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Meine Lieblings(nach)bar

Geht man eine Seitenstraße zur populären Weserstraße hinunter, findet man eine andersartige Bar bevölkert von eingefleischten Neuköllnern, mysteriösen Asiaten und festlichen Griechen.

”Es gibt was wegen der Wohnung, dass du wissen musst“, sagt mein zukünftiger Vermieter, ein kleiner, aufgeweckter Grieche Mitte 30. Er schaut über die Schulter. Dann flüstert er: „Du wirst die Wand mit einer Bar teilen. Eine Rock-Bar“.

Er guckt mich mit einem Anflug von Furcht aus seinen dunklen Augen an. Wie ein Verkäufer, der daran gewöhnt ist, an der Türschwelle abgelehnt zu werden. Ich erwidere seinen Blick. Er riskiert es: „Der letzte Mieter hat sich über den Lärm beschwert“, sagt er zögernd. „Er hat es nicht bewältigt. Aber die Wohnung ist in einem super Zustand! Und du kriegst natürlich einen guten Rabatt in der Bar“. Sein Gesicht verändert sich zu einem vertrauensvollen Lächeln.

Ich überlege. Rabatt aufs Bier? „Warum nicht?“, heraus bringe ich ein – „I’m in“. Ich mag die Idee von einer Stammbar wo jeder meinen Namen kennt. Und gibt es einen besseren Soundtrack zu meinen Endzwanzigerjahren als das Geräusch von Rockmusik und betrunkenen Stimmen – das Bar-Leben – Seite an Seite mit meinem? Mein Vermieter zwinkert, und eine Woche später ziehe ich neben die griechische Rock-Bar ‚Du Beast‘ ein.

Das Biest der Bar

‚Du Beast‘ ist, hat man es verpasst, das pfiffige Wortspiel zwischen The Beast auf Englisch und Du Bist auf Deutsch. Besonders das erste ist vielsagend für die Bar, da es stellvertretend für die Stärke des Bartenders Panos Panagiotis steht. Vor 3 Jahren nahm er die Beine in die Hand und floh aus dem Bürojob in Griechenland. Seine Freunde, Michalis und Anastacis, die auch nach Berlin gekommen sind, hatten gerade ‚Du Beast‘ eröffnet. Panos wurde als Barchef angestellt und seitdem steuert er die Bewirtung mit fester Hand und Liebe.

Mit seinem kohlschwarzen, struppigen Haaren und dem dazugehörigem Vollbart ist der griechische Charmeur dem männlichen Protagonisten des Filmes The Beauty and the Beast nicht unähnlich. Im Unterschied zu dem groben Biest des Abenteuers, das vergessen hat wie man liebt, fließt Panos Liebe für Menschen aber mit demselben Tempo wie der Alkohol, denn er lächelt für jeden seiner durstigen Kunden. .

Er ist die Inkarnation des immer wohlgelaunten Bartenders der munter die Stammgäste willkommen heißt und bevor sie es wissen ein großzügigen Shot Wodka vor ihnen auf den Tisch platziert hat. Panos ist ein höflicher Mann, der nie seine Gäste alleine trinken lässt. Alle, die in den finsternen Raum mit dem dunkelroten Interieur und den gotischen Kerzenständern treten, bekommt eine Umarmung oder ein High-five mit auf den Weg .

If you cant beat them, join them

Dass das Personal in Du Beast entweder Kompromisse zur Musik oder zum Volumen eingehen möchte spüre ich an einem Sommerabend ein paar Wochen nach meinem Einzug neben der Bar. Meistens wechseln die verschiedenen Dj’s zwischen Rock and Roll und Hard-Rock wie The Black Keys, Led Zeppelin und The Doors. Aber diesen Abend dringt einigen Heavy-tendierende Töne, die von einem besonderen Schlag ist, man könnte sie auch mit Muttis Schlaflied verwechseln, durch die Wand und weiter in meine Gehörgänge hinein. Nach ein paar Stunden Schlaflosigkeit treffe ich einen resoluten Beschluss und gehe in die Bar: If you can’t beat them, join them.

