Gesellschaft
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Spiel oder Leben

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Fussball ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Manchmal auch ein Gesellschaftsspiel, das offensichtliche Misstände zerstreuen soll. – Jedenfalls ist es viel mehr als nur ein Spiel.

22. Juni 1994. Der kolumbianische Stürmer Andrés Escobar schießt im WM-Vorrundenspiel gegen die USA ein Eigentor. Kolumbien verliert und scheidet damit aus dem Turnier aus. Ein paar Tage später wird Escobar in einer Bar erschossen. Bis heute ist nicht vollständig geklärt, ob der Mörder als enttäuschter Fan handelte oder im Auftrag der kolumbianischen Wettspielmafia.

Das Beispiel Escobar zeigt, dass dieser Sport eines nicht ist: nur ein Spiel. Fussball peitscht die Emotionen hoch, spitzt sie zu. Und kann in seinen extremsten Momenten eine Entscheidung auf Leben und Tod bedeuten. Ein Fußballspiel gibt in 90 Minuten oft mehr Einblick in die Befindlichkeit einer Nation, als es Dokumentationen, Reiseberichte, Politikerreden oder soziologische Studien vermögen.

Gerade hat Kolumbien im WM-Viertelfinale gegen Brasilien verloren. Das Spiel war eines der härtesten des bisherigen Turniers. Zählte mit 54 Fouls zu den unfairsten Spielen. Brasilien führt mit 2:0, als der kolumbianische Verteidiger Zuniga den brasilianischen Star-Stürmer Neymar mit einem Sprung in den Rücken foult. Der Schiedsrichter ahndet das Foul nicht. Neymar krümmt sich vor Schmerzen, wird vom Platz getragen. Später stellt sich heraus, dass sein Lendenwirbel gebrochen ist und er für den Rest der Weltmeisterschaft ausfallen wird. Die Freude Brasiliens über den Einzug ins Halbfinale verfinstert sich. Im Netz twittern brasilianische Fans, Zuniga dürfe sich nie wieder in ihrem Land blicken lassen. Das Drama von Escobar würde sich sonst wiederholen. Fussball und Morddrohungen.

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Der verletzte Neymar wird vom Platz getragen

Deutschland hingegen freut sich. Es hat sich ins Halbfinale geschossen, Frankreich mit 1:0 besiegt. Das klingt wie eine Kriegsmeldung. Im deutsch-französischen Verhältnis stoßen die Vokabeln “Sieg” und “schießen” merkwürdig auf. Sie berühren einen neuralgischen Punkt – das zerrüttete Verhältnis zweier Nationen, an dem bis heute Aufbauarbeit geleistet wird. Bei Fussball greift eine Sieges – oder Niederlagenmeldung immer über den Sport hinaus. Sie spiegelt die Befindlichkeit einer ganzen Nation. Die Repräsentanten eines Landes sitzen im Stadion und feuern die Spieler ihrer Nationalmannschaft an. So jubelt Angela Merkel beim Vorrundenspiel Deutschland gegen Portugal im Stadion von Bahia. Die Meldung über das gewonnene Spiel wird zur ersten Nachricht des Tages, noch vor den Berichten über die Krisen in der Ukraine oder Syrien. Das spanische Kronprinzenpaar hingegen muss mit ansehen, wie sich ihre Nationalelf – eben noch als Favorit gehandelt – ins Abseits manövriert und nach der Vorrunde ausscheidet. Am selben Tag dankt König Juan Carlos nach fast 40 Jahren ab und überlässt den Thron seinem Sohn. Das verlorene Spiel wird durch den abdankenden König in seiner Tristesse verschärft. Politiker und Repräsentanten leihen dem Fußball die Insignien ihrer Macht. Da diese Macht weltweit herrscht, ist Fußball eine Weltmacht.

Fussball ist ein Spiel von enormer Widerstandskraft. Es ist so alt wie die Erfindung des Rads. Der Ball ist das Abbild der Erdkugel, des unaufhörlich rollenden Schicksals. Es ist ein Spiel, das die Epochen überrundet und überlebt hat. Es hat grobe Unsportlichkeiten ausgehalten, Bestechungsskandale, die Explosion von Gehältern und Ablösesummen flatterhafter Spieler. Spieler, die die oft keine Bodenhaftung mehr haben und der Identifikationsbereitschaft ihrer Fans nichts zurückgeben können.

