Gesellschaft
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Sorgloser als die Erwachsenen?

Versunken: Beim Spiel sind die Kinder in ihrer Fantasiewelt.

Kindergartenkinder dürfen den ganzen Tag lang spielen, toben und in einem warmen Raum sitzend Musik hören. Ein tolles Leben – oder? Doch die Kleinen beschäftigt viel mehr als das. Was uns Kindergärtnerinnen bei einem Besuch verraten haben.

Die Kleinen sind müde. Es ist halb zehn Uhr Morgens und sie gucken verschlafen aus der Wäsche, als sie von ihren Eltern abgegeben werden. Aber die Müdigkeit vergeht schnell. In der Kita am Lassenpark in Schöneberg gibt es genug Klettergerüste, Bauklötze und Kuscheltiere, die die Kinder in ihren Bann ziehen. Ich verstaue meine Kameratasche sicher unter einem winzigen Holzstuhl und zücke Kugelschreiber und Zettelblock.
Ich bin hier auf der Suche nach den ganz großen Gefühlen. Begeisterung, Überschwang, Glück – das müsste doch an einem Ort wie diesem bunten, gut geheizten Kindergarten nicht schwer zu finden sein!

Ein kleines Mädchen geht lächelnd auf mich zu. Sie trägt eine pinke Strumpfhose mit blauen Sternen darauf. Sie brabbelt aufgeregt, will mir etwas erzählen, aber ich verstehe kein Wort. Eineinhalb bis drei Jahre alt sind die Kinder in dieser Etage der Villa in Berlin-Schöneberg, die die Kita am Lassenpark beherbergt. Träger sind die Kindertagesstätten Berlin Süd-West, insgesamt 60 kleine Personen werden in den bunten Räumen mit den hohen Decken, die mit Stuck verziert sind, betreut. Sie dürfen nur von hinten fotografiert werden, das ist ihren Eltern wichtig.

Schöne Welt: Die Kita in einer alten Villa.

Wer sieht um zehn Uhr morgens schon so zufrieden aus?

An diesem diesigen Freitagmorgen im Winter sind in der Eulen- und der Mausgruppe nur rund die Hälfte von ihnen gekommen. Ein entspannter Vormittag für die Erzieherinnen. Sie lassen die großen schweren Holztüren zwischen den Gruppenräumen offen, und die kleinen Jungen und Mädchen laufen überall herum. Auch im Büro der Kita-Leiterin. Sie hat sie gerne um sich, sagt sie.

Aus einem CD-Player kommt leise Musik. Die Kinder wuseln über den Teppich, fallen hin und purzeln in die helfend ausgestreckten Arme der Erzieherin. Ein Kind sitzt auf ihrem Bein und sie wippt es auf und ab und singt dabei „Hoppe, hoppe Reiter“. Der kleine Junge jauchzt fröhlich auf. Es ist zehn Uhr morgens und dieses Kind sieht schon sehr glücklich aus. Wer könnte das an einem derart regnerischen Arbeitstag um diese Uhrzeit von sich behaupten?

Ich beneide die Kinder um ihre Begeisterungsfähigkeit

Ein Mädchen schubst ein Kuscheltier die Rutsche am Klettergerüst herunter und ruft begeistert „Jaaa!“, dann rutscht sie kurzerhand kopfüber hinterher. Und noch einmal. Sie sieht sorglos aus. Sie holt sich den kurzen Kick beim Rutschen. Immer wieder. Euphorie, das ist ein kurz anhaltendes Hochgefühl, ein temporärer Zustand der Begeisterung und Zuversicht. Die Kinder in der Kita am Lassenpark lassen sich sehr schnell für vieles begeistern. Ich beneide sie darum.

Jauchzen, weinen, Mittagsschlaf.

Zwei Jungen stecken jetzt schon zum dritten Mal bei einem Puzzlespiel bunte, verschieden geformte Bauklötze in dafür vorgesehene Löcher. Als sie fertig sind, werfen sie die Klötze auf den Boden und beginnen von vorn. Ihnen wird dabei überhaupt nicht langweilig. Sind diese Kinder zufriedener als wir Erwachsenen? Weniger unruhig vielleicht, mehr bei der Sache. „Das ist ein Zug!“, erklärt mir einer der beiden Jungen. Er deutet auf einen grünen, eckigen Klotz und dann auf einen dreieckigen. „Das ist ein Regionalzug, das ist ein ICE, und das“, er deutet entschlossen auf einen kurzen runden Klotz, „ist eine S-Bahn“.

Ein blonder Junge läuft durch die Räume und ruft „Huuu!“. Einer der beiden Jungen mit dem Bauklötze-Puzzle fängt jetzt an zu weinen. Der andere Junge hat ihm ein Puzzle-Teil weggenommen, sagt er. Kurze Zeit später schon haben sie sich wieder vertragen. Freude und Traurigkeit liegen bei den kleinen Berlinern in der Kita eng beieinander. „Er fühlt sich in solchen Situationen ungerecht behandelt“, sagt die Erzieherin, eine ruhige Frau mit viel Erfahrung. „Man muss ihm logisch erklären, warum er das Teil nicht bekommt.“

„Das hier ist harte Arbeit für die Kinder.“

Jedes Kind hat schon seine Persönlichkeit.

Die Kinder hier spielen nur scheinbar wahllos vor sich hin. Eigentlich ist die Kita ein komplexes soziales Gefüge, in dem jedes Kind täglich seine Grenzen auslotet. Sie suchen Anerkennung, auch bei mir, der Besucherin. Sie schenken mir Legosteine und wollen, dass ich ihnen beim Puzzle helfe. „Jedes Kind ist anders, auf jedes muss man anders zugehen“, sagt die Erzieherin, „wie bei Erwachsenen auch.“ Euphorie, das ist auch für die kleinen, scheinbar so sorglosen Kindergartenzwerge nur ein kurz anhaltendes Gefühl. Müdigkeit, Enttäuschung und Probleme, die gelöst werden müssen, gehören genauso zu einem Kinderleben.

Auf dem Arm der Kita-Leiterin hat ein Junge angefangen zu weinen. Sie hält ihm ihre bunt schillernde Kette hin, und er beruhigt sich wieder. Die Kette funktioniert immer, sagt die Leiterin. Es ist Mittagszeit. „Sie werden müde“, sagt sie erklärend. „Das hier ist harte Arbeit für die Kinder.“ Sie müssen sich zusammenreißen, sich auf andere Kinder einstellen, Regeln befolgen.

Im Nebenraum haben die Erzieherinnen kleine Matratzen ausgelegt, für den gemeinsamen Mittagsschlaf nach dem Essen. Ich habe an diesem Vormittag im Kindergarten Euphorie, Freude und Ausgelassenheit erlebt, aber nicht nur das. Ein Kindergartenkind muss an vieles denken, kann nicht einfach in den Tag hineinleben. Auch wenn das eine sehr schöne Vorstellung von der Kindheit wäre.

© Fotos: Lena Völkening

Illustration: Heike Fischer

Illustration: Heike Fischer

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