Kunst
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Die Kunst des düsteren Türstehers

Sven Marquardt ist nicht nur für sein herrisches Auftreten an der Tür des berühmtesten Berliner Techno-Clubs bekannt. Der 52-Jährige hat auch eine andere Seite – die des talentierten Künstlers.

Türsteher, Fotograf und Symbolfigur der Nacht – Sven Marquardt zählt seit zehn Jahren zu den bekanntesten Gesichtern Berlins. Die elektronische Musikszene kennt den gebürtigen Ost-Berliner für seinen selektiven Blick an den Pforten des weltbekannten Techno-Clubs Berghain. An den Wochenenden bewacht der „Eisenmann“, wie er von Bewunderern genannt wird, jede Nacht den Eingang des Betonblocks. Seine strenge Miene, die von gewaltigen Metallpiercings und Tätowierungen umgeben ist, wirkt einschüchternd. Ein Nicken oder Kopfschütteln des bulligen Hüters entscheidet schließlich darüber, ob ein Gast dem Inneren des Berghains gewachsen ist oder nicht. Obwohl Marquardt düster erscheint, zeigen zahlreiche Interviews nicht nur das Nachtwesen des 52-Jährigen, sondern ebenso das Bild eines sensiblen und begnadeten Künstlers.

Erste Motive auf dem Friedhof

Marquardt erlernt zu DDR-Zeiten den Beruf des Fotografen, den er bis heute erfolgreich ausübt. Seine Wurzeln liegen im Stadtteil Prenzlauer Berg. Hier ist Marquardt geboren, aufgewachsen und zu seinem Stil gelangt. Als Punk, dem besonders der modische Aspekt wichtig ist, darf Marquardt zu diesen Zeiten bestimmte Straßen nicht benutzen, da er in den Augen der DDR das saubere Image der sozialistischen Hauptstadt ruinieren könnte. Dies schreckt den jungen Marquardt nicht davon ab, seinen eigenen Weg zu gehen. Auf einem Friedhof probiert sich der Ost-Berliner erstmals in der Fotografie aus. Analoge Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind das Ergebnis seiner Ausdrucksform, an die sich Marquardt immer noch hält. Seine Bilder sind speziell und nicht für jeden Geschmack. Zu Beginn gehören viele Gesichter der DDR-Subkultur zu seinen Motiven. In den 80ern arbeitet Marquardt dann als Mode-Fotograf für „Sibylle“, eine angesehene Zeitschrift der DDR, und stellt seine Bilder in mehreren Ausstellungen zur Schau. Nach der Wende zeigt er ungewohnte Emotionen in seinen Fotografien, die Schmerz statt Jubel darstellen und somit auch Selbstinszenierung als Schutz charakterisieren.

Die Clubszene ist seine Spielwiese

In den 90ern sucht Marquardt eine neue Herausforderung und zieht sich für einige Jahre aus der Fotografie zurück. Er taucht in das Berliner Nachtleben ab, wird Türsteher und schließlich zu dem berüchtigten Mann, den jeder Anhänger der elektronischen Musik kennt. Das Berghain war für Marquardt jedoch auch ein Grund, seine geliebte Kamera wieder heraus zu holen. Seine Modelle sind meist Kollegen und Bekannte des Berghain-Volkes. Die Clubszene ist für Marquardt eine große Spielwiese. Hier findet er Menschen, die zu seinem künstlerischen Stil passen und die er unheimlich und melancholisch in Szene setzt. In seinem Bildband „Heiland“ von 2011 zeigt Marquardt bemerkenswerte Bilder, für die er großes Ansehen genießt, aber die auch Diskussionen wegen des Titels und religiösen Darstellungen auslösten.

In seiner Biographie „Die Nacht ist Leben“, die seit August 2014 in den Buchläden erhältlich ist, schildert Marquardt seine Lebensgeschichte, seine künstlerische Stilrichtung und bekennt sich zu seiner größten Muse – Berlin.

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Kategorie: Kunst

Als gebürtige Serbin bin ich im idyllischen Konstanz am Bodensee aufgewachsen. Nachdem ich meinen Bachelor in Journalistik an der Hochschule Hannover absolviert habe, zog es mich nach Berlin. Die Hauptstadt begeistert mich bereits seit Jahren durch ihre vielfältige Musik- und Theaterszene. Neben dem Schreiben von Reportagen und Porträts, zählt außerdem die analoge Fotografie zu meinen Leidenschaften. Sympathien: Skurrile, abstrakte Geschichten und Techno, Techno und noch mehr Techno!

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