Gesellschaft
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“Wir suchen den Kontrast”

Euphorie des Reisens, Euphorie für das einfache Leben. Das sind Schlagworte, die Simon (32) und Friederike Grimm (29) schon seit Jahren umtreiben, sie antreiben, jedes Jahr aufs Neue ihr Zuhause wochenlang hinter sich zu lassen und die Welt zu bereisen. Alles, was sie brauchen, tragen sie auf dem Rücken. Am liebsten gehen sie zu Fuß oder lassen sich von Einheimischen mitnehmen. Ihre Abenteuer haben intensiv ihre Lebenseinstellung geformt. Der Berufsschullehrer und die Doktorandin der Medienwissenschaften nutzen nahezu jeden Urlaubstag, den sie haben, um unterwegs sein zu können. Alles begann vor zehn Jahren mit einer achtmonatigen Reise durch Südamerika. Ihre jüngste Reise, eine einmonatige Backpacker-Tour, führte sie im vergangenen Sommer von Montenegro durch Albanien, den Kosovo und Mazedonien nach Bulgarien.
Ich habe mich mit beiden in ihrer Wahlheimat Freiburg zum Gespräch getroffen.
Fest steht, ihre Geschichten könnten Bücher füllen.

Acht Monate Südamerika: Ushuaia, das Ende der Welt, Argentinien 2009 (Foto: Friederike und Simon Grimm)

Kirsten Wilmes: Sie haben innerhalb von zehn Jahren mit dem Zug, dem Tandem oder zuletzt meist zu Fuß über 40 Länder bereist. Wo fangen wir an?

Simon: Das Thema ist super komplex. Wie viel Informationen allein in unserer letzten Reise von vier Wochen stecken… über diese Zeit könnten wir schon Stunden reden. Und das ist nur eine von vielen Reisen… Und dann gibt es noch allgemeine Dinge über das Reisen als Backpacker zu erzählen. Wir haben uns in den letzten zehn Jahren verändert und weiterentwickelt, unser Reisen hat sich entwickelt.

Durch die Digitalisierung hat sich auch das Reisen allgemein verändert …

Simon: Wir konnten beobachten, dass die meisten heute mit dem Smartphone reisen. Alle schönen Orte werden vorher mit dem Smartphone gecheckt und noch vor der Ankunft ein Zimmer im Hostel gebucht, außerdem stehen viele Reisende permanent mit ihrer Familie und Freunden in Kontakt. Bei unserer ersten Reise waren wir froh, alle paar Wochen ein Internetcafé zu finden, wo wir eine Mail nach Hause senden konnten. So reisen wir auch heute noch. Wir wollen voll in das Land eintauchen und nicht immer erreichbar sein. Und nur das Nötigste planen.

Als Backpacker muss man alle Dinge die man bei einer Reise braucht selber tragen. Was muss man dabei haben?

Simon: Ich sage immer: packe in deinen Rucksack alles ein von dem du glaubst, es zu brauchen. Und dann packst du die Hälfte wieder aus. Das Gewicht ist super wichtig. Wir wägen bei allem ab, ob uns das Gewicht das Tragen der Sache wert ist.

Wie finanzieren Sie Ihre Reisen?

Simon: Wir versuchen nicht nur wegen des Geldes günstig zu reisen, das günstige Reisen macht das Abenteuer aus. Wenn du im Zelt oder in der Hängematte am Strand schläfst, auf dem Markt isst, per Anhalter reist oder läufst, macht das einen großen Unterschied. Wir haben schon vor Jahren diskutiert, wie wir wohl reisen werden, wenn wir erwachsen sind. Selbst jetzt, wo wir beide gut verdienen, reisen wir so wie gehabt, weil uns sonst das Abenteuer fehlt.

Friederike: Wir leben unter dem Jahr recht sparsam, wir brauchen nicht viel. Wir geben nur Geld für Miete und Essen aus. Wir haben kein Auto, kein teures Hobby außer dem Reisen. Außerdem haben wir, während wir unterwegs sind, unsere Wohnung untervermietet. Für unsere letzte einmonatige Reise haben wir mit Flug so viel ausgegeben wie in Deutschland unsere Miete kostet. Natürlich kommt es auch aufs Land an. Wir suchen uns oft Länder aus, in denen man günstig reisen kann. Diese sind auch oft die weniger touristischen und somit aufregenderen Länder.

Sie trampen sehr oft und haben generell kein Problem mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Ist das so, weil man mit Ihnen direkt einen bestimmten Typ Mensch assoziiert, der Interesse an zwischenmenschlichen Begegnungen hat?

