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„Man lernt alle kennen – und alle kennen mich“

Spätiverkäufer Andi, Foto: Linda Gerner

Spätis gehören untrennbar zur Hauptstadt. Nachtschwärmer, Anzugträger oder Touris – Späti-Verkäufer treffen sie alle. Einer davon ist Andi, der hier nur seinen Vornamen nennen möchte. Er arbeitet seit 20 Jahren in dem Bereich, seit August in einem Kreuzberger Spätkauf in der Eisenbahnstraße. 40 Stunden die Woche, Mindestlohn und am liebsten Spätschicht. Zum Sitzen kommt er während der Arbeitszeit nie, irgendeine Biersorte muss immer nachgeräumt werden. Im Steh-Interview erzählt er von Kieztratsch, Stammkunden und Gentrifizierung.

Das Interview führte Linda Gerner, redaktionelle Mitarbeit von Lena Völkening und Christopher Land

Kulturschwarm: Warum sind Sie Spätiverkäufer geworden?
Andi: Ich habe drei Ausbildungen gemacht. Eine als Maurer, eine als Konditor im KaDeWe. Da fehlte mir jedoch der Kundenkontakt. Dieser Moment, bei dem sich Menschen wirklich über das freuen, was ich gebacken habe. Anschließend habe ich Einzelhandel gelernt. Aber immer nur an einer Kasse zu sitzen, das mochte ich auch nicht. Durch einen Freund hat sich ergeben, dass ich in einem Späti in Marzahn arbeiten konnte.

Also sind Sie ein echter Berliner?
Ich wohne seit 2000 in diesem Kiez. Davor habe ich in Neukölln gewohnt, nachdem ich 1988 – also noch ein Jahr vor der Wende – aus Ostberlin gekommen bin. Aber in meinen Augen verändert sich dieser Kiez seit zirka fünf Jahren radikal. Es ziehen viele Leute zu, die meiner Meinung nach einfach nicht hierher gehören. Das muss ich echt mal so sagen.

Wen meinen Sie damit?
Na die kommen zum Studieren aus München oder sonstwo her. Papa kauft hier dann schön eine Eigentumswohnung und alles wird dadurch teurer. Das ist gerade hier in Kreuzberg ein totaler Umbruch. Das sieht man auch an dem Konzept der Markthalle 9, das ist auch nicht mehr das, was es vor 20 Jahren mal war.

Was hat sich an dem Konzept verändert?
Durch die Markthalle 9 kommen am Wochenende Leute zum Einkaufen her, die gar nicht im Kiez wohnen. Das zieht natürlich alle Preise nach oben. Für die Ladeninhaber ist das gut. Aber für die Leute, die hier wohnen, zieht es den Lebensstandard nach unten, obwohl das Viertel offiziell „an Qualität gewinnt.“

Die Markthalle ist aber auch Touristenmagnet. Das bedeutet auch viel Umsatz für Sie.
Mir macht es Spaß so viele unterschiedliche Kunden zu haben! Die „Generalsprache“ ist Englisch, ich lerne verschiedene Kulturen kennen. Das ist es, was mich an der Arbeit so reizt. Aber es gibt auch Leute, die mögen das nicht. Das war ihr Kiez. Früher gab‘s in der Markthalle einen guten Fleischer. Heute gibt es einen Bio-Fleischer. Viele Leute, die schon lange hier leben, müssen aber aufs Portemonnaie schauen.

Kommen auch die Leute aus dem Kiez häufig zu Ihnen oder sind ihre Kunden vorrangig Touristen?
Ich denke, wir haben 60 Prozent Stammkunden und 40 Prozent Touristen.

Und die Stammkunden kommen wirklich jeden Tag?
Es gibt ganz viele, die jeden Tag kommen – und wenn sie nur ihre Schachtel Zigaretten holen oder am Sonntag Klopapier. Meistens aber dann doch eher zwei Bier. Diese Menschen sehe ich in jeder meiner Schichten.

Was sind das für Menschen?
Die sind so unterschiedlich! Quer aus allen Schichten. Wir haben den Hartz-IV-Empfänger, den Hausmeister, Rechtsanwälte, viele Leute die hier in der Gegend arbeiten. Das Publikum ist richtig bunt gemischt.

Dann lernt man die Leute näher kennen?
Man lernt alle kennen, ja. Und alle kennen mich!

