Bühne, Gesellschaft
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Drastische Indoktrination

Worauf basiert deine Haltung zum Nahostkonflikt? Die Theatergruppe internil widmete den dritten Teil ihrer Performancereihe „GOG/Magog. Eine Desinformationskampagne“ im Theaterdiscounter in Berlin der Propaganda rund um das Reizthema Israel.

von Linda Gerner

Der Körper wehrt sich. Will nicht mehr. Ist vollständig angespannt. Möchte weg und kann sich doch nicht entziehen. „Brainwash complete. You have been systematically programmed to hate Islam.” Die knarzende Computerstimme schweigt endlich, der Körper sackt in sich zusammen. Ein Theatererlebnis mit psychischer und physischer Erschöpfung.

Status: Ist das etwa deine Meinung?

Eine Teilung steht am Anfang des Abends zum Nahostkonflikt. Beim Einlass muss sich im Theaterdiscounters zunächst zwischen zwei identisch wirkenden Eingängen entschieden werden –  selbst wenn beide im selben, leeren Raum münden. Keine Stühle, keine Kulisse. Knapp 40 Menschen stehen verloren herum und schauen sechs weiß gekleidete Schauspieler mit Kopfhörern wartend an.

Den Beginn aber machen Avatare. Im Rücken der Zuschauer*innen erscheinen sechs nackte, männlich anmutende Grafikfiguren an den Wänden. Mit ihren eindringlichen elektronischen Stimmen sprechen sie im Wechsel, dreisprachig und sich gegenseitig unterbrechend religiöse Verse. Die Gruppe bewegt sich unsicher im Raum. Dann setzen sanfte Gitarrenklänge ein und der Singer-Songwriter Brendon Miller erzeugt mit seinem warmen Gesang einen angenehmen Kontrast zu den computerbasierten Stimmen. Die nackten Avatare blicken die stehenden Besucher*innen weiter an, neigen den Kopf und blinzeln. Was wird hier heute Abend noch passieren?

Die Theatergruppe internil, die sich auch „Verein zur Untersuchung sozialer Komposition“ nennt, hat sich 2005 in Wien gegründet. Mit wechselnden Schauspielenden arbeitet die Gruppe in ihren Stücken mit aufwändigen Animationen, Skulpturen, Musik, Videos und Sprechtexten. Die aktuelle Perfomancereihe „Gog/Magog“ ist in ihrer Beschreibung eine „auf mehrere Etappen angelegte apokalyptische Desinformationskampagne.“ Sie soll zeigen, welche Rolle Propaganda in aktuellen Krisen spielt. Im Januar dieses Jahres inszenierte internil ein Stück zum Krieg in der Ukraine, es folgte im Juni eine Performance zum Syrienkrieg. Nun also Israel. Der bereits im 20. Jahrhundert entstandene Nahostkonflikt bekommt am Tag vor der Premiere durch Trumps Jerusalem-Beschluss neuen Zündstoff. Abschließen wird internil die Theaterdiscounter-Reihe mit einem Stück zur „Festung Europa“ im Mai 2018.

Status: Es ist kompliziert.

Die zweistündige Performance zum Nahostkonflikt scheint vor allem zu sagen: Es ist kompliziert. Und emotional. Propagandavideos prasseln laut, schnell und unangenehm in den Raum hinein, die Kriegsbilder ohne jegliche Form von Einordnung zu sehen überfordert. Auch ein hektischer Zusammenschnitt von YouTube-Rapvideos strapaziert die Besucher*innen. Auf der einen Seite der Leinwand wird „Free Palastine“ gebrüllt, auf der anderen Seite gegen Juden gehetzt. Die Zuschauer*innen stehen unter dem ständigen Druck räumlich schnell die Seiten zu wechseln. Einige geben auf und bleiben auf den kleinen Pappkisten sitzen, die als Stuhlersatz dienen. Sie erhalten eine einseitige Propaganda-Show.

Theater multimedial: „Israel“ ist für die Besucher*innen auch visuell anstrengend. Fotos: Nils Bröer

Die Schauspieler Arne Vogelsang, Marina Miller Dessau und Hori Izhaki streiten sich häufig an diesem Abend. Inbrünstig vertreten sie Positionen, die ihnen ja doch nur vom Kopfhörer diktiert werden. Was wollen sie mitteilen? Wollen sie etwas mitteilen? Ist die Erkenntnis des Abend: Es ist und bleibt kompliziert?
Theaterpublikum ist man an diesem Abend durchgängig und nie. Eine Touristengruppe läuft durch die Stadt Hebron. Bestaunt eine der ältesten Treppen der Welt und pilgert im nächsten Moment durch eine Kunstausstellung der israelischen NGO „Breaking the Silence.“ Diese berichtet über das alltägliche Leben von Soldaten in israelisch besetzen Gebieten. Doch es ist keine Zeit zu verharren, zu verstehen. Schnell erfolgt der Wechsel und die Zuschauenden werden zu Konzertbesucher*innen. Wohnen einer Podiumsdiskussion bei und finden sich plötzlich in der Rolle von Pegida-Demonstrant*innen wieder. Wie kommen wir hier hin? Und was soll man fühlen, wenn zerfetze Leichenteile auf einen zugeschoben werden? Muss man sie aushalten, diese Kunst, die so unangenehm riecht? Haarbüschel, Blut und Fleischstücke lösen Unbehagen aus. Instinktiv wird zurückgewichen, versehentlich aneinander gestoßen, sich leise murmelnd entschuldigt.

Wie, und auch wie schnell verändert Propaganda unser Denken? Erschöpft wird schließlich dem letzten Miller-Song gelauscht, denn „Musik ist da, wenn man sonst nicht mehr weiter weiß.“ Dann ist Schluss und die Berliner Nacht empfängt in der Klosterstraße: dunkel, kalt und schweigsam.

Der vierte und abschließende Teil der „GOG/MAGOG Desinformationskampagne“ der Gruppe internil wird mit dem Thema „Europa“ im Mai 2018 im Theaterdiscounter zu sehen sein.

 

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