Panos strahlt mit seinem einnehmenden Lächeln, als ich mich an den Tresen, den er und seinen Kompagnons auf solides Eichenholz gebaut haben, setze. „Malagas“ – das bedeutet „der, der masturbiert“, aber kann offensichtlich auch als freundschaftliche Begrüßung benutzt werden – ruft er und reicht mir ein Bier-Bier, das einzige Flaschenbier des Hauses. Ich trinke. Es ist ein Uhr, und die Bar ist voll.

Für eine Bar, die nur ein paar Jahre existiert hat und außerdem mit den über 20 anderen Kneipen, die wie Perlen auf einer Schnur auf der Weserstraße liegen konkurrieren muss, ist es imponierend ein volles Haus an einem Mittwoch zu haben. Panos meint bescheiden, dass es mit seinem eigenen Wohlvollen zu tun hat, und ich stimme ihm zu. Sein Übermut verbreitet sich an den Tischen wie ein Steppenbrand, und die unnachgiebige Rockmusik ruft nach Party und gefährlichem Spiel.

Gehirnflucht

Ich erkenne mehrere Gäste aus der Nachbarschaft. Den alten Neuköllner mit der rassistischen Einstellung zu Einwanderern, die zwei blonden Kunststudenten aus der Finowstraße 2, das Alkoholiker-Paar aus dem Treppenhaus neben mir. Und dann gibt es Panos Landsleute. Hinter dem DJ-Pult, wo ein Mädchen, dass er aus Athen kennt, den Sound steuert, hausen sie: Die jungen Griechen, die die Gehirnflucht ergriffen haben, weil sie keinen Job in ihrer Heimat finden können. Als Du Beast öffnete, erzählt Panos, dauerte es nicht lange, bevor das Gerücht über die neue „Griechische Bar“ sich in der Umgebung verbreitete. Ich spreche mit einem Typ, der als Programmierer ausgebildet ist und lange ohne Job in Griechenland lebte, wo die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen über 50 % ist. Nun hat er eine Arbeit in Charlottenburg gefunden.

„Es ist schön in einer Bar, wo ich unter Landsleuten sein kann. Viele von denen sind im gleichen Boot wie ich. Wir haben Griechenland ja nicht freiwillig verlassen“, sagt er und verschlingt sein Bier-Bier in einem Zug.

„Wir vermissen die Sonne“, gibt sein Freund, ein großer Athener, der im Gesundheitswesen arbeitet, zu.

In Panos Rockhöhle gibt es doch nicht viel Sonne. Aber das hindert weder die griechische-Schar in der Ecke, oder die restlichen Gäste der Bar daran die Laune und Alkoholgenuss hoch zu halten. Es ist 04:30, und immer mehr neue Leute kommen an. . Unter anderen zwei wortkarge asiatischen Männer, die sich lautlos an die Bar setzen. „Wer sind die?“, frage ich neugierig. „Meine Bodyguards“, antwortet Panos, und ich spüre keine Ironie in seiner Stimme. Er schenkt mir noch ein Wodka-Shot ein. Ich frage nicht mehr nach den mysteriösen Typen an meiner Seite . Aber ich kriege das Gefühl nicht los, dass nicht alle in der Nachbarschaft es wertschätzt eine Rockbar als Nachbarn zu haben. „Ich bin so müde“, sagt Panos plötzlich – „Vielleicht fahre ich bald zurück nach Griechenland“. „Nein“, rufe ich überrascht – „Du Beast kann ja nicht ohne dich existieren“. Panos seufzt.

Irgendwie bin ich aber auch erleichtert, dass Panos, anscheinend bodenloses, Energie-Fass geleert werden kann. Ich nehme seine Aussage als einen Wink, dass er gerne zumachen will, und taumele ins Bett. Durch die Wand höre ich immer noch betrunkene Stimmen und Musik. Aber jetzt ist es eigentlich ganz gemütlich.

 

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