Gesellschaft
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Kollektiver Rausch im Prenzlauer Berg

Pub Crawls gehören seit einigen Jahren zu Berlins beliebtesten Touristenattraktionen für junge Leute. Die geführten Kneipentouren bieten kollektiven Rausch im Stundentakt. 

„Tut mir nur einen Gefallen: Wenn ihr euch übergeben müsst, sagt Bescheid. Ich weiß, wo die Toiletten sind“. Ein Donnerstagabend Berliner Januar. Etwa 20 Leute stehen vor einer Bar im Prenzlauer Berg, es ist frühlingshaft warm. Debbie, die die Gruppe heute Abend führen wird, trägt einen schwarzen Mantel und Plateauschuhe. Sie gibt letzte Anweisungen auf Englisch. „Und rennt bitte nicht bei Rot über die Ampel, es wäre uncool, wenn einer stirbt.“ Die Gruppe, eine Handvoll Australier, vier Schweizer, ein englisches Pärchen, ein Italiener, ein Brasilianer und eine Russin, will heute Abend gemeinsam einen drauf machen. Noch stehen sie aufmerksam um Debbie herum. Die sammelt von jedem 12 Euro ein.

Nach der Ausweiskontrolle (Mindestalter 18 Jahre) bekommt jeder Teilnehmer einen ausgestreckten Mittelfinger aufs Handgelenk gestempelt. Diese Form der geführten Kneipentour nennt sich Pub Crawl, zusammengesetzt aus dem englischen Wort für Kneipe und crawl („kriechen“), einer Andeutung des physischen Zustandes, in dem sich die Teilnehmer am Ende der Tour befinden sollen. Aber noch ist es erst 21 Uhr, noch sind alle ein wenig schüchtern. In Berlin werden Pub Crawls jeden Abend angeboten, der Ablauf ist immer derselbe: Insgesamt werden vier verschiedene Bars angesteuert, in jeder muss mindestens ein Bier getrunken werden. Am Ende landet die Gruppe in einem Club – hoffentlich vollzählig, wahrscheinlich betrunken.

Viele Kneipen sperren sich gegen die aufdringlichen Fremden

Die erste Bar: Der lange, schlauchartige Raum ist noch ziemlich leer. An den Wänden hängen Marienkäfer und Sonnenblumen, aus den Boxen strömt Flower Power der 60er. Die Gruppe hält am Tresen. Jeder bekommt ein großes Bier in die Hand gedrückt, dann verziehen sich alle in den hinteren Raum der Bar. Im Dämmerlicht beginnen dieselben Gespräche, wie sie bei jedem Pub Crawl, ob in Sydney, Chicago oder Prag, geführt werden. Woher kommst du, was hast schon von der Stadt gesehen, wie lange bleibst du? James ist Italiener, seit ein paar Wochen ist er in Berlin, zum Arbeiten. „Es ist mein erster Pub Crawl“, sagt er. „Ich möchte in paar neue Leute kennenlernen, weil ich noch zwei Monate in Berlin bleiben werde.“ Winnie ist Australier und reist durch Europa. „Ich liebe deutsches Bier – ist das hier deutsches Bier?“, fragt er mit einem Glas Weizen in der Hand. Er wohnt zusammen mit Bernard aus Brasilien in einem Hostel. „Ich habe gehört, in Berlin kann man von Donnerstag bis Sonntag durchfeiern, das ist verrückt“, sagt er. Und Gras gebe es an jeder Ecke für lau.

Seit ungefähr sieben Jahren gibt es Pub Crawls in Berlin. Verschiedene Tour-Anbieter konkurrieren um die Touristenmassen: Die einen versprechen Originalität und Kontakt zu echten Berlinern, die anderen abgedrehte Bars. Aber viele Berliner – und viele Kneipen – sperren sich gegen die aufdringlichen Fremden. „Wir kennen die Bars, die uns reinlassen. Aber es gibt genügend, die von Pub Crawl nichts wissen wollen“, meint Debbie. Zwar lohne es sich wirtschaftlich an manchen Abenden durchaus, aber viele hätten Angst um ihr Stammpublikum.

Als die erste Bar nach einer Stunde verlassen wird, gibt es draußen den ersten Gratisschnaps. Auf einem Tablett serviert Debbie klare und giftgrüne „Shots“ aus kleinen Plastikgläschen. Die Gruppe ist nicht besonders groß, für jeden sind zwei drin. Debbie erinnert mit einem Augenzwinkern: „Know your limits!“ „Ziemlich süßes Zeug“, meint eine der Schweizerinnen, „davon geht noch einer.“

“Wir sind ja kein Kindergarten”

Stunde für Stunde wird die Bar gewechselt, überall mindestens ein Bier getrunken. Wer seins nicht pünktlich leeren kann, bekommt den Rest in einem Einwegbecher mit auf den Weg, dazu den nächsten Schuss. In der Absinth-Bar wird das Feuerzeug gezückt und der Schnaps angesteckt, jeder trinkt mindestens zwei Hochprozentige. „Hier ist alles so billig, das wäre ja Verschwendung, wenn wir da nicht zuschlagen“, meint Ben aus der Schweiz mit schwerer Zunge. 23 Uhr, eine Bar später: Das genervte Pöbeln der Berliner am Billardtisch wird überhört, zehn Minuten später ist plötzlich die Russin weg. „Wir haben zwar eine gewisse Verantwortung für die Leute, aber natürlich kann jeder machen was er will. Wir sind ja kein Kindergarten“, erklärt Debbie.

Dann steuert die Gruppe ihre letzte Station an: den Nachtclub. Unterwegs ein Stopp am Späti, die Australier kaufen Zigaretten und Bier. Die beiden Mädchen aus der Schweiz, gerade 18 geworden, sind aufgeregt. Sie holen Lipgloss aus ihren Taschen und versuchen, ihn auf ihren Lippen zu verteilen. „Jetzt werden wir ordentlich feiern.“ Die Stimmung steigt, die Lautstärke auch. Vor dem Club Matrix ruft Debbie die torkelnde Meute zurück: „Wir kommen mit unserem Stempel durch den VIP-Eingang rein.“ Kurzer Beifall, dann entpuppt sich der VIP-Eingang bloßals separater Einlass ohne Wartezeit, obwohl eh noch niemand vor dem Club ansteht. Drinnen ist das erste Ziel die Bar. Die Australier je ein Bier, die Schweizer einen Cocktail. Schnell löst sich die Gruppe in der Menge auf, lediglich die, die zusammen kamen, stehen noch beieinander. Der DJ hat gerade von Charts auf 90er Pop gewechselt, das kommt an. Debbie verabschiedet sich von denen, die sie noch sieht. „Ich bin ganz schön müde, aber es war eine tolle Tour. Genießt die Nacht.“ Für sie war es ein angenehmer Abend: Alle sind bei Grün über die Straße gegangen, und niemand hat nach der Toilette gefragt.

 

(Foto: Simon Welsh)

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