Literatur
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Die Rache ist mein, ich will vergelten

Uwe Kolbe legt mit seinem Buch Brecht eine unversöhnliche Vergangenheitsbewältigung vor und setzt dabei den Vorschlaghammer an.

Früher oder später überkommt wohl jeden die Grübelei über die Herkunft. Dann sind meistens die Eltern schuld. Sie haben einen nicht gefördert oder falsch gefördert, sie haben einen ignoriert, nicht geliebt, zu viel geliebt, auf die falsche Weise geliebt. Man verliert sich in hilflosen Sätzen wie, Wie konntest du mir das nur antun, das damals? oder Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, was das mit mir gemacht hat? Wenn es gar nicht mehr geht, kann man eine Therapie machen, z.B. – etwas einfallslos – eine Familienaufstellung. Man kann natürlich auch ein Buch schreiben, so wie Uwe Kolbe es getan hat.

Uwe Kolbe hat einen übermächtigen und einflussreichen Vater, der zwar nicht sein biologischer Erzeuger ist, aber sein geistiger Zieh-Vater und der vielleicht auf der ganzen Welt einen Namen hat. Uwe Kolbe klagt ihn an: Brecht.  Ja, Brecht, so schlicht und so ehrfurchtsgebietend wie es schon in Orange auf dem schwarz-weißen Buchtitel steht.

Was Kolbe in dem Büchelchen unternehmen will, ist im Grunde ziemlich schnell zusammenzufassen, obwohl sich seine These und ihre Ausführungen unerbittlich trostlos und quälend über immerhin nur 175 Seiten hinziehen. Er behauptet, Brecht hätte als dominantes Rollenmodell eines intellektuellen Künstlers  gewirkt, der jedoch durch seine Akzeptanz des Unrechtsstaates DDR und seine Allianz mit ihm, zu dessen Fortsetzung und Legitimation beigetragen hätte. Sein unheilvolles Vermächtnis hätte auch eine ganze Generation nach ihm folgender Intellektuellen geprägt wie Heiner Müller, Wolf Biermann, Thomas Brasch und Volker Braun.

Kolbe stellt gebetsmühlenartig die Frage:  „Hätte es ohne Brecht die DDR überhaupt so lange gegeben?“  Da er selbst zugibt, dass die Frage, so gestellt,  an sich ein Absurdum ist, muss er ziemlich weit ausholen, um seiner Frage zunächst einmal Legitimation zu verleihen und dann muss er sie natürlich auch noch beantworten.

Alles, aber auch alles ist Brecht.

Bertold Brecht, so Kolbe, sei im Grunde der größte Dichter des 20.Jahrhunderts gewesen, alles, aber auch alles sei Brecht. „Jedes kleine Haus unter Bäumen am See ist seins, jedes einzelne kleine Haus trostlos ohne den Rauch, der von menschlicher Anwesenheit zeugt. Jeder Haifisch, sogar jeder einzelne Haifischzahn gehört ihm, und das Messer, das man nicht sieht, obwohl es einer trägt, sowieso.“  Überhaupt, „Brecht ist so sehr bei jedem, der ihm einmal begegnet ist, dass er ihn mehr oder minder bewusst ein Leben lang im kleinen Handgepäck mit sich führen wird.“  Auch Uwe Kolbe, selbst Schriftsteller in der DDR und vor dem Mauerfall ausgereist, ist ein Betroffener, wie er sich nennt, man könnte auch sagen – so befremdlich das klingen mag – er sei einer der vielen Opfer Brechts, einer der vielen ihm auf den Leim gegangenen.

Denn Kolbe hat Brecht einiges vorzuwerfen, eigentlich so ziemlich alles. Brecht sei nicht nur ein sexistischer, gewaltverherrlichender, leider begabter Autor gewesen, er hätte auch eine Vielzahl  von Masken getragen, ein kurzhaariges populäres Chamäleon mit Brille sei er gewesen, mit – typisch! –  Zigarre und Lederjacke. Ihn hätte Kalkül getrieben, der Ruhm, das Geld, die Frauen, (nochmal) der Sex und die Herrschaft über andere Männer und Frauen. Der Spießbürger im Gewand des anarchistischen Intellektuellen, das ist nur eine der Masken, die Kolbe Brecht vom bebrillten Gesicht reißt. Dieses Bashing seines Übervaters betreibt Kolbe aber nur einleitend, um – ja was eigentlich – seinen Untersuchungsgegenstand Brecht vorbereitend moralisch zu diskreditieren. Dies liest man erstmal mit einiger Verwunderung, wenn einem vorher nicht klar war, was das Sexualverhalten eines Autors mit kleinbürgerlichem Hintergrund mit dessen politischer Wirkungsmacht zu tun haben soll. (Doch zu dergleichen Verwechslungen von moralischen mit ästhetischen Fragestellungen soll es ja in unserer heutigen Zeit häufiger kommen.)

Dann rückt Kolbe mit seinem Hauptargument heraus und klagt Brecht an, die ehemals „deutsche Sprache, auf der der Sinn lebte“ zu seinem Zweck auf eingängige Formeln heruntergebrochen und in den Dienst der kommunistischen Ideologie und ihrer Verbreitung gestellt hat: „Brecht war mit seiner überragenden Sprach- und Deutungsmacht der Organisator einer gewaltigen Matrix, genauer gesagt einer Patrix.“  Das ist natürlich keine Lapalie.  Denn für Kolbe ist der Kommunismus zu Recht eine Ideologie, die, zwar unter dem Vorzeichen eines Gegenentwurfs zum Faschismus, ähnliche Verbrechen wie dieser zu verantworten habe, besonders unter dem Stalinregime und letztlich dann auch in der DDR, mit ihrer Bespitzelung, ihren kulturellen Eiszeiten und den lockeren Schießübungen auf Menschen am antifaschistischen Schutzwall.

