Gesellschaft
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Ein paar Minuten Ruhe

Direkt im rechten Seitenflügel des Brandenburger Tors befindet sich der „Raum der Stille“. Hier ist jeder willkommen, sei es um nachzudenken, zu beten…oder um Touristen zu entfliehen

Ein halbes Dutzend Chinesinnen halten sich an den Händen. Sie kichern verlegen und zählen leise. Dann machen sie einen winzigen Sprung, bei weitem nicht hoch oder lang genug, um auf einem Foto festgehalten zu werden. Wichtiger für das Bild war aber ohnehin das Brandenburger Tor, das sich im Hintergrund in den Himmel erstreckt.

Zu jeder Uhrzeit und an jedem Tag der Woche ist es Berlins Touristenmagnet Nummer eins.
Drum herum wird ein Foto nach dem anderen geknipst, Musik gemacht und in verschiedenen Sprachen durcheinander geredet.

Der Berlinbesucher findet in unmittelbarer Nähe alles, was sein Touri-Herz begehrt: verkleidete Grenzwachen mit Fahnen, Läden mit Berliner T-Shirt tragenden Teddybären und den amerikanischen Exportschlager Starbucks. Nur Ruhe, die findet er nicht.
Könnte man denken. Dabei ist dieser Luxus nur wenige Schritte vom Lärm des Pariser Platzes entfernt, genauer gesagt: mitten drin.

Ein Raum ganz ohne Teddys und Postkarten

Direkt im nördlichen Seitentrakt des Brandenburger Tors befindet sich der „Raum der Stille“.
Ein Förderkreis eröffnete ihn im Jahr 1994, um Berlin nach der Wiedervereinigung einen Ort der Ruhe und Besinnung zu schenken. Seitdem ist er täglich geöffnet, im Dezember von 11 bis 16 Uhr.

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Etwas versteckt: Der Raum der Stille

Von draußen ist er leicht zu übersehen. „Raum der Stille“ steht etwas versteckt an eine Tür geschrieben. Innen sitzt ein älterer Herr und verteilt auf Nachfrage Flyer in fünf verschiedenen Sprachen, damit möglichst viele Menschen den Sinn dieses Raumes verstehen. Die meisten Besucher gehen an ihm vorbei.
Touristen belagern den Raum, dabei ist er eher touristenuntypisch. Es gibt weder Postkarten noch kleine Teddybären zu kaufen.

In dem 30 Quadratmeter großen Zimmer stehen schlichte Stühle in einem Halbkreis angeordnet. Die weißen Wände sind nicht geschmückt, bis auf einen Wandteppich, auf den die Stühle gerichtet sind. Darauf zu sehen ist etwas braunes, wulstig Gewebtes, das vermutlich Baumstämme darstellen soll. Eine kleine Deckenleuchte ist so darüber angebracht, dass sich das Licht in der Mitte der Bäume sammelt.
Ein Mann mit schlohweißem Haar starrt mit gerunzelter Stirn darauf.

Unter dem Wandteppich liegt ein grauer Steinklotz. Sitzkissen sind um ihn angeordnet, wie um ein Lagerfeuer. Sie sind unbesetzt. Auf den Stühlen wechseln sich dafür Menschen jeglicher Nationalität ab.

Jeder ist willkommen

Eine dunkelhäutige Frau hat die Hände zum Gebet gefaltet. Ein junges, asiatisches Paar scharrt unruhig mit den Füßen und schaut sich etwas verlegen um, so als wüsste es nicht, was genau es hier eigentlich soll. Kurz darauf wirft der Mann verstohlen einen Blick auf sein Smartphone und die beiden verschwinden nach draußen.

Teilweise wirken die Menschen, die steif auf ihren Stühlen sitzen, ein wenig wie der Steinklotz, der auf dem Boden liegt: bemüht, aber irgendwie fehl am Platz.
Doch die Schlichtheit des Zimmers hat seinen Grund. Dem Förderkreis war es besonders wichtig, dass der Raum sich keiner Religion oder Weltanschauung zuordnen lässt. Jeder ist willkommen.

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Berliner Teddy im Souvenir-Shop vor dem Brandenburger Tor

Die Lage direkt im Brandenburger Tor ist kein Zufall. Hier soll an das gedacht werden, wofür dieser Ort bekannt ist und woran man dennoch nicht unbedingt denkt, wenn man nur vorüber geht.
Über Jahrzehnte hinweg stand hier das Brandenburger Tor vor allem für das geteilte Deutschland. Es markierte die Grenze zwischen Ost- und Westberlin. Mit dem Fall der Mauer wurde es zum Symbol des Friedens und der Wiedervereinigung Deutschlands. Der Raum soll diesen Gedanken des Friedens wieder aufgreifen.
Im Vorraum erinnert nochmal eindringlich eine Tafel mit dem Wort „Frieden“ in verschiedenen Sprachen daran.

Mit den Gedanken ganz bei sich – oder dem nächsten Kaffee

Ein bisschen ähnelt der Raum mit seiner herbei gezwungenen Stille Ruhe-Räumen strenger Schulen, in denen jedes Geräusch verboten ist, das nicht dem Lernen dient.
Hier wird der Besucher aber zumindest nicht von einer Aufsichtslehrerin beobachtet, sondern hat tatsächlich die Chance bei sich zu sein und nachzudenken, sofern er dies möchte.
Zum Beispiel könnte man darüber nachdenken, an was für einem geschichtsträchtigen Ort man sich eigentlich gerade befindet. Oder ob man den Starbucks-Kaffee gleich mit Vanille- oder Pumpkin-Spice-Sirup nimmt.

Die meisten der Besucher erwecken eher den Anschein, letzterem Gedanken nachzuhängen und möglichst schnell wieder hinaus zu wollen.
Möchte man wieder Trubel um sich haben, genügen wenige Schritte.
Schon ist man wieder im Mittelpunkt der Hauptstadt und kann sich bei Bedarf einen Starbucks-Kaffe holen, sich von Pferden herum kutschieren lassen oder einen kleinen I- love Berlin-Bären kaufen.

Die Chinesinnen stehen noch immer unverändert kichernd und Händchen haltend da. Sie wagen einen neuen Sprung. Man merkt, dass sie geübt haben. Dieses Mal dürfte es mit dem Erinnerungs-Foto in luftiger Höhe vor dem Brandenburger Tor geklappt haben. Als gut informierte Touristen wissen sie vielleicht sogar für was dieses Tor auf dem Foto steht.

Fotos: Amelie Graen

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Kategorie: Gesellschaft

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Hildesheim in einem Dorf, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Offen für andere Kulturen habe ich mein Studium der Medien und Kommunikation im Freistaat Bayern (Augsburg) und dann ein Semester in den Vereinigten Staaten von Amerika (Washington DC) verbracht. Währenddessen Praktika bei allem, was mir Spaß macht: in Print-, Fernseh-, Online- Redaktionen und bei einer Produktionsfirma. Meinen Berufswünschen aus einem Freundschaftsbuch der dritten Klasse kann ich nur zustimmen. Weise vorausschauend hatte ich auch damals schon einen Plan C für eventuelle Medienkrisen: „Schriftstellerin, Reporterin oder Schweinezüchterin.“

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