Gesellschaft, Literatur
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Leben im bedrohten Körper

Ta-Nehisi Coates erzählt in „Zwischen mir und der Welt“ in Briefen an seinen Sohn von Geschichte und Wirklichkeit der schwarzen US-amerikanischen Gesellschaft.

Die USA hat sich ihrer Vergangenheit nie gestellt. Allein der Mythos ihrer „Entdeckung“ durch Columbus, der nach wie vor an allen Schulen der USA, Europas und wahrscheinlich der ganzen Welt gelehrt wird, basiert auf einer glatten Lüge, die völlig ignoriert, dass Amerika vor seiner „Entdeckung“ schon seit ca. 15.000 Jahren von Menschen bewohnt war, die verschiedensten Kulturen hervorgebracht und in sich vereint hat.
Auf die Phase der „Entdeckung“ und der anschließenden gewaltsamen Vertreibung und buchstäblichen Ausrottung der indigenen Bevölkerung folgte die Zeit der Sklaverei, während der aus purer Profitgier ein halber Kontinent entführt und versklavt wird. Aber Amerika sieht das nicht. Amerika sieht sich als Wächter aller Demokratien, als Friedensbringer, als Land der unendlichen Möglichkeiten.

In seinem Buch „Zwischen mir und der Welt“ hat sich der Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates damit auseinandergesetzt, was es heißt, in einem Land zu leben, in welchem seine Vorfahren über 250 Jahre in Sklaverei gelebt haben und in welchem er auch 150 Jahre später noch nicht annähernd den gleichen Status hat wie der weiße Teil der Bevölkerung.

Die allgegenwärtige Angst ist da

„Zwischen mir und der Welt“ ist in Form eines Briefes an seinen fünfzehnjährigen Sohn Samori geschrieben. Coates rollt darin anhand seiner eigenen Biographie die Geschichte des schwarzen Amerikas auf, welche vor allem von einer allgegenwärtigen, alles bestimmenden Angst und Machtlosigkeit gegen die Obrigkeit geprägt ist. Diese manifestiert sich in erster Linie durch willkürliche rassistische Polizeigewalt: „Denn die Angst, sie ist da. Wenn du nicht bei mir bist, ist sie am größten. Aber sie war schon da, lange bevor es dich gab, und nicht nur mich hatte sie im Griff. Als ich in deinem Alter war, waren alle Menschen, die ich kannte, schwarz, und alle hatten beträchtliche, gefährliche Angst. Ich wusste schon in jungen Jahren, wie diese Angst aussah, auch wenn ich sie nicht immer als solche erkannte.“

Foto: Flickr/David Shankbone

Zu Beginn des Buches schildert Coates ein Interview, in welchem die Moderatorin ihn fragt, warum er glaube, dass der Fortschritt Amerikas auf Plünderung und Gewalt beruhe. Seine Antwort darauf ist schlicht die amerikanische Geschichte. Eine Geschichte, in welche die Idee unterschiedlicher Rassen mit unterschiedlichen Wertigkeiten so stark eingebrannt ist, dass sie auf unheimlich gewaltsame Art einen Keil zwischen die Gesellschaft treibt und die Menschen voneinander separiert: „Amerikaner glauben an „Rasse“ als fest umrissenes, naturgegebenes Merkmal unserer Welt. Rassismus – das Bedürfnis, Menschen bis ins Mark zu kategorisieren und daraufhin zu demütigen, zu reduzieren und zu vernichten – wäre demnach eine unvermeidliche Folge dieser unabänderlichen Gegebenheit.“

