der Ruinen. „Die Geschichte ist mir wichtiger als die Fotos.“ Außerdem liefert Abandoned Berlin zu jedem Ort eine Anfahrtsbeschreibung und Tipps zum unbemerkten Hineinschleichen. Am Ende der Blogeinträge stehen Ratschläge wie „Bring eine Leiter mit“ oder „Dort musst du vor den Nachbarn auf der Hut sein. Die Deutschen haben scheinbar einen unkontrollierbaren Drang, die Polizei zu rufen, sobald sie denken, jemand bricht die Regeln“. Die Leser werden zu Komplizen des Bloggers, der ihnen seine Geheimnisse anvertraut.

Bevor sie verschwinden

Der Drang, sich mitzuteilen – vielleicht, so vermutet Fahey, komme dabei der Journalist in ihm durch. Hauptberuflich arbeitet der Ire als Sportjournalist für eine internationale Nachrichtenagentur. „Um die Miete zu bezahlen“, wie er zugibt. Denn verdient hat er mit seinem Blog bislang nichts. Das soll sich nun ändern: Im Februar 2015 ist das gleichnamige Buch zum Blog erschienen. Zwar enthält es ebenfalls Texte und Fotos von Ciarán Fahey, doch den humorvollen Ton und die Nähe zum Leser sucht man darin vergebens. Postkarten und Poster sind ebenfalls in Planung. Findet nun der Ausverkauf von Abandoned Berlin statt? „Nein“, sagt Fahey entschieden. „Was ich verdiene, soll wieder in den Blog zurückfließen.“ In naher Zukunft wolle er sich erstmal eine neue Kamera zulegen.

Immerhin hat er noch viel vor. Auf einer Liste hält er die Namen aller Orte fest, die er noch besuchen will. Aktuell finden sich darauf 90 verschiedene Adressen und ein Ende ist nicht in Sicht. Fahey ist sich bewusst, dass er nicht alle Orte erreichen wird, bevor sie den Planierraupen zum Opfer fallen. „Natürlich können die Gebäude nicht für immer in ihrem verfallenen Zustand bleiben. Aber es ist eine Schande, dass sie einfach abgerissen oder zu Luxusapartments umgebaut werden.“ Oft, so Fahey, hätten die neuen Bewohner nicht mal die leiseste Ahnung von der Vergangenheit dieser Plätze. Nur auf seinem Blog werden sie hoffentlich für die Ewigkeit gerettet.

Titelbild: Craig Robinson
Erschienen in der taz. die tageszeitung im Juli 2015. Eine Sonderbeilage der KulturjournalistInnen der UdK Berlin zum Thema „Stadt, Raum, Grün“.

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