Simon: Wenn man Wanderschuhe, kurze Hosen und einen großen Rucksack auf dem Rücken, mit aufgerollter Isomatte hintendran, trägt, ist man ein Wanderer. Man ist unterwegs, man ist auf der Straße. Ich bin überzeugt davon, dass allein das Optische viel dazu beiträgt, dass wir angesprochen und im Auto mitgenommen werden.

Sie versprechen Geschichten, oder?

Friederike: Es ist nicht so, dass uns Leute mitnehmen und wir die ganze Zeit erzählen. Wir sind eher diejenigen, die fragen. Wir haben großes Interesse an den Menschen, mit denen wir mitfahren.

Simon: Wir fragen Sachen über das Land. Es ist erstaunlich, wie banal die Fragen sein können z.B. warum der Stausee Hochwasser hat und die Bäume im Wasser stehen. Alle Fragen, die mit dem Land zu tun haben sind gute Fragen, haben wir festgestellt.
Wir stellen aber auch tiefgreifende Fragen z.B. über den Konflikt zwischen Kosovo und Serbien. Es ist interessant, wie wir uns entwickelt haben, mittlerweile interessieren uns solche Themen noch stärker als früher. Wenn man über den Tag hinweg mit verschiedenen Menschen gesprochen hat, kann man eine große Diversität an Meinungen sammeln. Das gibt einem einen guten Einblick in die Gesellschaft des jeweiligen Landes. Wir sind wenig in der Erzählerrolle wenn wir unterwegs sind.

Warum wollen Sie während Ihrer Reisen immer draußen, manchmal sogar unter freiem Himmel, schlafen?

Friederike: Ich mag den Duft von meinem Zelt, den Duft vom Schlafsack. Unser Zelt ist unser Häuschen, unser Kosmos, wir machen unser eigenes Ding.

Ist Ihr Zelt, in all dieser Ungewissheit, das Stück Heimat, das Sie mit sich tragen?

Simon: So würde ich das nicht sagen. Der erste Punkt ist, dass wir die Herausforderung annehmen wollen, vier Wochen oder länger unterwegs zu sein und kein einziges Mal in einem Raum zu übernachten. Wir sind stolz, wenn wir es geschafft haben.
Aber der Hauptgrund, im Zelt zu schlafen, ist das Leben im Einklang mit der Natur. Die Natur steht für mich ganz stark im Vordergrund. Noch vor der menschlichen Begegnung. Die Kombination von zwischenmenschlichem Miteinander, dem kulturellen Aspekt, das Land zu erleben, gepaart mit der Natur, ist das Beste.

Friederike: Man erlebt Orte nochmal ganz anders, wenn man dort auch die Nacht verbringt. Wenn sich der Tag dem Ende neigt, die Farben sich verändern, Wolken aufziehen, vielleicht windet es, dann kuscheln wir uns in unsere Schlafsäcke. Am nächsten Tag aufzuwachen, das Zelt aufzumachen und dann in der Natur, eingekuschelt im Schlafsack, einen Kaffee zu kochen, nur wir beide, verbunden mit der Natur… Das macht den ausgewählten Ort nochmal um ein Vielfaches toller, als wenn man ihn einfach nur tagsüber erlebt. Man sieht den Ort in verschiedenen Lichtverhältnissen. Außerdem sind dort in der Regel keine anderen Menschen außer uns. Dieses Pioniergefühl: Wir sind die einzigen Menschen auf der Welt, die diesen Moment aufsaugen dürfen, als ob die Natur dieses Schauspiel nur für uns geben würde. Am besten ist das Übernachten unter freiem Himmel, ohne Zelt.

Was ist Ihnen bei der Wahl Ihres Übernachtungsplatzes noch wichtig?

Simon: Wir versuchen immer, unser Zelt in der Nähe eines Flusses aufzuschlagen. Wir waschen uns abends, das tut so gut nach dem Wandern. Und genau dasselbe morgens: wir frühstücken, trinken einen Kaffee und dann waschen wir uns. Dass wir keine Dusche mit warmem Wasser brauchen, uns eine Naturseife nehmen und uns damit nackt im Fluss waschen, egal wie kalt das Wasser ist, intensiviert unsere Naturverbundenheit. Das Gefühl ist der Hammer. Das macht süchtig, davon will man immer mehr. Das ist ein großer Ausgleich zum Alltag, weil man das im Alltag nie machen würde. Wir sind auf der Suche nach dem Kontrast.

Was waren die verrücktesten Orte, an denen Sie genächtigt haben?

