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Pornieren im Moviemento

Sarah Pepin besucht das Kreuzberger Kultkino zur 9. Auflage des Internationalen Pornfilmfestivals

Neben dem türkischen Lebensmittelladen Nasil Gida am Kottbusser Damm hängt die unbeleuchtete Anzeige des Moviemento-Kinos. Es ist Freitagabend und die Leute stehen in zwei Reihen geteilt vor der Theke, fast wie in der Schule.

Zisch, ratter, dreh, brutzel. Die Popcornmaschine spuckt wieder mal fröhlich vor sich hin. Hier gibt’s ja auch das beste Popcorn der Stadt. Es schmeckt karamelisiert und knuspert unter den Zähnen: ein wahres Festmahl.

Full HD Penetration

Diese Woche steigt hier das 7. Pornfilmfestival. Eine Vagina schmückt in ihrer rosa-klitoralen Prächtigkeit die Wand über der Treppe. Links davon hängt ein Bild von einer Penetration, hohe Auflösung, nah rangezoomt. Pornos gucken ja eh alle anscheinend. Im Moviemento kann man das diese Woche kollektiv. Und das in den drei Sälen des ältesten noch bespielten Kino Deutschlands. Von “Fetish Shorts”, einer Kurzfilmreihe über Fetische, bis hin zu queeren Pornfeatures ist hier für jedermann was dabei.

PornFilmFestival2014Es klirrt hinter der Theke. Es gibt viel zu tun: der Kühlschrank muss aufgefüllt werden, alle trinken Bier beim Pornieren. Manche auch Fritz Limo, kommt drauf an wie krass man drauf ist. Das Publikum wirkt wider Erwarten jung und un-sleazy. Verpeilt, queer, befreit: hier kommen Regisseure aus Australien, Kiezbewohner, Studenten und Sexworker zusammen um Sexfilme salonfähig zu machen.

Vorne am Tresen steht eine pinkhaarige hermaphroditische Pornodarstellerin aus den USA. Die Atmosphäre ist bunt und ausgelassen. Alle möchten heute Abend “The Foxy Merkins” sehen, einen Spielfilm über eine asthmatische, übergewichtige, lesbische Prostituierte.

Moviemento goes Porno

Dass das Moviemento ein solches Event hostet, spricht für seine soziale und politische Einstellung. Als Kreuzberger Institution und Kultkino alter Schule wagt man etwas. Und Erfolg hat es hiermit auf jeden Fall. Seit die neuen Geschäftsführer das verschuldete Kino vor sieben Jahren übernommen haben, sind die Besucherzahlen stetig gestiegen.

Neben internationalen Erstaufführungen laufen hier viele Jugend- und Kinderfilme sowie anspruchsvolles Programmkino. Als linkes Kino zeigt es Filme wie “Mietrebellen” oder “Verdrängung hat viele Gesichter”. Gerade läuft auch “What we do in the Shadows”, eine neuseeländische Vampirkomödiendoku. Einseitigkeit kann man dem Moviemento nicht vorwerfen.

Kultkino vom Feinsten

Das Foyer füllt sich stetig. So langsam taumeln alle in Richtung Kino 1. Der Film ist komplett ausverkauft. Auf der Leinwand flimmert ein Beate-Uhse-Trailer. Auch in diesem Kino sind die Zeiten des 35-mm-Films fast vorüber: digital ist seit eineinhalb Jahren Programm. Nur ganz selten, bei Vorführungen des “Kleinen Maulwurfs” zum Beispiel, rattern die analogen Projektoren noch vor sich hin. Das war zu Gründungszeiten anders.

Vor 107 Jahren, als das damalige “Lichtspielhaus am Zickenplatz” in diesen Räumen bewegte Bilder an die Wände zauberte, gab es live Klaviermusik zu Stummfilmen. Vollkommen analog, das Handwerk des Filmvorführers. Alfred Topp nannte sich der Gastronom, der das Kino eingerichtet hat. In den 90er Jahren gab sich dann Tom Tykwer, Regisseur von “Lola rennt”, als Filmvorfüher und Programmleiter die Ehre.

Tanzende Ledertangas und gender-neutrale Klos

Die Lounge des Kinos existerte in jener Zeit nicht. Dort wuselt es jetzt nach dem Film gewaltig. Neben den gender-neutralen Toiletten findet heute ein Tanzworkshop statt. Der Tanzknabe trägt nur einen Ledertanga. Die Frau, die er betanzt, wirkt peinlich berührt. Ihre Wangen sind so rot wie die Kürbissuppe, die das Kinoteam zur 9. Auflage des Pornfilmfests gekocht hat.

Lange verweilt man hier jedoch nicht. Es geht weiter mit einer Kurzfilmreihe. Die Fotogalerie an der Wand zum Kino drei zeigt Zungenküsse, erotische Posen, Muskelmänner mit Vaginas. Elektronische Beats wummern im Hintergrund. Es wimmelt vor skurrilen Gestalten und interessanten Gesichtern. An gewöhnlichen Tagen schneiden hier des Öfteren Kinder Filmrollen zum Geburtstag auseinander. Manchmal trinken Aktivisten Prosecco gegen Gentrifizierung. Moviemento ist mehr als nur Kino. Wir nehmen einmal Moviemento on the rocks, bitte.

Foto: Jackie Baier, Porn Film Festival Poster: Claus Matthes & Jürgen Brüning

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