Aus der Perspektive des Körpers

Coates schreibt aus seiner eigenen Perspektive, aus der Perspektive seines Körpers, der wegen seiner Hautfarbe im Land seiner Geburt niemals in Sicherheit ist und wegen dem er sich ständig unterschwellig bedroht fühlt: „Aber du bist ein schwarzer Junge, und du bist zwangsläufig auf eine Weise für deinen Körper verantwortlich, die andere Jungs nicht erahnen können. Du bist sogar für die schlimmsten Taten anderer schwarzer Körper verantwortlich, die dir irgendwie immer zugeschrieben werden. Und du bist für die Körper der Mächtigen verantwortlich – der Polizist, der dich mit seinem Schlagstock prügelt, findet schnell eine Rechtfertigung in deinen verstohlenen Bewegungen.“
Dass dieses ständige Gefühl der Bedrohung für schwarze Menschen in den USA real ist, lässt sich an unzähligen Beispielen belegen. Einer der jüngsten Fälle ist der Mord an Alton Sterling im Juli 2016, dem vor einem Geschäft in Baton Rouge aus nächster Nähe von einem Beamten ins Gesicht geschossen wurde, während er mit Einwilligung des Besitzers vor dessen Laden CDs verkauft hatte.

Subtile Hoffnungslosigkeit

„Zwischen mir und der Welt“ ist auf eine subtile Art hoffnungslos. Coates will mit seinem Buch bewusst keine Hoffnung spenden, er will nichts beschönigen, er will nur die Dinge zeigen wie sie sind, wie er sie sieht. Dabei schont er niemanden, sondern er klagt an. Er klagt die Menschen an, „die sich für weiß halten“, er klagt die schwarze Community an, die nicht solidarisch genug miteinander ist, die sich von den ungeschriebenen Rassengesetzen auch untereinander trennen lässt. Selbst vor den Terroranschlägen des 11. September macht er keinen Halt: „Ich aber betrachtete die Ruinen von Amerika mit kaltem Herzen. Ich hatte meine eigenen Katastrophen. Der Polizist, der Prince Jones getötet hatte, war wie alle Polizisten, die uns misstrauisch beäugten, das Schwert der amerikanischen Bevölkerung. Kein amerikanischer Bürger würde in meinen Augen je rein sein.“

Sein Manifest ist eine Kampfansage, kein Heilsbringer. In einem Interview zu seinem Buch sagt er, dass die meisten Menschen, die für Freiheit und Frieden gekämpft haben, selbst nie die Resultate ihres Kampfes erfahren haben. Menschen, die heute dafür bekannt sind, dass sie etwas verändert haben, z.B. Martin Luther King, sind nur soweit gekommen, weil vor ihnen unzählige Namenlose den gleichen Kampf gekämpft haben, ohne dass sich dabei in deren Leben irgendetwas zum Besseren gewendet hätte. Coates will mit seinem Buch zum Widerstand auffordern, seinen Argumenten kann sich wohl niemand entziehen. Wer sich nicht von seiner klaren, aber dennoch poetischen Sprache einfangen lässt, muss spätestens bei all den Fakten und Zahlen aufwachen, mit denen Coates seine Eindrücke und Erfahrungen belegt.

Dem eigentlichen Text ist ein „Plädoyer für Reparationen“ angehängt, das in Form eines Essays schon vor dem Buch veröffentlicht wurde. Darin erfährt man in individuellen, persönlichen Geschichten, wie stark der farbige Teil der amerikanischen Bevölkerung benachteiligt wird. Der Leser erfährt von völlig willkürlichen Enteignungen, Benachteiligungen an Schulen, absichtlicher Segregation von schwarzen Menschen in Städten und den so entstehenden Ghettos, um nur einige Aspekte zu nennen.
Diese Wiedergutmachungen seien besonders für „Amerikas Psyche“ notwendig, denn wenn sich das Land nicht eines Tages seiner Vergangenheit stellt und seine Schuld anerkennt, wird es nie Gleichheit zwischen den Menschen geben. Coates fordert mehr Gemeinsamkeit, eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Welt, in der Begriffe wie „Rasse“ endlich abgeschafft werden.

„Zwischen mir und der Welt“ zwingt zum Nachdenken. Nicht nur über Amerika, sondern über die Welt, über Privilegien und Lebensrealitäten, die völlig anders und viel schwieriger sind als die eigenen. Speziell die Frage nach einem Aufarbeiten der Vergangenheit sollte auch in Deutschland, besonders im Hinblick auf aktuelle politische Entwicklungen und das Erstarken rechter Gesinnungen viel stärker im Mittelpunkt stehen.

Foto: Flickr/Riccardof

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