Bühne
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Zwischen Langeweile und Extase

Apichatpong Weerasethakul bewegt sich zwischen Kino und Theater: Er bringt „Fever Room“ auf die Bühne der Volksbühne. 

Eine Leinwand mit alltäglichen Sequenzen aus Thailand. Wasser, ein Boot, eine Frau mit Fahrrad neben einer Straße, wieder Wasser, ein Krankenhaus, mehr Wasser, wieder das Boot. Wellenrauschen und unzusammenhängende Gesprächsfetzen werden zu monotonen Wiederholungen. So starren einem die Bilder entgegen, während man im dunklen großen Saal der Volksbühne mit Sitzkissen auf dem Boden kauert.

Von der massiven Kritik gegenüber der Volksbühne ist im ausverkauften „Fever Room“ von Apichatpong Weerasethakul nichts zu spüren. Was man dagegen deutlich spürt, ist der eigene Rücken. Es lässt sich keine komfortable Sitzposition finden, die Aufmerksamkeit ist dadurch auf einmal beim eigenen Körper, den schweren Beinen, dem verspannten Nacken. Es fährt eine zweite Leinwand aus der Decke. Dann eine Dritte und Vierte. Regelrecht umzingelt von Leinwänden wiederholen sich die Sequenzen – jetzt vervielfacht mit leicht abweichenden Kameraeinstellungen und Soundelementen. Ein halb nackter Mann tastet sich vorsichtig durch eine Tropfsteinhöhle. Wieder Wasser, wieder ein Boot, das Krankenhaus, dann wieder die Tropfsteinhöhle.

Wer sich nicht von Anfang an auf Weerasethakul Art der Inszenierung einlassen konnte, dem wird es auch jetzt schwerfallen. „Fever Room“, Weerasethakuls erste Theaterproduktion, baut auf der Grundlage von Bildern seines jüngsten Spielfilms „Cemetery of Splendour“ (2015) auf und macht laut Programm „Kino zu Theater“. Unweigerlich stellt sich die grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich Theater? Der 1970 in Bangkok geborene Künstler lebt und wirkt heute in Chiang Mai im Norden Thailands. Mit seinen experimentellen Arbeiten über Dokumentarisches und Fiktion, Schlaf und Aktion überspannt der Künstler und Filmregisseur immer wieder Kino und zeitgenössischer Kunst – und jetzt auch Theater. Seine Themen sind dabei sowohl persönlich als auch gesellschaftlich, verbinden großräumige Videoinstallationen mit Kurzfilmen und Ausstellungen und machen ihn bei den Filmfestspielen von Cannes 2010 zum ersten thailändischen Filmemacher, der mit der goldenen Palme ausgezeichnet wird.

Nach knapp 50 Minuten im „Fever Room“ öffnet sich schließlich doch der verheißungsvolle Vorhang. Schauspielende gibt es nicht – dafür aber Nebel – und davon viel. Mit dem Vorhang verschwindet auch der thailändische Alltag. Die ungemütliche Sitzposition verschwindet zwar nicht, tritt aber das erste mal in den Hintergrund als Nebel und Licht die Beobachtenden in ihren Bann ziehen. Die intensive Installation gibt Raum, die eigenen Gedanken fallen zu lassen. Ein hypnotisierender Tunnel wird zur Nebel-Pyramide, wird zum transzendenten Erlebnis.„Im Zentrum stehen das Nachdenken über das Zeitgenössische, die Zukunft des Theaters und neue Verbindungen zwischen den Formen, Disziplinen und Praktiken“. Es scheint als wäre diese Selbstbeschreibung der Volksbühne eigens für „Fever Room“ und Weerasethakuls Visionen verfasst worden. Das flackern einer Laterne, blendende Lichtstrahlen, mystische Schatten und vibrierende Soundelemente: Wie im Rausch folgen die Augen den Lichtern, verbinden sich Gedanken und Musik, verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fieberwahn. Eine unglaubliche Installation von Sound, Licht und Nebel, die ohne Anfang und Ende zu sein scheint.

Bis überraschend die rechte Leinwand runterfährt und nach kurzem Gastspiel von Thailands Alltag der Abspann beginnt. Das erste Mal ist es völlig still im „Fever Room“: was tun? Applaudieren obwohl keine Schauspielenden da sind? Während manche noch voll im Sog der Installation zu hängen scheinen, sich auf den Rücken legen und die Augen schließen, klatschen andere zögerlich und verlassen den Raum ohne Zeit zu verlieren.

„Ich habe Gott getroffen“ hört man danach bei einem Bier in der Theaterbar, während an anderer Stelle nur der Kopf geschüttelt wird.

Weitere Vorstellungen: 27., 28.01.2018. Kein Nacheinlass!

Foto: Kick the Machine Films

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Kategorie: Bühne

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