Bühne
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Ab durch die „Kulisse“

Seit mit Conchita Wurst ein bärtiger Mann im Abendkleid den Eurovision Songcontest 2014 gewann, ist Travestie wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. In Neukölln, wo sich Berlins letztes Travestietheater versteckt, betreibt man dieses Verkleidungsspiel schon seit Jahrzehnten. Ohne viel Aufsehen, dafür umso beständiger.

Wer vor zehn Jahren auf die Idee kam, nach Einbruch der Dunkelheit in Neukölln aufzuschlagen, ließ sich auf einen Spießrutenlauf der besonderen Art ein: In den Straßen schlugen sich vor allem provokationsfreudige, teils gewaltbereite Halbstarke die Nacht um die Ohren, mit dummen Sprüchen geizten sie selten. Ihre Wege wollte niemand kreuzen.

Auf Schatzsuche

Steht man heute auf dem Hermannplatz, kann man Hunderte dabei beobachten, wie sie in die Neuköllner Nacht ausschwärmen. Es sind Schatzsuchende. Sie halten nach einem Lokal mit besonderem Flair Ausschau. Auswahl gibt es mittlerweile genug. Sich zu entscheiden ist die letzte verbliebene Hürde.

Sie wird den Ausgehfreudigen auch in der Weserstraße nicht erspart: Wie Perlen auf einem kostbaren Faden reihen sich detailverliebt eingerichtete Kneipen an schmucke Ausstellungsräume, anatolische Restaurants an wohlsortierte Feinkostmärkte. Nur ein Lokal fällt aus diesem ästhetischen Reigen: Die Cocktailbar Kulisse. Vor ihren Schaufenstern stehen metallene Sitzgelegenheiten, wie man sie von Selbstbedienungsbäckereien kennt. Zum Verweilen laden sie nicht ein. Auf Laufkundschaft haben es die Barbesitzer aber ohnehin nicht abgesehen. Hier empfängt man Theatergäste.

Warten in der Kulisse

Rentnerpärchen, Junggesellinnen-Truppen, eine Gruppe Abiturienten: Sie alle lösen ihre mitgebrachten Tickets im Hinterzimmer der Bar, dem Theater im Keller. Geöffnet wird um halb neun. Bis dahin geduldet man sich vorn im Foyer, der Kulisse, das seinem Namen alle Ehre macht.

Kulisse

Die Kulisse – eine Bar wie jede andere. Fast.

Deren Einrichtung in den violett- und orangefarben ausgeleuchteten Räumen – ein ungewöhnliches Potpourri. Die Bar ist mit Ledermobiliar in nüchternem Braun bestückt, an den Fenstern hängen helle Vorhänge. Neben dem Tresen steht eine antik anmutende Männerbüste. Sie ist aus Plastik. Bis auf einen goldfarbenen Pappzylinder ist sie nackt. Und von einem Wandrelief lächelt Buddha.

Ein bewährtes Konzept

Doch so zusammengewürfelt die Szenerie im Foyer auch anmutet, das Programm in der Weserstraße 211 könnte klarer kaum sein: Hier wird Travestiekunst geboten. Ausschließlich. Seit bald dreißig Jahren.

Michael Brennckes Ensemble im TiK

Michael Brennckes Ensemble im TiK

Im Jahr 1987, als Intendant Michael Brenncke das Theater eröffnete, war er nicht der einzige mit diesem Konzept im geteilten Berlin. Seine Männer in Frauenkleidern frappierten die Neuköllner Nachbarn trotzdem. Während der ersten Wochen rissen Jugendliche noch die Tür auf, um streitlustig ein „na ihr Tucken!“ ins Foyer zu schmettern. Mit der Zeit aber gewöhnten sich die Anwohner an das Travestietheater. Und während in ähnlichen Lokalen – wie etwa im glamourösen Chez Nous in Berlin-Charlottenburg – der Vorhang ein für alle Mal fiel, erspielte sich das Theater im Keller seine Stammkundschaft.

Gut besuchter Familienbetrieb

Seit der Zuzug junger und kreativer Menschen das Ansehen des Bezirks aufgewertet hat, finden Touristen den Weg nach Neukölln, und damit immer häufiger auch in die Sitzreihen der kleinen Bühne. Sie haben mit damit sogar Einheimischen etwas voraus. Denn nur die Wenigsten wissen: Das Theater im Keller ist mit seinen beständigen Neuproduktionen die letzte Spielstätte ihrer Art in Berlin.

Travestieshow KiezGirls Theater im Keller Berlin tikberlin.de Neukölln PIC 2

Glamouröse Darbietungen erwarten die Theatergäste

 

Wenn dann der Gong ertönt und die Besucher ins Hinterzimmer drängen, kann Barchef Maik verschnaufen. Der Sohn des Intendanten unterstützt den Betrieb ebenso wie Brennckes Lebensgefährte, der für die Verwaltung und die Besucherbetreuung zuständig ist. Ab und an treten die beiden auf die Bühne, Maik etwa, wenn es in den Shows einen männlichen Part zu besetzen gilt. Prinzipiell aber singt, tanzt und flirtet ein festes Ensemble mit dem Publikum.

Schillernd und schräg

Die sechs ausgebildeten Schauspieler entwickeln mit ihrem Kollegen Brenncke zwei neue Travestieshows, mit jedem Jahr. Im Stück En Vogue  etwa verpackte das Ensemble Popsongs von Lana Del Rey und Lady Gaga ebenso ironisch wie Schlager aus den 70ern. Ob sie vom Band kamen oder live gesungen wurden;  die Darbietungen waren so vergnüglich, dass selbst die kultivierteste ältere Dame im Zuschauerraum schunkelnd mit einstimmte: „Ich sag‘ nur Sperma ist ekelhaft, wer wollte das bestreiten“.

Einen Ausblick auf geplante Shows finden Interessierte auf der Internetseite des Theaters: www.tikberlin.de.

Fotos: TiK

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Kategorie: Bühne

Ui, ein Feld für Selbstdarstellung! Ich lasse mich eigentlich zur Journalistin ausbilden, damit ich die Geschichten anderer erzählen darf – aus dem Off heraus. Mit diesen Erzählungen will ich von mir reden machen. Parasitär? Nö. Ins Rampenlicht gehören halt andere. Herkunftsland, bisheriges Studium – diese Zusatzinfos braucht meine Schreibe vorerst nicht. Sie finden, schon? Bemühen schon die Suchmaschinen? Stalken können alle – Befriedigen Sie Ihre Neugier doch auf direktem Weg: anna@gyapjas.de

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