Und Fussball besitzt Regenerationskraft. Mit jedem Spiel wird seine Faszination erneut aus der Taufe gehoben. Wenn der Spieltag gekommen ist, sind die Skandale, die Eintrübungen, die das Spiel als schmutziges Geschäft erscheinen lassen, weggeblasen. Kaum ist der Anpfiff verklungen, wandelt sich das Stadion in ein Organ, das auch den aufgeklärten Fan verschluckt. Ein, zwei Minuten stemmt er sich gegen den Sog – dann erfasst ihn die Dynamik des Spiels und er selbst wird zum Spielball seiner Gefühle. Flucht und hasst, um dann wieder in Liebeserklärungen zu seiner Mannschaft auszubrechen. Egal ob Studienrat, Maurer oder Musiker – sein Hals ist wie der seines Nachbarn von einem kratzenden Synthetikschal in Vereinsfarben umhüllt.
Es gibt viele Erklärungen dafür, dass ausgerechnet dieses Spiel so viel Leidenschaft in aller Welt auslöst. Fußball ist ein Spiel für alle. Die Kleinen haben ein Vorbild an Philipp Lahm oder Lionel Messi, die Langen an Mats Hummels oder Mario Balottelli, die Dicken an Rooney oder Ronaldo. Größere Intelligenz ist weder nötig noch schädlich. Fußball kann überall gespielt werden, in jedem Land. Es reichen eine freie Fläche und ein paar ineinander gewickelte Socken oder eine Dose. Es ist also leicht, Fußball zu spielen. Aber warum schauen so viele zu? Zum einen, weil sie selbst spielen oder gespielt haben. Zum anderen hat es mit Räumen zu tun, mit Verdichtung und Öffnung. Es ist diese spezielle Mischung von Gewühl und Befreiung, die es nur auf großen Spielfeldern gibt. Man mag den Fußball auch für das Gedribbel und Gegrätsche, aber die großen, erhabenen Momente sind die langen Pässe, die langen Läufe, die das Spiel öffnen. Nur im Fußball konnte Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kommen. In keinem anderen Mannschaftssport gibt es eine solche Vielfalt an Spielsituationen.

Fußball ist dem Leben näher als Basketball oder Handball, wo das Spiel aus der sturen Konfrontation von Angriff und Abwehr besteht. Beim Fußball gibt es ein Mittelfeldspiel, und das Mittelfeld ist der Ort des Lebens. Aus dem Mittelfeld heraus entwickeln sich Sieg oder Niederlage, Triumph oder Depression, im Mittelfeld droht das Leben zu versacken, im Mittelfeld verbringt man seine Zeit mit müßigem Ballgeschiebe, bis sich vielleicht doch eine Chance ergibt. Aber Tore sind selten, im Leben wie im Fußball.
Natürlich sitzt nicht jeder im Stadion und erkennt dort ein Gleichnis für seinen Alltag. Man kann es auch so sehen: Bierchen, Wurst, was zu gucken, mit 50 000 anderen tüchtig brüllen – auch das macht einen guten Nachmittag.

Aber sehen wir vor den Bildschirmen wirklich noch ein Spiel oder sind wir inzwischen selbst Bestandteile einer multimedialen Verstrickung? Aus dem einfachen Augenblinzeln eines Spielers wird in slow-motion der dramatisch gesenkte Blick eines tragischen Helden. Und die Stimme des Kommentators steuert unsere Gefühle, ist der authentischen Empfindung immer einen Schritt voraus. Die Spieler sind  zur vorgegebenen Projektionsfläche unserer ungestillten Sehnsüchte geworden.

Es ist nicht zu leugnen, dass der Fußball die Gesellschaft abbildet und in sie hineinwirkt. Frankreich hat sich als Einwanderungsland erst gemocht, als ein Zinedine Zidane oder Marcel Desailly 1998 den WM-Titel im eigenen Land geholt haben. Auch wenn die Kraft der Vorbilder nicht reichte, um die Aufstände 2005 in den Vororten zu besänftigen und Frankreich inzwischen wieder gefährlich nach rechts rückt.

In Deutschland ist längst eine Generation von Kindern herangewachsen, die ihre Nationalmannschaft nicht mehr am weißen Trikot und am weißen Gesicht erkennt. Seit Gerald Assamoah 2002 im Team der Nationalelf spielte, schließt sich deutsch und dunkelhäutig nicht mehr aus.
Es ist der Fußballplatz, wo gerade die weniger weltoffenen Bürger ihre Vorurteile überdenken müssen, wo Globalisierung eingeübt wird. Wer einen Verein liebt, ist längst Internationalist oder müsste es sein. In einem Nationalspiel stehen manchmal nur drei, vier Deutsche auf dem Rasen. Schön wäre, könnte man jetzt schreiben, was logisch klingt: Wer Rassist ist, kann nicht mehr Fußballfan sein. Aber ein Stadion ist nicht nur der Ort des Schönen und Guten, sondern manchmal das Gegenteil. Es ist weniger ein Idyll als ein Abbild. Die Gesellschaft erkennt sich hier auch in ihren problematischen Seiten, Rassismus und Gewalt, aber gleichzeitig liefert das Spiel Instrumente dagegen. Weil Fußball so populär ist, sorgt er für etwas extrem Wichtiges in disparaten Gesellschaften, in einer disparaten Welt: Erreichbarkeit. Während der schwarzafrikanische Spieler Samuel Eto’o 2006 bei einem Ligaspiel in Saragossa geschmäht wurde, zeigte der Torwart von Real Saragossa auf einen schwarzen Mannschaftskameraden. Das sollte heißen: Seht her, auch einer von uns. Die Welt wird so nicht gleich geheilt, aber die Rassisten sahen sich herausgefordert. Wer von Politikern längst nicht mehr ansprechbar ist, ist es vielleicht noch von Fußballstars. Nur dieses Spiel dringt vor bis in die hintersten Winkel der Gesellschaft. Diese unvergleichliche Kraft, Menschen zu erreichen, macht den Fußball und die WM auch zu einer kleinen Hoffnung für eine Welt, die sich gerade wieder in zwei Lager spaltet.

Beitragsbild: (c) Nazionale Calcio/ flickr.com

kleines Bild: (c) calcio streaming/flickr.com

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