Friederike: Wir hatten bei unserer letzten Reise in einem Nationalpark in Montenegro eine besondere Nacht. Abends gab ein Schäfer in unserer Nähe komische Geräusche von sich. Wir waren verwundert, haben aber nicht mit ihm kommuniziert, weil wir seine Sprache nicht konnten. Auf einmal kam eine riesige Schafherde aus dem Tal zu uns hoch gewandert. Wir waren umgeben von einer schmatzenden, sich organisch bewegenden Masse. Es war Vollmond, super magisch. Wir übernachteten unter freiem Himmel. Morgens um fünf summte unser Wecker. Der Vollmond war noch über uns und zu unseren Füßen lag ein weißer Hengst. Am Abend vorher war er noch nicht da gewesen. Ein schlafendes Pferd ist ein wahnsinniger Vertrauensbeweis. Vielleicht hat das Pferd auf uns aufgepasst. Wir haben versucht, nicht zu atmen um den Moment nicht zu zerstören. Wir haben ganz leise unsere Sachen zusammen gepackt, sind zur Quelle gegangen und dann im Morgengrauen davon gewandert.

Haben Sie das Gefühl, das ist das wahre Leben?

Simon: Weil unsere Gesellschaft so materialistisch ist und wir fast alles zur Verfügung haben, wollen wir wenigstens in unserer Freizeit einen Ausgleich schaffen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir auf der Suche sind. Ich weiß, dass in mir drin ein Gefühl steckt, das immer mehr von diesem Leben, das wir auf Reisen zelebrieren, haben möchte.

Warum reisen Sie dann nicht dauerhaft?

Friederike: Weil Reisen auch anstrengend ist – und reizüberflutend. Wir freuen uns nach dem Reisen auch wieder auf die Gesellschaft. Wir merken, dass es uns gut tut, mal rauszukommen. Um dann aber auch wieder schätzen zu können, was wir alles haben. Wir kommen nach Hause und dann feiern wir es, in unserem Bett zu schlafen, ich feiere es, dass ich wenn ich auf Toilette gehe, mir nicht vorher die Schuhe anziehen muss, barfuß in der Wohnung rum laufen kann, warmes Wasser aus dem Wasserhahn kommt, dass ich zum Kochen Schneebesen und Kochlöffel zur Verfügung habe und nicht nur eine kleine Gabel. Ich feiere die Gemütlichkeit unserer Wohnung, dass es einen Raum gibt, der mir gehört.

Simon: Das kann ich nur bestätigen. Das geht so weit, dass es zu unserer Lebenseinstellung geworden ist, zu verzichten, damit man weiß, wie besonders die Normalität ist. Wenn wir nach wochenlangem Reisen nach Hause kommen und dann das erste Mal wieder im Bett liegen und uns mit unserer Kuscheldecke zudecken. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, es ist der Wahnsinn. Dieser Moment, wenn etwas Alltägliches zu etwas Besonderem wird. Dieses Gefühl macht auch süchtig.

Wie gehen Sie mit den intensiven Erinnerungen und Gefühlen um? Wie konservieren Sie das Erlebte?

Friederike: Wir reden während der Reise über das Reisen. Diese Reflexion hilft, die Eindrücke zu verarbeiten. Natürlich machen wir auch Bilder. Wir machen aber generell eher wenig Fotos und sortieren die Bilder konsequent aus, von jedem Erlebnis höchstens ein Bild. Außerdem haben wir immer ein Reisetagebuch. Unterwegs entstehen viele Running Gags, die uns im Alltag immer wieder einfallen. Manchmal zerstört man den Moment auch, wenn man versucht, ihn zwanghaft festzuhalten.

Simon: Es ist schwer, anderen die Eindringlichkeit des Erlebten zu erklären. Gut, dass wir uns gegenseitig haben. Wir reden oft über unsere Erlebnisse, so können wir die Geschichten in unserem kollektiven Gedächtnis konservieren. Die Erinnerungen an die Reisen sind nicht immer im Gedächtnis präsent. Die Erinnerungen sind wir geworden. Sie haben uns geprägt und zu dem gemacht, was wir jetzt sind. Sie gehen in einen über, man kann sie nicht wie in einer Konservenbüchse aufheben. Diese Erkenntnis nimmt einem auch Druck. Wobei ich aber auch oft einfach nicht fassen kann, was ich sehe und erlebe. So viel Gastfreundschaft, so viel Freude, so viel Freiheit. Ich versuche das Gefühl aufzunehmen und die Freude auch im Alltag in mir zu tragen.

 

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