Die Verantwortlichkeit des Künstlers

Die grundsätzliche Überlegung nach der Verantwortlichkeit des Künstlers in einem totalitären Regime ist eine berechtigte und auch notwenige Frage. Das Ganze hätte wirklich interessant und aufschlussreich werden können, wenn Kolbe beim Schreiben nicht andauernd die Hand ausrutschen würde. Das Buch verkommt Seite um Seite zu einem persönlich motivierten Kahlschlag eines regelrechten Wut-Autors mit einem Faible für Unterstellungen (Brecht war neidisch auf Thomas Mann!) und krude Behauptungen, die seiner These zuarbeiten sollen.

So erfährt man zum Beispiel, dass Kunst in einer offenen Gesellschaft zwar vorhanden, aber ohne jegliche Wirkung und Bedeutung ist. Sie erscheine mehr oder weniger sichtbar, am Rand oder am Zentrum der Gesellschaft, ob es sie aber gibt oder nicht, interessiere im Übrigen niemanden. Im Ernst? Da muss man an manchen Stellen gleich zweimal lesen.  Kunstpraxis in einer offenen Gesellschaft wird da hinweggefegt, um gleich hinterher zu schieben, dass die Rolle des Dichters im totalitären Staat natürlich nicht hoch genug anzusetzen sei. Denn Brecht „nahm die Rahmenbedingungen hin, welche die Zensur ihm stellte, mit der Zensur beginnend.“ So einfach ist das mit der Hinnahme in einem totalitären Staat leider nicht. Ist es nie. Kolbe berührt zwar einen neuralgischen Punkt, wenn er die Frage nach dem Handeln in einem totalitären System und damit die Frage der Mitschuld und Mittäterschaft aufwirft, aber er hat irgendwie keine Lust, darauf eine durchdachte, differenzierte Antwort zu geben.

„Erstaunlich pathetisch, Herr Brecht!“

Das wirklich Nervtötende an dem Buch ist aber, dass es mit einer derart herablassenden und selbstgerechten Haltung verfasst ist, dass sich der Spieß bald umdreht, indem man immer mehr daran zweifeln möchte, dass es wirklich der liebe gute Brecht gewesen sein soll, der dem ganzen Unternehmen DDR den nötigen Schwung verliehen hat, seine miesen 40 Jahre durchzuhalten. Und aus dem mit Ressentiments beladenem Geraune helfen Kolbe auch nicht seine schnulzigen Gesten reflektierenden Schreibens heraus, wenn er ausruft: „Da steht es, das Wort und nun habe ich es gesagt“ oder „nein, hier zögere ich“ oder der literarische Dialog mit seinem toten Übervater auf ein „Erstaunlich pathetisch, Herr Brecht!“ hinausläuft.

Ob Heiner Müller sich hätte träumen lassen, dass er einmal als Zigarre nuckelnder, babyhafter Brechtnachahmer verhöhnt werden würde? Hat er sich als der große Paktierende mit der Macht gesehen, als er Arbeitsverbot hatte, nichts zu fressen hatte und seine Stücke nur in der BRD aufgeführt wurden, weil er mit einem dauerhaften Aufführungsverbot belegt war? Mehr und mehr fragt man sich, ob es Brecht wirklich anzulasten ist, dass er, zwischen Faschismus und Kommunismus wählend, sich für den Kommunismus entschied und dann an ihn als die bessere Möglichkeit glaubte? Und kann er zur Verantwortung dafür gezogen werden, dass die Parteigenossen, ihn nach seinem Tod für ihre propagandistischen Zwecke als ihr Erbe in Beschlag nahmen und ihn als den großen Verkünder des Sozialismus auf ihren Thron hievten?

In seinem Anhang weist Kolbe auf die Biographie Brecht & Co von John Fuegi hin, bei dessen Lesen ihm, er kann sich natürlich nicht enthalten das zu sagen, übel geworden sei. Fuegis Biographie machte seinerzeit als eine sehr genau recherchierte Analyse von sich reden, die unter anderem glaubwürdig und endgültig aufdeckte, in welchem Ausmaß Brechts literarisches Werk und sein Ruhm auf der Inanspruchnahme weiblicher Mitarbeit seiner vielen Frauen beruhte. Wen Brechts Allianzen mit der Macht und sein eigenes, heftiges  Liebäugeln mit den Angeboten des Kapitalismus interessieren, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt. Hierin ist auch nachzulesen, dass vieles darauf hinweist, dass er, der alte Windhund,  bereits im Begriff gewesen war die DDR zu verlassen, aber vorher darüber hinweggestorben ist.  Vielleicht war er doch nicht mehr bereit, die DDR einfach hinzunehmen. Jetzt soll er sie aber legitimiert haben. Einen Staat, den er ganze sieben Jahre erlebt hat.

Nach der Lektüre überkommt einen jedenfalls große Lust, mal wieder zu einem Text von Brecht zu greifen.

Brecht. Rollenmodell eines Dichters von Uwe Kolbe ist im Fischer Verlag erschienen.

Foto: La tombe de Bertolt Brecht et de Hélàne Weigel (Berlin) von Jean-Pierre Dalbéra unter CC-BY-2.0

 

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