Sie können doch bestimmt viele Anekdoten erzählen.
Da gibt es so viele schöne Sachen, ich müsste da eigentlich ein Buch drüber schreiben. Eine Gruppe trifft sich zum Beispiel jeden Abend an den Garagen gegenüber. Die sind mir richtig ans Herz gewachsen. Jeden Abend trinken die ihr Feierabendbierchen, ihren Kümmerling oder auch mal Jägermeister. Spaß haben die dabei immer und wenn ich frei habe, gehe ich rüber und trinke noch einen mit. Das sind so meine ganz persönlichen Lieblinge. Es gibt aber auch Kunden, die richtig Stress machen.

Das wäre meine nächste Frage. Es gibt also auch unangenehme Begegnungen hier?
Manche Kunden sind einfach aggro drauf. Da kannst du nichts gegen tun. Einfach nur rausschmeißen, Hausverbot, fertig.

Gibt es hier im Kiez großen Konkurrenzdruck?
In Berlin hebt sich jeder Späti irgendwie von dem anderen ab. Alle haben ihr eigenes Konzept. Früher habe ich zum Beispiel in der Pücklerstraße gearbeitet, jetzt bin ich in der Eisenbahnstraße. Zwei Läden, eine Querstraße weiter. Die beiden Spätis tun sich überhaupt nicht weh, weil jeder ein anderes Konzept fährt. Es gibt also keinen richtigen Konkurrenzgedanken.

Sie arbeiten gerne in der Spätschicht. Wieso?
Ich bin kein Frühaufsteher, ich mag das einfach nicht. Ich arbeite in der Spätschicht, und dann kann es von mir aus auch eine Stunde länger gehen, wenn was los ist. Wenn der Laden nachts um eins noch voll ist, mach ich eben eine Stunde länger. Gerade zum Feierabend entwickeln sich oft die besten Gespräche. Manchmal ziehen wir dann auch gemeinsam weiter.

Kreuzberg ist Andis Heimat: Für diese Straßen lässt er schon mal Mallorca links liegen. (Foto: Linda Gerner)

Nachtschichten bedeuten auch: Man schläft am Tag. Wie viel bekommen Sie vom „Alltagsleben“ mit?
Ich habe um spätestens drei Uhr nachts Feierabend, dann gehe ich nach Hause, esse etwas, gehe duschen und danach schlafen. Wenn ich dann spätestens mittags wieder aufstehe, bekomme ich auch noch etwas vom Tageslicht mit. Außerdem habe ich zirka 300 bis 400 Kunden am Tag und komme mit denen ins Gespräch. Da bekomme ich genug mit, etwa vom Kieztratsch. Da will ich alles wissen.

Was ist das, der Kieztratsch?
Alles, was jetzt hier rundherum passiert. Die Nachbarn haben immer etwas zu berichten. Manche haben auch Probleme und wollen mit mir darüber reden.

Wie stehen Sie zum Verkaufsverbot am Sonntag?
Sonntags ist immer der beste Tag für Spätis. Jeder Ladenbesitzer sollte frei entscheiden können, wann er öffnet. Andere Leute arbeiten doch auch am Sonntag. Bus- oder Bahnfahrer, Polizisten und Krankenwagenfahrer. Man hat seine Ausgleichstage. Ich gehe lieber sonntags arbeiten und hab dann unter der Woche Zeit, um shoppen zu gehen. Das wäre für mich optimal. Die Ladenschlusszeiten gehören abgeschafft.

Gibt es Tricks, mit denen manche Spätis trotzdem sonntags öffnen?
Die Spätis mit integriertem Lottoladen haben immer offen, da es auch ein tägliches Spiel gibt. Das ist ein kleines Schlupfloch. Dann gibt es Bezirke, in denen viel kontrolliert wird, beispielsweise Neukölln. In anderen Bezirken wird weniger kontrolliert und die Öffnung am Sonntag geduldet. Wieder andere machen erst nach 18 Uhr auf.

Würden Sie irgendwann auch mal aus Berlin wegziehen?
Nein, das ist keine Option. Mein Koffer bleibt ständig hier. Wenn ich eine Woche weg bin, vermisse ich Berlin, meinen Kiez und meine Leute. Da habe sogar schon mal meinen Urlaub auf Mallorca abgebrochen.

Foto: Linda Gerner

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