Kunst
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Kaum zu fassen: Die transmediale 2017

In der immer flüchtiger werdenden Medienwelt braucht es keine Greifbarkeit, um Durchblick zu bekommen – manchmal genügt der Fingerzeig auf das Wirrwarr. Zum 30-jährigen Bestehen des Medienkunst-Festivals transmediale

Drei ineinander verkeilte längliche Betonblöcke, an den Ecken und Kanten leicht abgebröckelt und alles mit feinen Linien versehen, die an ein Koordinatensystem erinnern – kryptisch und karg wirkt das diesjährige Logo der transmediale. Kryptisch und karg ist auch das Bild des branchenfremden Internetnutzers, das er bekommt, wenn er versucht, sich auf der Website des Medienkunst-Festivals einen Eindruck von dessen Programm zu verschaffen. Aber: Alles das ist Teil eines detailliert ausgearbeiteten Gesamtkonzeptes.

„ever elusive“ ist nämlich der Untertitel der transmediale 2017, was so viel bedeutet wie: immer flüchtig, schwer fassbar, kaum zu erreichen. Thematisch wird dabei das Thema des letzten Jahres („conversation piece“) aufgegriffen, bei dem dazu aufgerufen wurde, die zukünftige Form kultureller Festivals zu reflektieren. Weiterhin geht es vordergründig darum, die Grenzen zwischen physischen und digitalen Räumen zu erforschen und auch die des Berufs- und Privatlebens, die allesamt im Zuge der Digitalisierung zunehmend miteinander verschmelzen. Bei Konferenzen, Screenings, Workshops und Performances kann der Besucher sich einen eigenen Eindruck machen – sofern er sich nicht vom wissenschaftlichen Fachjargon verängstigen lässt („neokybernetische Kopplungen“, „hybride Technoökologien“, „transversale Gebiete“).

Das Festival wirkt seiner Zeit voraus, möchte aber nicht als futuristisch verstanden werden. „Die transmediale bemüht sich, in der gegenwärtigen Welt zu bleiben, sich auf die drängenden Themen zu beziehen“, so der Leiter und Kurator Kristoffer Gansing. Bezug auf die Zukunft nehme man nur insofern, dass es darum ginge, jetzt Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Zukunft einmal aussehen könnte. Gansing, der 2012 die Leitung des Festivals übernahm, ist in seinem Job der Erste, für den das Digitale nie wirklich neu war. 1976 in Schweden geboren, beschäftigte er sich schon als Kind mit dem Programmieren von Computer-Spielen, betrieb später in Kopenhagen einen alternativen TV-Kanal und war Koordinator der Kunst- und Technologiegruppe „E.A.T. Sweden“. Trotz seines geübten Umgangs mit den Schnittstellen zwischen Medienkultur, Kunst und Alltag hat Gansing in den vergangenen Jahren dem Festival nichts von seiner charakteristischen Unübersichtlichkeit genommen, die sich auch und vor allem im programmatischen Ablauf widerspiegelt.

Den Blick auf das Diffuse zu richten erfordert viel Geschick

Das diesjährige Programm umfasst zwei Festival-Wochenenden im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW). Eines am Anfang des Programmplans, vom 2. bis 5. Februar, das zweite als Abschluss, am 4. und 5. März, sowie zwischenzeitlich stattfindende Veranstaltungen an verschiedenen Orten der Stadt. Des Weiteren wird, ebenfalls im HKW, während des gesamten Monats, die von der Autorin Inke Arns kuratierte Sonderausstellung „alien matter“ gezeigt. Die dort vertretenen lokal und international agierenden Künstler haben sich mit der Verbindung von Mensch und Maschine beschäftigt und stellen dabei die Frage nach dem Grundvertrauen in unsere Umgebung, in unsere Welt. Bezeichnend ist beispielsweise das Werk von Sascha Pohflepp: In einem seiner Videos liest die Performance-Künstlerin Erika Ostrander einen Text über die Menschheit vor. Der Text wurde von einer Künstlichen Intelligenz generiert, nachdem ihr unterschiedlichste Texte vorgelegt wurden – von enzyklopädischen Artikeln über die menschliche Biologie bis hin zu Beatles-Songtexten. Das daraus resultierende Begriffs-Wirrwarr und Ostranders ausreichend monotone Vortragsweise schaffen ein künstliches, stark fehlerhaftes Spiegelbild des Menschen, bei dessen Anblick ihn die ständige Frage umtreibt, ob der Spiegel vielleicht die Realität abbilden könnte.

Recursion from Sascha Pohflepp on Vimeo.

„Wir haben uns in einem mittelalterlichen Dunst von Information verloren“, heißt es im Dokumentarfilm „The Sprawl (Propaganda About Propaganda)“ des holländischen Künstlerkollektivs Metahaven, der ebenfalls auf der transmediale zu sehen sein wird. „Wir haben höchstwahrscheinlich selbst falsche Informationen verbreitet, aber wir konnten nicht anders.“ Es ist diese Form der in digitalen Sphären immer schlechter kontrollierbaren Selbstwahrnehmung, mit der sich nicht nur der Film, sondern auch das ganze Festival beschäftigt. Allein auf ein solches Thema in all seiner Diffusität aufmerksam zu machen, erfordert viel Geschick. Dieses beweist die transmediale in diesem Jahr zum 30. Mal.

 

Festival: ‚ever elusive‘ – transmediale 2017
vom 2. bis 5. Februar 2017
https://2017.transmediale.de/

Ausstellung: ‚alien matter‘
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin
bis 5. März 2017
https://www.hkw.de/en/programm/projekte/2017/transmediale2017/transmediale_2017_ausstellung/2017_transmediale_ausstellung.php

Foto: transmediale

 

 

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