Gesellschaft
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Die Einen und die Anderen

The lid stayed on. Nobody sat up. It was kind of disappointing. Dia de los Muertos, Hollywood Forever Cemetery, Hollywood, California 2013

Der Tod der Anderen: Sind Friedhöfe in Deutschland zu ruhig?

In Mexiko gibt es die einen und die anderen Friedhöfe. Die einen gehören den Narcotraficantes. Hier  haben die Gruften gleich mehrere Etagen und sind ausgestattet wie 5-Sternehotels. Die Familien der gefallenen Drogenbosse können hier nicht nur exklusiv trauern, sondern auch ihre Autos parken, duschen, kochen, picknicken und übernachten. Außer Ihnen darf niemand die Tempel besuchen, die sich die Kartelle selbst erbaut haben. Es ist ein privilegierter und isolierter Ort.

Dann gibt es die Anderen. Das sind die Öffentlichen, ein bisschen so, wie wir sie kennen. Hier sind die Berühmten und die Namenlosen Nachbarn und es stehen Marmorbüsten direkt neben nackten Holz-Kreuzen. Das Einzige, was beide  Typen des mexikanischen Friedhofs gemeinsam haben: Hier herrscht bei aller Trauer noch das Leben. Hier geht es um Wiedersehen, nicht um Abschied. Am Dia de los Muertos feiern  die Lebenden mit den Toten.  Mit bunt bemalten Totenköpfen und noch schrilleren Kleidern marschieren sie auf die Friedhöfe ein. Mit lauter Musik, mit Leckereien, mit Farbe, Optimismus und Exzess.

Der deutsche Friedhof ist nicht lebendig. Auch der Dorotheenstädtische Friedhof nicht, obwohl wahrscheinlich kein Berliner Friedhof so  regelmäßig besucht wird, wie er. Er ist  so still und verwunschen, wie die Erinnerungen an seine unterirdischen Bewohner. Hier geht es ruhig zu und gesittet. Klar, ein paar Brecht-Jünger. Touristen. Gärtner.  Nichts Unerwartetes. Mich bedrücken diese ganze geballte Würde und Ernsthaftigkeit, der saubere Granit und die verdammten weißen Bänder um die dunkelgrünen Kränze. Alles  folgt streng und brav der Etikette des Schweigens.

Mich bedrückt dieses Schweigen. Ich hasse den Gedanken, eines Tages an einem Ort zu liegen, der so  leblos ist.  Der meinen Nachkommen jede Lust darauf nehmen wird, mich zu besuchen, wenn ich einmal tot bin. Der ein Mahnmal der Endgültigkeit sein will. Wenn ich auf so einen Friedhof trete, dann ist das so als wispere eine zynische Stimme: Du bist hier und die anderen sind drüben.  Ihr seid für immer voneinander getrennt und nichts kann das ändern. Pech gehabt. Und mach gefälligst deine Zigarette aus.

Würden wir die Toten ein bisschen weniger respektieren und ein bisschen mehr mit Ihnen tanzen – vielleicht wäre der Tod dann nichts, vor dem man sich sein Leben lang fürchten müsste.

Bild: David Selblod/Flickr

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